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Geschichte Oberschlesiens

Schomberg 1927 – ilustracja codziennego życia w przedwojennych Szombierkach

Schomberg 1927. Von der Schicht in der Grube bis zum Abend bei Schyska

Szombierki ist heute ein Stadtteil von Bytom (Beuthen). Der alte Ortskern hat sich stark verändert, manche Straßen tragen andere Namen, viele Gebäude sind verschwunden, und von zahlreichen Geschäften, Gasthäusern und Werkstätten ist keine Spur mehr geblieben.

Versuchen wir diesmal etwas anderes …

Wir wollen die Geschichte Schombergs nicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart erzählen und auch nicht einfach Namen aus einem alten Adressbuch aneinanderreihen.

Wir schreiben das Jahr 1927.

Gehen wir hinaus auf die Straße und versuchen wir, einen ganz gewöhnlichen Tag im damaligen Schomberg zu erleben. Schauen wir, wo man Brot, Milch und Fleisch kaufte, wohin man mit Zahnschmerzen ging, wo die Kinder spielten, wie man sich durch den Ort bewegte und wo sich die Einwohner am Abend trafen.

Es wird nicht die Geschichte eines einzelnen Menschen sein. Es ist eine Rekonstruktion, zusammengesetzt aus Dutzenden kleiner Hinweise, die in Adressbüchern, Dokumenten und Erinnerungen ehemaliger Einwohner erhalten geblieben sind.

Das Jahr 1927 bildet dabei unseren Bezugspunkt. Manche Einzelheiten über Preise, Gewohnheiten oder den Alltag kennen wir jedoch aus später niedergeschriebenen Erinnerungen an die 1920er und frühen 1930er Jahre. Wir wollen also nicht so tun, als hätte sich alles genau an ein und demselben Tag ereignet.

Uns interessiert etwas viel Einfacheres: Wie sah der Alltag im Schomberg der Vorkriegszeit aus?

Inhaltsverzeichnis
Schomberg und Umgebung 1927 mit eingezeichneter deutsch-polnischer Grenze
Schomberg und Umgebung im November 1927. Zeitgenössisch gestaltete Bearbeitung auf Grundlage eines amtlichen Plans des Stadtvermessungsamtes Beuthen O/S. Deutlich zu erkennen ist die deutsch-polnische Staatsgrenze.

1. Schomberg ist längst ein anderer Ort

Noch hundert Jahre zuvor war Schomberg ein kleines Dorf. 1927 aber wird das Leben längst vor allem vom Rhythmus der Industrie bestimmt.

Zwei Jahre zuvor, am 1. Oktober 1925, wurde der Gutsbezirk mit der Hohenzollerngrube in die Gemeinde eingegliedert. Nach der Vereinigung von Gemeinde und Gut lebten hier bereits mehr als achttausend Menschen.

Auf den Straßen begegnet man weiterhin Pferdefuhrwerken und Karren. Der Sattler hat noch alle Hände voll zu tun, Bäcker fahren ihre Waren aus, und auch Kohle wird mit Pferdewagen zu den Häusern gebracht.

Gleichzeitig benutzen die Einwohner bereits Straßenbahnen, Telefone und elektrischen Strom. Bauunternehmen arbeiten mit Eisenbeton, und auf den Straßen tauchen die ersten Automobile auf.

Die alte und die neue Welt existieren nebeneinander.

Beuthenerstraße im alten Schomberg mit Godulla-Schloss und Kraftwerk im Hintergrund
Beuthenerstraße, heute ul. Zabrzańska. Rechts im Vordergrund ist das Schloss von Karl Godulla zu sehen, dahinter die Bebauung Schombergs und am Horizont die charakteristische Silhouette des Kraftwerks.

2. Am Morgen. Die Grube bestimmt den Takt des Tages

Eine Erzählung über Schomberg kann kaum beginnen, ohne die Hohenzollerngrube zu erwähnen. Sie gab dem Alltag des Ortes seinen Rhythmus: Sie bestimmte Arbeitszeiten, Tagesabläufe und den Lebensunterhalt hunderter Familien.

Die Grube war der größte Arbeitgeber Schombergs. Nach späteren Erinnerungen von Siegfried Kowollik sollen dort sogar 97 Prozent der erwachsenen einheimischen Männer gearbeitet haben. Diese Zahl ist als Erinnerung eines früheren Bewohners zu verstehen, doch sie zeigt sehr deutlich, wie stark die ganze Gemeinde vom Bergbau geprägt war.

Bergleute unter Tage in der Hohenzollerngrube in Schomberg
Bergleute unter Tage in der Hohenzollerngrube. Eine solche Arbeit bestimmte den Tagesrhythmus im Schomberg der Vorkriegszeit und sicherte vielen einheimischen Familien den Lebensunterhalt.

In Quellen aus dem Jahr 1927 erscheinen die Namen der Männer an der Spitze des Betriebs: Direktor Hübner sowie Janik und Fromlowitz. In der Nähe arbeitet außerdem das Kraftwerk, dessen Direktor Hilger und dessen Betriebsleiter Ingenieur Kober ist. Die großen Industriebetriebe bildeten in Schomberg ein enges Geflecht, von dem der Alltag der Einwohner abhing.

Die Grube beschäftigte einen großen Teil der einheimischen Männer und versorgte Bergarbeiterfamilien mit Kohledeputat. Das in den großen Betrieben verdiente Geld floss später in die örtlichen Geschäfte, Bäckereien, Werkstätten und Gasthäuser zurück und hielt damit auch das übrige Wirtschaftsleben des Ortes in Gang.

Kohle blieb auch nach Schichtende Teil des Alltags. Bergleute erhielten sie als Deputat; andere Einwohner konnten Brennstoff kaufen und sich liefern lassen. Nach Erinnerungen von Anton Rzyla wurde die Kohle mit einem Pferdewagen ausgefahren: Eine Fuhre von 20 Zentnern soll acht Mark gekostet haben, hinzu kamen zwei Mark für den Transport.

Wer sich ausführlicher für die Geschichte des Betriebs interessiert, findet dazu einen eigenen Beitrag: KWK Szombierki / Hohenzollerngrube – Geschichte des Bergwerks.

3. Am Morgen muss Brot auf den Tisch

Gehen wir zur Beuthenerstraße, der heutigen ul. Zabrzańska.

Das Adressbuch von 1927 lässt uns beinahe in die einzelnen Läden hineinschauen.

Unter Nummer 5 befindet sich das Fleischgeschäft Gebauer, unter Nummer 12 das Kolonialwarengeschäft Straube. August Piechatzek führt unter Nummer 13 Maler- und Dekorationsarbeiten aus und fertigt Schilder an, während Josef Gorski unter Nummer 16 Milchprodukte verkauft.

Unter Nummer 37 befindet sich die Bäckerei von Josef Bursig.

Diese Adresse hat für mich auch eine familiäre Bedeutung. Josef Pius Bursig war mit Elisabeth, geborene Flatzek, verheiratet — einer Schwester meines Urgroßvaters Wincenty Flaczek. Der Bäcker von der Beuthenerstraße 37 war damit sein Schwager.

Bäckerei Josef Bursig, Beuthenerstraße 37 in Schomberg
Beuthenerstraße 37 — Bäckerei Josef Bursig. Daneben ist ein benachbartes Lokal mit der Bezeichnung „Gasthaus“ zu sehen. Spätere Quellen nennen unter Nummer 38 das Gasthaus Grisko, das spätere „Deutsche Haus“. Die Zeichnung zeigt somit die beiden benachbarten Lokale.

Bursig war nicht der einzige Bäcker im Ort.

An der Orzegowerstraße arbeitete Anton Juraschek, an der Verbindungsstraße Franz Oblong und an der Wilhelmstraße Karl Matzkowski. In späteren Jahren übernahm nach dem Tod Jurascheks auch Theo Flatzek dessen Bäckerei.

Den Namen Oblong können wir heute dank einer erhaltenen Fotografie zweifelsfrei lesen. Über dem Eingang des Geschäfts steht in großen Buchstaben:

„Brot-Weiss-Fein-Bäckerei Franz Oblong“.

Bäckerei Franz Oblong in Schomberg mit dem Schild Brot-Weiss-Fein-Bäckerei Franz Oblong
Bäckerei Franz Oblong in Schomberg. Über dem Eingang ist das Schild „Brot-Weiss-Fein-Bäckerei Franz Oblong“ zu sehen.

Spätere Erinnerungen haben sogar den Preis einer gewöhnlichen Semmel bewahrt: Sie soll 5 Pfennig gekostet haben.

Innenraum der Bäckerei Franz Oblong in Schomberg beim Backen
Innenraum der Bäckerei Franz Oblong in Schomberg. Ganz rechts steht der Inhaber Franz Oblong. Am Ofen ist die Arbeit in vollem Gange — gerade wird ein schlesischer Streuselkuchen, ein Kołocz, herausgenommen.

4. Bäcker Matzkowski und sein Pony Max

Mit der Bäckerei von Karl Matzkowski verbindet sich eines jener kleinen Details, die man in einem amtlichen Adressbuch vergeblich sucht.

Matzkowski soll seine Backwaren persönlich mit einem besonderen Pferdewagen durch Schomberg ausgefahren haben. Den Wagen zog ein kleines Pony namens Max, und für die Lieferung des Brotes wurden 10 Pfennig berechnet.

So lässt sich die morgendliche Wilhelmstraße gut vorstellen: Matzkowskis Brotwagen, Pferdefuhrwerke und Gruppen von Bergleuten, die zur Arbeit gingen oder von der Schicht zurückkehrten.

Gleichzeitig tauchten auf den Straßen bereits Automobile auf.

In der Wilhelmstraße 19 befand sich zuvor das Kolonialwarengeschäft von Maria Walter. Erhalten ist eine Aufnahme des Ladens aus der Zeit um 1915–1925 mit dem großen Schild „M. Walter“. Vor dem Eingang steht die Tochter der Inhaberin, Gertruda Ochmann, geborene Walter.

In späteren Erinnerungen erscheint das Haus als das Haus der „Walterka“ beziehungsweise „Frau Walter“. Frau Walter soll eines der ersten Automobile in Schomberg — möglicherweise ein dreirädriges Motorfahrzeug — unter anderem zur Versorgung ihres Geschäfts genutzt haben.

Kolonialwarengeschäft Maria Walter, Wilhelmstraße 19 in Schomberg
Kolonialwarengeschäft Maria Walter in der Wilhelmstraße 19, etwa 1915–1925. Vor dem Eingang steht die Tochter der Inhaberin, Gertruda Ochmann, geborene Walter.

Pferdegespann und Automobil begegneten sich also auf denselben Straßen. Schomberg am Ende der 1920er Jahre stand genau zwischen diesen beiden Welten.

5. Die Kinder machen sich auf den Weg zur Schule

1927 besitzt Schomberg zwei große Volksschulen — eine für Jungen und eine für Mädchen. Die Knabenschule leitet Paul Franzke, die Mädchenschule Zmieschkol. In den Quellen erscheinen außerdem Pietsch und Schweter. Daneben gibt es eine Berufsschule für angehende Bergleute sowie Fortbildungsunterricht für Handel und Handwerk.

Die älteste Graue Schule stammte noch aus dem 19. Jahrhundert. Ihren Namen verdankte sie dem grauen Putz. Zu Beginn der 1920er Jahre verfügte sie über vier Klassenräume, von denen einer auch für praktische Übungen genutzt wurde.

Graue Schule, ehemalige Knabenschule in Schomberg
Graue Schule — die ehemalige Knabenschule in Schomberg. Das Gebäude der früheren Volksschule steht bis heute an der ul. Zabrzańska 85 in Bytom.

Aus dem Jahr 1927 ist außerdem eine Aufnahme einer Klasse der Knabenvolksschule mit Konrektor Pietsch erhalten. Dank der Bildbeschriftung kennen wir die Namen vieler Schüler: Buchta, Schubert, Purgoll, Matuschowitz, Skowronek, Gabrysch, Kraiczyk, Heiduk, Kalka, Pfeiffer, Gawlik, Pollok, Duda und viele andere.

Heute sehen wir in ihnen Schüler aus einer weit entfernten Epoche.

Damals gingen sie einfach morgens zur Schule.

Schüler der Knabenvolksschule in Schomberg
Schüler der Knabenvolksschule in Schomberg. Innenansicht eines Klassenraums der damaligen Knabenvolksschule.

6. Wilhelmstraße — Handel und Alltagswege

Vor Mittag werfen wir einen Blick in die Wilhelmstraße, die heutige ul. Witosa.

Das Adressbuch von 1927 zeigt sie als eine der geschäftigsten Einkaufsstraßen Schombergs.

Unter Nummer 4 führt Viktor Kempa ein Geschäft. Unter Nummer 5 arbeitet Fleischer Wittkowski. Unter Nummer 7 handelt Franz Rzyla mit Fahrzeugen.

Unter Nummer 8 befindet sich das Gasthaus von Karl Schyska — dorthin kehren wir am Abend noch zurück.

Weiter finden wir Matzkowskis Bäckerei, Kluziks Lokal, das Unternehmen von Paul Kowolik, die Geschäfte von Heer und Ledwig, einen Buchverkauf, Fleischer, einen Friseur und weitere Betriebe der Familie Rzyla.

Bei Ledwig kann man anschreiben lassen

In der Wilhelmstraße 20 stand das große Mietshaus von Blasius Ledwig. Nach Erinnerungen lebten darin zwölf Familien.

Das Lebensmittelgeschäft führte Marie Ledwig, unterstützt von ihren Töchtern Else, Magdalena und Marie.

Bergleute kauften dort auch auf Pump — sie ließen anschreiben und bezahlten erst nach dem nächsten Zahltag.

Der Handel beruhte zu einem großen Teil auf persönlicher Bekanntschaft und Vertrauen. Die Rechnung konnte später beglichen werden.

Im selben Haus lebten unter anderem der Schuhmacher Johann Morawietz mit seiner Familie, der Gerichtsangestellte Max Bernard, der Versicherungsagent Wlodarczyk und der Kellner Kompalla.

Ein Wäschekorb und 15 Pfennig

Alltagsgeschichte besteht nicht nur aus dem Leben der Grube und des Rathauses. Dazu gehören auch ganz gewöhnliche Pflichten: Wäsche waschen, schwere Körbe tragen, die Wäsche trocknen und mangeln.

Im Hof der Ledwigs konnten die Bewohner eine handbetriebene Wäschemangel benutzen. Das Mangeln eines vollen Wäschekorbs soll 15 Pfennig gekostet haben. Eine zweite Mangel stand neben Griskos Milchgeschäft.

Heute mag ein solches Detail nebensächlich erscheinen. Damals gehörte es einfach zum normalen Wochenablauf vieler Schomberger Familien.

7. Was gibt es heute zu Mittag?

Fleisch konnte man unter anderem bei Gebauer an der Beuthenerstraße sowie bei mehreren Fleischern an der Wilhelmstraße kaufen. Gemüse verkaufte Drescher, Milchprodukte bot Gorski an.

Pferdewagen bei der Milchauslieferung auf der Wilhelmstraße in Schomberg
Milchauslieferung auf der Wilhelmstraße, heute ul. Witosa. Der Pferdewagen der Milchversorgung zeigt, wie Waren noch zu Beginn der 1930er Jahre direkt durch die Straßen Schombergs ausgefahren wurden.

Spätere Erinnerungen beschreiben das Geschäft von Maria Drescher genauer. Sie führte es in ihrer eigenen Wohnung. Neben Gemüse gab es dort Milch, Süßigkeiten und Fisch — Heringe, Sprotten und Bücklinge.

Ein Liter Milch bei Grisko soll 21 Pfennig gekostet haben; ein Ring der beliebten „Oppelner“ Wurst wurde mit 60 Pfennig erinnert.

Nicht jede Familie konnte sich jedoch regelmäßig Fleisch leisten.

In der örtlichen Erinnerung blieb Georg Gebauer erhalten, der armen kinderreichen Familien geholfen haben soll, indem er kostenlos Wurstsuppe ausgab, manchmal zusammen mit Krupnioki und Żymloki — schlesischen Blut- und Semmelwürsten.

Für eine ärmere kinderreiche Familie war das eine sehr konkrete Hilfe — die Möglichkeit, alle Familienmitglieder satt zu bekommen.

8. Arzt, Sattler, Automobil — Schomberg im Wandel

Wenn uns ein Zahn schmerzt, müssen wir nicht nach Beuthen fahren.

In der Beuthenerstraße 19 führt M. Janik eine Zahnarztpraxis. Dr. August Scholz empfängt unter Nummer 48.

In Schomberg arbeiten außerdem Hebammen, es gibt die Theresien-Apotheke, eine Krankenkasse, Säuglingsfürsorge und Hilfe für Kranke.

Schomberg war längst kein Dorf mehr, dessen Einwohner wegen jeder wichtigeren Angelegenheit nach Beuthen fahren mussten.

Ein paar Straßen weiter arbeitet weiterhin Sattler Baron — ein Handwerker, der überall dort gebraucht wird, wo Pferde und Wagen noch die Grundlage des Verkehrs bilden.

Gleichzeitig führt Richard Pauly in der Feldstraße 14 ein Unternehmen für Hochbau, Tiefbau und Eisenbetonbau.

Noch muss Pferdegeschirr repariert werden, während nur wenige Straßen weiter bereits mit Eisenbeton gebaut wird.

9. Mit der Straßenbahn zur Grenze

Auf den Straßen hört man auch die Straßenbahnen.

Durch Schomberg fuhr die Linie 5 in Richtung Bobrek, Biskupitz und weiter nach Hindenburg.

Noch interessanter war die Strecke der Linie 8. Sie führte über die Godullahütter Straße zur polnischen Godula. Die Straßenbahn passierte den Friedhof, das Vereinshaus, den Sommerschacht und das Zollgebäude — das Zollhaus.

Unterwegs kamen die Fahrgäste auch an der von den Einwohnern „Panienka“ genannten Marienfigur vorbei. Gräfin Johanna Schaffgotsch hatte sie 1864 als persönliches Dankesvotiv stiften lassen.

Weiter fuhr die Straßenbahn fast bis unmittelbar an die Staatsgrenze. Hier endete der deutsche Abschnitt der Strecke. Am Übergang befanden sich Kontrollposten und Zollstellen beider Staaten; auf polnischer Seite sorgte eine Schmalspurbahn für die Weiterfahrt.

Grenzübergang Schomberg–Godullahütte mit Straßenbahn und polnischem Zollamt
Grenzübergang Schomberg–Godullahütte in den Jahren 1922–1939. Links ist das polnische Zollamt zu sehen; von der deutschen Seite führte die Godullahütter Straße — heute ul. Frycza-Modrzewskiego — bis an die Grenze.

Der wichtigste Übergang in Richtung Godullahütte soll von 6.00 bis 19.00 Uhr geöffnet gewesen sein; der Übergang an der Orzegowerstraße wurde 1925 geschlossen.

Nach der Teilung Oberschlesiens wurden alte familiäre, wirtschaftliche und berufliche Wege von einer Staatsgrenze durchschnitten. Auf der einen Seite blieben das deutsche Schomberg und Beuthen, auf der anderen lagen unter anderem Godula, Orzegów, Chebzie, Lipiny und Chropaczów.

Genau hier verbindet sich die Geschichte Schombergs unmittelbar mit meiner eigenen Familiengeschichte.

Mein Urgroßvater Wincenty Flaczek wurde in Schomberg geboren, verband sein späteres Leben jedoch mit dem polnischen Teil Oberschlesiens. Im Jahr 1927 war er Beamter der polnischen Zollwache Straż Celna. Später arbeitete er im Zollamt Chebzie und von 1932 bis August 1939 als älterer Zollaufseher im Zollamt Godula.

Deutsches Zollhaus am Grenzübergang Schomberg–Godullahütte
Deutsches Zollhaus am Grenzübergang Schomberg–Godullahütte. In diesem Grenzraum spielte sich der tägliche Zolldienst ab, mit dem auch Wincenty Flaczek beruflich verbunden war.

Für Wincenty war die Grenze also nicht nur ein Hindernis auf dem Weg in seinen Heimatort — sie war zugleich Teil seines täglichen Dienstes.

Sie wurde zu seinem Beruf.

Spätere Erinnerungen der Einwohner berichten außerdem von Schmugglern im Bereich des Sommerschachts. Auch das gehörte zum Leben an der Grenze — wenn auch zu dessen deutlich weniger offizieller Seite.

10. Nach der Schule: Sportplätze, Teiche und „hinter den Bergen“

Nach dem Unterricht hatten Kinder und Jugendliche ihre eigenen Orte.

Das Gelände zwischen Godullahütter Straße und Orzegower Straße wurde „hinter den Bergen“ genannt. Nach Erinnerungen war es ein beliebter Spielplatz der örtlichen Jugend. In der Umgebung lagen außerdem Sportplätze, ein Schulgarten sowie zahlreiche Teiche und kleinere Wasserflächen.

Gerade im Jahr 1927 entstand außerdem die DJK Hertha Schomberg. Später unterhielt der Verein Fußballmannschaften für Erwachsene und Jugendliche, Tischtennis, Schach, Radsport, Theater sowie einen eigenen Spielmannszug.

Der Sport in Schomberg begann also keineswegs erst mit den späteren Erfolgen von Szombierki Bytom. Schon viel früher existierte eine ganze Welt lokaler Vereine, Sportplätze und Verbände.

Und wenn ein Kind ein paar Pfennig in der Tasche hatte, führen uns spätere Erinnerungen noch zu Kluzik, bei dem man Eis und Getränke kaufen konnte.

Friseur, Bücher und letzte Besorgungen

Bevor der Abend beginnt, kann man noch zum Friseur gehen. An der Beuthenerstraße arbeitet Josef Welzel, und in der Wilhelmstraße 29 führt Josef Haiduk seinen Salon.

Friseursalon Josef Haiduk, Wilhelmstraße 29 in Schomberg
Friseursalon Josef Haiduk in der Wilhelmstraße 29 — heute ul. Witosa 13. Vor dem Eingang steht der Friseurlehrling Max Purgol.

In der Wilhelmstraße 21 konnte man Bücher kaufen; spätere Erinnerungen erwähnen außerdem Czais Papierwarengeschäft, das der Schomberger Schuljugend gut bekannt war.

Langsam geht der Arbeitstag zu Ende.

11. Am Abend geht es zu Schyska

Wir kehren in die Wilhelmstraße zurück.

Unter Nummer 8 befindet sich das Gasthaus von Karl Schyska. Das Adressbuch von 1927 bestätigt seine Existenz, und spätere Erinnerungen zeigen, dass es zu den wichtigen Treffpunkten des gesellschaftlichen Lebens im Ort gehörte.

Gasthaus Karl Schyska, Wilhelmstraße 8 in Schomberg
Gasthaus Karl Schyska in der Wilhelmstraße 8 — an der Ecke der heutigen Straßen Witosa und Skromna. Hier konzentrierte sich ein Teil des abendlichen gesellschaftlichen Lebens im alten Schomberg.

Im ersten Stock befand sich ein Tanzsaal. Dort wurden unter anderem Feiern zur Barbarafeier, der schlesischen Barbórka, sowie zum 1. Mai veranstaltet. Auch die örtlichen Schachspieler trafen sich hier.

Schyska war selbstverständlich nicht der einzige Gastwirt im Ort. An der Beuthenerstraße führte Julius Cygan ein Café, außerdem gab es Griskos Restaurant und Kluziks Lokal.

Doch heute bleiben wir genau hier.

Nach der Schicht war Zeit für ein Bier, ein Glas Hochprozentiges und ein Treffen mit Bekannten. In den Erinnerungen ehemaliger Einwohner blieb sogar der Name eines beliebten, preiswerten Getränks erhalten, das in den Schomberger Gasthäusern ausgeschenkt wurde — Kutscherkorn.

Und diesmal müssen wir uns die Szene nicht einmal vorstellen.

Erhalten ist eine Aufnahme aus Schyskas Gasthaus von 1928 oder 1929 — also nur ein oder zwei Jahre nach unserem gedanklichen Spaziergang. An einem Tisch sitzen Menschen, deren Namen uns bereits in der Geschichte des Schomberger Handels begegnet sind: die Fleischermeister Mroß und Georg Gebauer, Peter Rzyla und weitere Einwohner. Dahinter steht der Wirt selbst, Karl Schyska.

Stammtisch im Gasthaus Karl Schyska, Wilhelmstraße 8 in Schomberg, 1928 oder 1929
Stammtisch im Gasthaus Karl Schyska in der Wilhelmstraße 8, 1928/29. Unter den Abgebildeten befinden sich unter anderem die Fleischermeister Mroß und Georg Gebauer sowie Peter Rzyla; hinten steht der Wirt Karl Schyska.

Im ursprünglichen Bildtext heißt es über die Erinnerungen ehemaliger Schomberger Bergleute:

„manchmal recht ‚beschwipste‘ Stunden“

so heißt es im ursprünglichen Bildtext.

Ein besseres Ende für unseren Tag lässt sich kaum finden.

Bei Bier, Gesprächen nach der Schicht, vielleicht einer Partie Schach — und, wenn gerade gefeiert wurde, auch bei Musik und Tanz.

Draußen auf der Wilhelmstraße herrscht noch Bewegung. Ein paar Straßen weiter beginnen die Bäcker bereits mit der Arbeit für den nächsten Morgen.

Morgen beginnt alles von vorn.

12. Ein ganz gewöhnlicher Tag

Natürlich hat sich genau dieser Tag so nie abgespielt.

Wir wissen nicht, ob Matzkowskis Wagen an demselben Morgen an einer bestimmten Gruppe von Kindern auf dem Schulweg vorbeifuhr oder ob am Abend bei Schyska tatsächlich eine Partie Schach gespielt wurde.

Aber die Orte, die Menschen und die beschriebenen Betriebe sind real.

Das Adressbuch von 1927 zeigt uns, wo Bäcker, Fleischer, Kaufleute, Gastwirte, Ärzte, Hebammen und Handwerker tätig waren.

Die Erinnerungen ehemaliger Einwohner fügen all das hinzu, was in einer amtlichen Liste niemals gestanden hätte: die Semmel für fünf Pfennig, das Pony Max, Einkäufe auf Pump, das Mangeln eines Wäschekorbs für 15 Pfennig, Eis für die Kinder, das Automobil der „Frau Walter“ oder die Hilfe eines Fleischers für arme Familien.

Durch solche Kleinigkeiten wird das alte Schomberg mehr als nur eine Sammlung von Daten, Namen und Schwarzweißfotografien.

Es war ein Ort, an dem die Menschen morgens zur Schicht gingen, die Kinder zur Schule, jemand bei Bursig Brot kaufte, jemand einen Wäschekorb zur Mangel brachte, jemand mit der Straßenbahn in Richtung Grenze fuhr und sich am Abend mit Bekannten bei Schyska traf.

Es war eine kleine, aber erstaunlich dichte Welt, in der sich ein großer Teil des täglichen Lebens auf nur wenigen Straßen abspielte.

Und vielleicht ist es gerade deshalb, fast hundert Jahre später, noch immer so spannend, durch das alte Schomberg zu spazieren — auch wenn uns heute vor allem alte Karten, Fotografien, Adressbücher und die Erinnerungen seiner Bewohner den Weg weisen.

Quellen und Literatur

Wichtigste Quellen:

  • Beuthen in Oberschlesien, Plan des Stadtvermessungsamtes Beuthen O/S., November 1927, Maßstab 1:8000.
  • Adressbuch von Beuthen und Umgebung aus dem Jahr 1927 — Verzeichnisse der Einwohner, Betriebe, Behörden und Dienstleistungen für Schomberg.
  • Siegfried Kowollik, Erinnerungen an Schomberg — Erinnerungen, veröffentlicht im „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“; wichtige Quelle für Angaben zum Alltag, zu Preisen, Geschäften, Verkehr, Gasthäusern und örtlichen Gewohnheiten. Dieses Material bildet einen wesentlichen Teil der heutigen Wissenssammlung zu Schomberg.
  • Bildmaterial und Bildunterschriften aus der Reihe „Schomberger Bilderbogen“ sowie Fotografien ehemaliger Einwohner, veröffentlicht im „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“.
  • Genealogische Familienunterlagen Flatzek / Flaczek / Bursig, darunter die Familienkarte zu Josef Pius Bursig und erhaltene Familienfotografien.
  • Szombierki_Baza_Wiedzy — interne Quellensammlung für flaczek.com, zusammengestellt auf Grundlage von Adressbüchern, Pressequellen, Heimatblättern und weiteren Materialien zum Schomberg der Vorkriegszeit.
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Szkic koncepcyjny ukazujący ewolucję ulicy Dworcowej w Bytomiu. Po lewej stronie widoczny bagnisty trakt i dawna warownia, po prawej wielkomiejski bulwar z epoki rewolucji przemysłowej. Tekst na grafice: Tysiącletnia ewolucja ulicy Dworcowej. Od bagien do wielkomiejskiego bulwaru. Zobacz, jak dawny trakt Przedmieścia Gliwickiego stał się reprezentacyjną Bahnhofstraße.

Vom sumpfigen Weg zum großstädtischen Boulevard. Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen

Beuthen • Stadtgeschichte • Bahnhofstraße

Vom sumpfigen Weg zum großstädtischen Boulevard. Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen

Die heutige Dworcowa-Straße entstand erst im 19. Jahrhundert als repräsentative Stadtstraße. Ihre Geschichte reicht jedoch in eine wesentlich ältere Landschaft zurück: in das Feuchtgebiet zwischen dem frühen Beuthen und dem Hügel von Sutuhali, in die Wege der Gleiwitzer Vorstadt, in Kriegsbrände, Vorstadtgärten und Felder, die später der Eisenbahn, Hotels, Banken und Mietshäusern weichen mussten.

Ihre „tausendjährige Geschichte“ beginnt deshalb nicht mit einer fertigen Straße, sondern mit einer alten Verkehrsrichtung, aus der im 19. Jahrhundert die Bahnhofstraße hervorging.

1. Durch die Sümpfe nach Sutuhali

Die älteste Schicht dieser Geschichte betrifft noch keine Straße im heutigen Sinne. Sie betrifft die Landschaft. Das frühe Beuthen entstand auf einer Anhöhe, die von Wasserläufen und feuchten Niederungen umgeben war. Auf dem weiter entfernten Margarethenhügel befand sich eine Burganlage, die mit dem aus alten Überlieferungen bekannten Sutuhali gleichgesetzt wird.

W. Immerwahr vermutete, dass die Befestigung noch vor dem Jahr 1000 entstanden sein könnte. Er beschrieb sie als Sumpfburg auf einem künstlich geformten Hügel. Andere Autoren sahen im Margarethenhügel dagegen eine natürliche Erhebung, deren Hänge und Wälle später von Menschen verändert wurden. Die verschiedenen Deutungen von Sutuhali habe ich ausführlicher im Beitrag „Byl tu?“ und das Rätsel von Sutuhali dargestellt.1

Das Rätsel des Namens Sutuhali

Franz Gramer verband den Ort mit einem alten Kult und einem „heiligen Hain“. Immerwahr lehnte die Deutung als „Heilige Halde“ ab und führte den Namen auf das Wort Schutthügel zurück. Spätere Autoren brachten ihn außerdem mit Schlamm, einem steilen Hang, einem „kahlen Hügel“, dem Namen des hl. Gallus oder mit „aufgeschütteten Halden“ in Verbindung.

Sumpfiger Weg zur frühmittelalterlichen Burg Sutuhali auf dem Margarethenhügel in Beuthen
Künstlerische Vorstellung eines Weges durch feuchtes Gelände zur Burganlage auf dem Margarethenhügel. Künstlerische Visualisierung

Der Zugang zur Burg und ihre Versorgung erforderten eine Verbindung mit der entstehenden Siedlung. Immerwahr betrachtete den durch das sumpfige Gelände zwischen Sutuhali und dem frühen Beuthen führenden Weg als entfernten Vorläufer der späteren Bahnhofstraße und als einen der ältesten Verkehrswege im südöstlichen Oberschlesien.

Der mittelalterliche Weg muss nicht auf seiner gesamten Länge mit der heutigen Dworcowa-Straße übereingestimmt haben. Erhalten blieb jedoch die Verkehrsrichtung: vom alten Landweg über die Bebauung der Gleiwitzer Vorstadt bis zu der im 19. Jahrhundert durch die Felder angelegten Straße.

Auf dem Hügel entstand im 12. Jahrhundert die romanische Margarethenkirche, deren Stiftung mit Herzog Bolesław IV. Kraushaar verbunden wird. Die Betreuung der Kirche wurde später den Breslauer Prämonstratensern übertragen. Nach und nach siedelten sich entlang des Weges Bauern und Gärtner an, und das Gebiet wurde als Gleiwitzer Vorstadt bezeichnet.

In der Teilungsurkunde Beuthens vom 26. Januar 1369 erscheint die Bezeichnung „Gleiwitzer Straße“. Im damaligen Sprachgebrauch bezeichnete das Wort Straße vor allem einen Land- oder Ausfallweg, im Unterschied zu innerstädtischen Gassen. Es handelte sich somit um einen in Richtung Gleiwitz führenden Weg — älter als die spätere Bahnhofstraße, aber in derselben Verkehrsrichtung verlaufend.2

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2. Brände, Verkleidung und böhmische Dukaten

Die Vorstädte, die zu einem großen Teil aus Holz bestanden und nicht durch die Stadtmauern geschützt waren, waren während des Dreißigjährigen Krieges besonders gefährdet. Für das Jahr 1627 überliefern die Quellen mindestens zwei Berichte über Kampfhandlungen und Brände.

Immerwahr schrieb über die Ereignisse vom 5. März 1627. Nach dem von ihm wiedergegebenen Bericht versuchten Wallensteins Truppen, verstärkt durch kaiserliche Soldaten und eine als polnische Kosaken bezeichnete Formation, die dänischen oder mansfeldischen Einheiten aus Beuthen zu vertreiben. Während der Kämpfe sollen Gebäude in Brand geraten sein.

Franz Gramer beschrieb dagegen Ereignisse aus dem August desselben Jahres. Die von Fahrensbach geführten kaiserlichen Truppen sollen die Bebauung angezündet haben, um den Gegner zum Verlassen der Stadt zu zwingen. Nach dem von Gramer zitierten Dokument verbrannten etwa 30 Häuser und Gehöfte sowie 72 Scheunen mit dem eingelagerten Getreide.3

Wahrscheinlich schildern beide Berichte zwei aufeinanderfolgende Episoden der Kämpfe um die Stadt. Die Vorstadtbebauung wurde dabei selbst zum Mittel der Kriegführung: Man setzte sie in Brand, um dem Gegner Deckung und Vorräte zu nehmen.

Brand der hölzernen Bebauung der Gleiwitzer Vorstadt in Beuthen während des Dreißigjährigen Krieges 1627
Die Vorstadt gehörte während der Kriegshandlungen zu den besonders gefährdeten Teilen Beuthens. Künstlerische Visualisierung

Über die Brände in Beuthen und die Entstehung eines organisierten Feuerlöschwesens habe ich ausführlicher in einem eigenen Beitrag geschrieben: Geschichte der Feuerwehr in Oberschlesien: Beuthen, Kattowitz und Gleiwitz.

Mit dem unruhigen 17. Jahrhundert verband Immerwahr außerdem eine ungewöhnliche Sittengeschichte. Unter Berufung auf Benno Nietsche und dessen Geschichte der Stadt Gleiwitz erwähnte er einen Fall vom November 1638, der die geistlichen und weltlichen Behörden in Gleiwitz beschäftigte. In einem Beuthener Wirtshaus wurde damals eine junge Frau entdeckt, die als Mönch verkleidet war.4

Der Schatz im Eliasohnschen Haus

Nach Immerwahr verbarg einer der wohlhabenderen Bewohner der Gleiwitzer Vorstadt während des Dreißigjährigen Krieges ein beträchtliches Vermögen, darunter zahlreiche böhmische Golddukaten. Die Erde bewahrte das Geheimnis mehr als zwei Jahrhunderte lang: Erst 1876 wurde der Schatz beim Ausheben der Fundamente des Eliasohnschen Hauses Nr. 32 entdeckt.5

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3. Felder, Pflaster, Gaslicht und Lazarett

Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewahrte die Gleiwitzer Vorstadt ihren ländlichen Charakter. Auf dem Stadtplan von 1828 überwogen Felder, Gärten, Gehöfte und lockere Bebauung. Das Wachstum Beuthens, die Entwicklung der Industrie und die steigende Einwohnerzahl veränderten jedoch allmählich die Anforderungen an diesen Raum.

Franz Gramer beschrieb die Modernisierung der Stadt aus der Perspektive des Alltags. An die Stelle eines unebenen, mitunter gefährlichen Pflasters traten breite Granitplatten vor den Hauseingängen. Neue Wohnungen erhielten hellere Treppenhäuser, höhere Zimmer und einen städtischeren Standard. Noch war dies nicht die Umgestaltung der gesamten späteren Bahnhofstraße, wohl aber die Ankündigung einer neuen Bauweise.

Arbeiter verlegen Granitplatten auf einer Straße im Beuthen des 19. Jahrhunderts
Granitgehwege und Gasbeleuchtung gehörten zu den sichtbarsten Zeichen der städtischen Modernisierung. Künstlerische Visualisierung

Am 19. Januar 1862 wurde in Beuthen die Gasbeleuchtung in Betrieb genommen. Das städtische Netz umfasste 117 Laternen, und das Gaslicht wurde zu einem der deutlichsten Zeichen dafür, dass Beuthen über die Grenzen einer kleinen Stadt hinauswuchs.6

Zu den ersten größeren öffentlichen Bauten in der Gleiwitzer Vorstadt gehörte das Knappschafts-Lazareth, dessen Bau 1849 begonnen wurde. Es diente kranken und verunglückten Bergleuten und wurde Teil der entstehenden Infrastruktur der Industriestadt.7

Die Entwicklung der oberschlesischen Industriemedizin habe ich ausführlicher in meiner mehrteiligen Reihe über historische medizinische Einrichtungen in Piasniki beschrieben.

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4. Die Entstehung der Bahnhofstraße: 1858–1872

Die moderne Bahnhofstraße war keine einfache Verlängerung des mittelalterlichen Weges. Sie entstand durch die bewusste Umwandlung vorstädtischer Felder in eine neue Verkehrsachse. Die städtebauliche Entwicklung Beuthens lässt diesen Prozess nahezu Jahr für Jahr nachvollziehen.

Neue Trasse durch die Felder Der Verlauf wurde abgesteckt, der später zur Achse der Bahnhofstraße werden sollte.
Die ersten modernen Mietshäuser Es entstanden Gebäude an den heutigen Hausnummern 9 und 18.
Eisenbahn und Weg zum Bahnhof Die Bahnlinie unterbrach den älteren Verlauf; der Abschnitt zum Bahnhof wurde zur Bahnhofstraße.

Noch auf dem Plan von 1828 war das Gebiet der späteren Straße überwiegend landwirtschaftlich geprägt. 1858 wurde ein neuer Weg durch die Felder angelegt. Die ersten modernen Mietshäuser an den heutigen Nummern 9 und 18 entstanden 1869, weitere Gebäude kamen nahezu in jeder Bausaison hinzu.

Zunächst wurde die neue Trasse als Gleiwitzer Straße bezeichnet. Die entscheidende Veränderung erfolgte 1872 mit dem Bau der Eisenbahnlinie. Die Gleise verkürzten und unterbrachen den bisherigen Straßenverlauf, während der Abschnitt vom Boulevard zum Bahnhof als Bahnhofstraße zu funktionieren begann. Der Name setzte sich zusammen mit der neuen Rolle der Straße durch — als repräsentative Verbindung vom Bahnhof zum Stadtzentrum.8

Das Gebiet, das über Jahrhunderte aus Gärten und Gehöften bestanden hatte, wurde in kurzer Zeit zur Verbindung zwischen Bahnhof und Stadtzentrum. Die Eisenbahn brachte nicht nur Reisende. Sie steigerte den Wert der Grundstücke und zog Hoteliers, Banken, Restaurants, Redaktionen und Handel an.

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5. Eine Straße der Hotels, Banken und Cafés

Großstädtische Bahnhofstraße in Beuthen mit Mietshäusern, Hotels, Geschäften und Passanten um 1900
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde die Bahnhofstraße zu einer der wichtigsten Geschäfts- und Dienstleistungsstraßen Beuthens. Künstlerische Visualisierung

Vom Garten des Stolarczyk zum Hotel Bristol

Franz Gramer erwähnte in der Gleiwitzer Vorstadt den Garten des Stolarczyk, während Immerwahr das Stollarczyk’sche Etablissement als Vorgänger des späteren Kaiserhofs bezeichnete. Die heutige Denkmaldokumentation erlaubt es, die weitere Geschichte dieses Grundstücks zu ergänzen.

An der Stelle des früheren Gasthauses entwickelte sich das Hotel Sanssouci. Die erste Bauphase fiel in das Jahr 1858, als ein Tanz- und Theatersaal entstand; einige Darstellungen datieren die Fertigstellung des eigentlichen Hotelgebäudes auf 1871. Der Entwurf wird mit Ferdinand Hermann verbunden. 1895 gestaltete J. Cyganek die Innenräume um, und 1910 führte die Firma Boswau & Knauer nach einem Entwurf von Ahrens eine umfassende Modernisierung durch. Damals erhielt das Haus den Namen Kaiserhof. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es als Hotel Bristol weitergeführt.9

Dasselbe Grundstück behielt über Jahrzehnte seine gastronomische, kulturelle und hotelbezogene Funktion: vom Garten und Lokal des Stolarczyk über Sanssouci und Kaiserhof bis zum Bristol. Die Umbauten veränderten das Erscheinungsbild des Komplexes, nicht aber seine Bedeutung für das Leben der Straße.

Der zum Hotel gehörende Saal war bereits vor der Errichtung des repräsentativen Stadttheaters ein wichtiger Ort des kulturellen Lebens in Beuthen.

Zwischen Hotels, Banken und Cafés

Zum Straßenbild der Bahnhofstraße gehörte auch das Hotel Lomnitz, das unter anderem durch seine Verbindung mit Wojciech Korfanty während der Abstimmungszeit in Erinnerung blieb. Neben den Hotels bestanden Cafés, Banken, Redaktionen, Musikschulen und Fotoateliers. Die Mieter und Firmenschilder wechselten, doch die Straße verlor ihren großstädtischen Charakter nicht.

Ausgewählte Firmen und Einrichtungen an der Bahnhofstraße

Jahr oder QuellenzeitraumAdresseEinrichtung oder MieterBranche
1904Bahnhofstraße 31Café HohenzollernCafé
1904Bahnhofstraße 40Oberschlesische BankBank
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 1„Ostdeutsche Morgenpost”Redaktion und Verlag
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 10Cieplik’s Konservatorium, Inhaber Paul KrausMusikschule
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 17Bankhaus Jarislowsky & Co.Bankwesen
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 25Günther RudolfKonditorei und Gastronomie
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 32Foto-Atelier Germania, Inhaber Georg MüllerFotografie
Ausgewählte Einträge aus Leo Woerls Reiseführer von 1904 und Georg Lasiks Verzeichnis des Beuthener Gewerbes aus den Jahren 1925–1939.

Die Bahnhofstraße war nicht nur der Weg zum Zug. Sie wurde zum städtischen Salon, in dem der Reisende nach dem Verlassen des Bahnhofs an Hotels, Restaurants, Banken, Geschäften, Fotoateliers und Redaktionen vorbeikam. Dieser großstädtische Charakter entstand nicht über Nacht, sondern als Ergebnis mehrerer Jahrzehnte intensiver Bebauung und eines ständigen Wechsels der Mieter.10

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6. Von der Bahnhofstraße zur Dworcowa-Straße

Nach 1945 erhielt die Bahnhofstraße den polnischen Namen Dworcowa. Staat, Sprache der Firmenschilder und viele Nutzer der Häuser wechselten, doch die grundlegende Funktion der Straße blieb erkennbar: Sie führte weiterhin vom Bahnhof in das Stadtzentrum.

Mit der Zeit verlor die Straße einen Teil ihrer früheren Bedeutung als Geschäftsstraße, und der Autoverkehr wich der Funktion einer Fußgängerzone. Die jüngste große Sanierung umfasste die Erneuerung der Leitungsnetze, ein neues Steinpflaster, Begrünung, Stadtmobiliar und die Instandsetzung historischer Mietshäuser. Die Stadt präsentiert die Dworcowa-Straße heute erneut als eine der repräsentativsten Straßen Bytoms.11

Die Geschichte der Dworcowa-Straße ist keine einfache Erzählung von einem Weg, der tausend Jahre lang unverändert verlief. Sie ist die Geschichte eines Ortes, dessen Funktion sich immer wieder wandelte: vom feuchten Vorfeld der Burg und einer ländlichen Vorstadt über die Straße zur Eisenbahn bis zum Geschäfts-Boulevard und zur heutigen Fußgängerzone.

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Die heutige Dworcowa-Straße ist somit die letzte Etappe einer langen Entwicklung: vom alten Weg durch das feuchte Gelände über die Gleiwitzer Vorstadt bis zur repräsentativen Bahnhofstraße.

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Quellenhinweise
  1. W. Immerwahr, „Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen OS.“, Gleiwitzer–Beuthener–Tarnowitzer Heimatblatt, Dezember 1963, Nr. 12; Nachdruck: November 1975, Nr. 11. Vgl. außerdem die Zusammenstellung der Sutuhali-Hypothesen im entsprechenden Beitrag auf flaczek.com.
  2. F. Gramer, Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Beuthen 1863, Abschnitt über die Gleiwitzer Vorstadt und die Teilungsurkunde der Stadt vom 26. Januar 1369.
  3. W. Immerwahr, a. a. O. — Ereignisse vom 5. März 1627; F. Gramer, a. a. O., S. 139–140 — der Brand im August und die Nachricht über 30 Häuser beziehungsweise Gehöfte sowie 72 mit Getreide gefüllte Scheunen.
  4. W. Immerwahr, a. a. O., nach: Benno Nietsche, Geschichte der Stadt Gleiwitz, Gleiwitz 1886, S. 625.
  5. W. Immerwahr, a. a. O. — Bericht über einen Schatz mit böhmischen Goldmünzen, der 1876 beim Eliasohnschen Haus Nr. 32 entdeckt wurde.
  6. F. Gramer, a. a. O., S. 219 und S. 263–286 — Inbetriebnahme der Gasbeleuchtung am 19. Januar 1862, 117 Laternen sowie die Beschreibung der Erneuerung des Pflasters und der Bebauung.
  7. F. Gramer, a. a. O., S. 211 und 256 — Bau des Knappschaftslazaretts in der Gleiwitzer Vorstadt ab 1849.
  8. „Gleiwitzer- und Bahnhofstraße sowie Boulevard“ , Online-Museum des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit — Stadtplan von 1828, Anlage der neuen Trasse, Mietshäuser aus den Jahren 1869–1871 und der Einfluss des Eisenbahnbaus von 1872 auf die Entstehung der Bahnhofstraße.
  9. Dorota Bajowska, „Hotel Sanssouci, ob. Bristol“ , Narodowy Instytut Dziedzictwa, 2020; auf Grundlage der Denkmalkarte „Hotel Sanssouci/Kaiserhof, ob. Hotel Bristol“, bearb. von M. Łabuz, 1997. Vgl. außerdem A. Gano-Kotula, „Kamienice przy ulicy Dworcowej“, in: J. Drabina (Hrsg.), Bytomskie zabytki, Bytom 2001.
  10. Leo Woerl, a. a. O., 1904 — Café Hohenzollern und Oberschlesische Bank; Georg Lasik, Gewerbe – Handwerk und Handel in Beuthen O/S. / Verzeichnis des Beuthener Gewerbes 1925–1939 — die übrigen Einträge der Tabelle.
  11. Stadt Bytom, Internetseite „Dworcowa“ sowie Materialien zur Sanierung der Straße: Neugestaltung des öffentlichen Raums, Erneuerung der Leitungsnetze, neuer Belag, Begrünung und Sanierung historischer Mietshäuser.
Literatur und Vergleichsmaterialien
  • Gramer Franz, Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Beuthen 1863.
  • Immerwahr W., „Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen OS.“, Gleiwitzer–Beuthener–Tarnowitzer Heimatblatt, Dezember 1963, Nr. 12 — Erstveröffentlichung.
  • Immerwahr W., „Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen/OS.“, Gleiwitzer–Beuthener–Tarnowitzer Heimatblatt, November 1975, Nr. 11 — Nachdruck.
  • Nietsche Benno, Geschichte der Stadt Gleiwitz, Gleiwitz 1886.
  • Stodolka Franz, Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Materialien und Nachkriegsdarstellungen.
  • Woerl Leo, Illustrierter Führer durch das Oberschlesische Industriegebiet, 1904.
  • Gano-Kotula Ariana, „Kamienice przy ulicy Dworcowej“, in: Jan Drabina (Hrsg.), Bytomskie zabytki, Towarzystwo Miłośników Bytomia, Bytom 2001.
  • Bajowska Dorota, „Hotel Sanssouci, ob. Bristol“ , Narodowy Instytut Dziedzictwa, 2020.
  • „Gleiwitzer- und Bahnhofstraße sowie Boulevard“ , Online-Museum des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit.
  • Stadt Bytom, Materialien zum Sanierungsprojekt der Dworcowa-Straße .
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Pruski urzędnik przy mapie i dokumentach, za oknem kopalnie, huty i linie kolejowe rozwijającego się powiatu bytomskiego

Landrat gegen das Chaos. Wie die Verwaltung des Kreises Beuthen die industrielle Revolution zu bändigen versuchte (1853–1859)

Oberschlesien • Verwaltung • Industrie • 1853–1860

Landrat gegen das Chaos. Wie der Kreis Beuthen die industrielle Revolution zu bändigen versuchte (1853–1859)

Maschinen kamen schneller als Wohnungen, Vorschriften und Beamte. Menschen zogen der Arbeit hinterher, Dörfer wuchsen um Schächte und Hütten, und die Behörden versuchten beinahe alles zu zählen: Arbeiter, Kinder, Schornsteine, Hunde, Blitzeinschläge, Kranke und Steuerrückstände. Das „Beuthner Kreisblatt“ zeigt die industrielle Revolution von einer Seite, die auf Postkarten unsichtbar bleibt – als alltäglichen Kampf um Ordnung in einem Kreis, der sich schneller veränderte als seine Verwaltung.

Die Geschichte der Großindustrie beginnt gewöhnlich mit Zechen, Hütten, Erfindern und Vermögen. Das amtliche Kreisblatt führt eine Ebene tiefer – in die Gemeinden, Wohnungen und Amtsstuben, in denen man versuchte, die Folgen dieses Wandels zu bewältigen.

Hauptzeitraum: 1853–1859Epilog: 1860Quelle: „Beuthner Kreisblatt“
Inhaltsverzeichnis
  1. Schlamm unter den Rädern des Fortschritts
  2. Der Landrat will alles wissen
  3. Die Steuer am Zechentor
  4. Ein Mensch ohne Papiere
  5. Die Gemeinde schiebt den Kranken zum Nachbarn ab
  6. Cholera schließt das Dorf, Rinderpest die Grenze
  7. Nachtwachen, Erdhütten und Arbeitersiedlungen
  8. Schornstein, Hund, Maus und Halde
  9. Kinder im Schatten der Öfen
  10. „Morgendämmerung“ und ihr Schatten
  11. Epilog: „Glück auf!“ – Wachwechsel
  12. Quellen und Literatur

Schlamm unter den Rädern des Fortschritts

Industrielandschaft Oberschlesiens um die Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Eisenbahnlinie trennt ländliche Felder von Zechen und Hütten.
Der Kreis Beuthen veränderte sich ungleichmäßig: Auf der einen Seite bestand die ländliche Landschaft fort, auf der anderen wuchsen Schächte, Schornsteine und industrielle Infrastruktur.

Die Räder der Fuhrwerke versanken im Schlamm, Transporte von Erz und Kohle verstopften die Straßen, und nach Einbruch der Dunkelheit spendeten nur wenige Laternen Licht. Das Beuthen der 1850er Jahre war noch keine geordnete Industriemetropole, wie man sie von späteren Fotografien und Postkarten kennt. Werke, Schächte und Verkehrsverbindungen entwickelten sich schneller als die städtische Infrastruktur.

Nach einer Schilderung der Verhältnisse von 1855, die Franz Stodolka unter Berufung auf die spätere Darstellung Hugo Solgers wiedergab, fehlte eine wirksame Straßenpolizei, während sich die unbefestigten Wege nach Regen in eine klebrige Masse verwandelten.1 Das erste sichtbare Ergebnis der wirtschaftlichen Beschleunigung war daher nicht immer Ordnung. Häufiger waren es ein Stau von Fuhrwerken, das Rattern der Räder und ein Fußgänger auf der Suche nach einem trockenen Durchgang.

Neue Investitionen lösten ein Problem, konnten aber zugleich das nächste schaffen. Im Jahr 1854 sollen die Erdarbeiten an der Pferdebahn, der Roßbahn, zum Versiegen der Beuthener Liebesquelle geführt haben, die zuvor als wichtige Quelle guten Trinkwassers gegolten hatte.2 Der Transport von Rohstoffen wurde effizienter, doch die Stadt verlor einen Teil ihrer bisherigen sanitären Grundlage.

Der Aufschwung trieb auch die Preise. Chronisten berichteten von Mieten, die in keinem Verhältnis zur damaligen Größe Beuthens standen. Gleichzeitig entstanden höhere und hellere Häuser mit besser beleuchteten Treppenhäusern und tapezierten Zimmern.3 Der Wandel hatte zwei Gesichter: Die einen zogen in moderne Gebäude, die anderen suchten die billigste Ecke oder einen provisorischen Unterschlupf.

Die Stadt und die benachbarten Siedlungen zogen saisonal Maurer, Handwerker und Bauarbeiter aus den Gegenden um Leobschütz, Neustadt O.S., Rybnik und Oppeln an.4 Für die Unternehmer waren sie dringend benötigte Arbeitskräfte. Für die Ämter waren sie Menschen, die einer Gemeinde zugeordnet, in ein Register eingetragen und bei Steuerrückständen, Militärpflicht oder Krankheit wiedergefunden werden mussten.

Stadt und Kreis. Der damalige Kreis Beuthen war erheblich größer als die heutige Stadt Bytom. In seinem Amtsblatt begegnen sich die Angelegenheiten von Beuthen, Schomberg, Roßberg, Zabrze, Kattowitz, Myslowitz, Schwientochlowitz, Tarnowitz und Dutzenden weiterer Orte, die später anderen Verwaltungseinheiten angehörten.

In den folgenden Ausgaben des „Beuthner Kreisblatts“ erschienen neue Schächte, Kessel, Hochöfen, Walzwerke, Anschlussgleise und Straßen. Dampf trieb längst nicht mehr nur Zechen an, sondern auch Mühlen, Ziegeleien, Werkstätten, Brecher und Pumpen. Im Jahr 1858 war auf dem Grundmannschacht der Florentine-Grube in Ober-Lagiewnik eine Wasserhaltungsmaschine mit 260 PS geplant – eine der leistungsstärksten Anlagen, die im untersuchten Jahrgang verzeichnet wurden.5

Die Maschinen bilden jedoch nur den Hintergrund dieser Geschichte. Wichtiger ist, was um sie herum geschah. Landstraßen wurden zu Transportwegen für Kohle und Erz, Eisenbahnen durchschnitten die Felder, und um die Schächte wuchsen Kolonien. Gemeinden, Gutsbezirke – Dominien – und örtliche Polizeibehörden mussten entscheiden, wer einen Kranken behandelt, einen Dieb verfolgt, eine Straße repariert und eine Hebamme unterhält.

Nach dem Tod des Bürgermeisters Joseph Proske im Jahr 1853 wurde der bisherige Stadtkämmerer Adolf Manderle zu seinem Nachfolger gewählt und trat das Amt 1854 an. Über dem weitläufigen Kreis stand der Landrat, Adolph von Tieschowitz, der dieses Amt seit 1840 bekleidete.6 An der Schnittstelle von Stadt, Dorf, Gutsbezirk und Industriebetrieb beginnt die Geschichte des administrativen Ringens mit dem Wandel.

Das „Beuthner Kreisblatt“ ähnelt keiner heutigen Zeitung. Es ist eine Mischung aus Verordnungen, Ausschreibungen, Steckbriefen, Tabellen und Anzeigen. Liest man es Ausgabe für Ausgabe, zeigt sich jedoch ein gleichbleibender Mechanismus: Zuerst kommt das Problem, dann die Beschwerde, die Verordnung, das Formular, die Kontrolle und die Strafandrohung.

Die industrielle Revolution hatte nicht nur Stahlräder, Kolben und Schornsteine. Sie hatte auch Formulare.

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Der Landrat will alles wissen

Ein Beamter mit einem Dokument steht an einer Straße vor der offenen Landschaft des Kreises Beuthen in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Der weitläufige Kreis musste zuerst mit Blick, Beschreibung und Dokument erfasst werden – erst dann erschien er verwaltbar.

Der Wandel erreichte zunächst eine Zeche, eine Hütte oder eine Arbeitersiedlung. Kurz darauf landete er auf dem Schreibtisch des Landrats.

Der Name Adolph von Tieschowitz kehrt in den untersuchten Jahrgängen nahezu ohne Unterbrechung wieder. Er warnte, ordnete an, rügte, setzte Fristen und drohte Strafen an. Das bedeutet nicht, dass er jede Regelung selbst schuf. Anweisungen kamen aus den Berliner Ministerien, von der Regierung zu Oppeln, den Bergbehörden und den Sanitätsbehörden. Der Landrat war jedoch das örtliche Gesicht dieses Systems – der Mann, der allgemeine Vorschriften in das Handeln von Dutzenden Städten, Dörfern, Kolonien, Gütern und Werken übersetzen musste.

Wer einen Kreis verwalten wollte, musste zunächst wissen, was sich darin befand.

Im Jahr 1853 wurden namentliche Verzeichnisse der Schulzen, Schöffen und Gemeindeschreiber verlangt. In den folgenden Jahren zählte man Wehrpflichtige, Einwohner, Steuerpflichtige, Schulkinder, Hebammen, Ärzte, Krankenhäuser, psychisch Kranke und Personen unter Polizeiaufsicht. Man registrierte Tiere, Häuser, Grundstücke, Maschinen und Betriebe. Selbst Blitzeinschläge erhielten eigene Tabellen.

Im Dezember 1855 sollte die Volkszählung von Haus zu Haus durchgeführt werden. Das Amt wollte nicht nur die Einwohnerzahl kennen, sondern auch die Zusammensetzung der Haushalte, das Gesinde, die Untermieter und vorübergehend anwesende Personen. Zwei Jahre später sollten Daten über Industriebetriebe erhoben werden, unterteilt nach ständigen und nichtständigen Arbeitern sowie beschäftigten Frauen und Kindern.7

Im Januar 1858 erhielten die Polizeiverwaltungen den Auftrag, ein Verzeichnis der Arbeiter-Familienhäuser anzulegen. Anzugeben waren die Zahl der getrennten Wohnungen, der Familien und sämtlicher dort untergebrachten Personen.8 Die Erhebung erfasste auch Menschen, die lediglich einen Schlafplatz mieteten – die sogenannten Schlafburschen – sowie den Zugang der Arbeiter zu Land und Wirtschaftsgebäuden.

Arbeitskräfte strömten schneller herbei, als Wohnungen entstanden. Das Amt versuchte daher nicht nur die Gebäude, sondern auch die tatsächliche Dichte der hinter ihren Türen verborgenen Menschen zu erfassen.

Aus heutiger Sicht mag diese Flut von Verzeichnissen wie eine bürokratische Obsession wirken. Die Register hatten jedoch sehr konkrete Zwecke: Sie dienten der Besteuerung, der Militärpflicht, der Armenfürsorge, der Seuchenbekämpfung, der Schulplanung und der Gewerbeaufsicht. Für den Staat wurde ein Einwohner erst dann wirklich sichtbar, wenn er in der richtigen Rubrik stand.

Tieschowitz handelte innerhalb einer weit verzweigten preußischen Verwaltungskette: Mitunter verfasste er örtliche Anordnungen selbst, ebenso häufig setzte er jedoch Entscheidungen der Regierung, der Ministerien und der Fachbehörden um.

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Die Steuer am Zechentor

Arbeiter vor Industriegebäuden und ein Beamter, der bei der Lohnauszahlung um die Mitte des 19. Jahrhunderts Aufzeichnungen führt.
Am Tor des Betriebes ließ sich ein Arbeiter leichter finden als unter seiner vorübergehenden Wohnadresse – auch dann, wenn rückständige Steuern einzuziehen waren.

Die Klassensteuer war an eine Person gebunden, doch das Amt kam einem Menschen, der der Arbeit hinterherzog, nicht immer nach. Arbeiter wechselten den Wohnort, nahmen Beschäftigung außerhalb ihrer Heimatgemeinde an und hinterließen Rückstände, die das alte Erhebungssystem nicht wirksam einziehen konnte.

Im Sommer 1855 griff die Verwaltung zu einer Lösung, die den neuen Verhältnissen angepasst war: Die geschuldete Summe konnte unmittelbar vom Lohn abgezogen werden. Der Landrat erinnerte daran, die Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen gewissenhaft zu berücksichtigen, ihm eine Quittung auszustellen und den eingezogenen Betrag dem zuständigen Ortsteuererheber zu übergeben.9

Der vollständige Zusammenhang der Verfügung verband diesen Mechanismus mit Zechen, Hütten und Baustellen – Orten, an denen der Arbeiter am Zahltag leichter zu finden war als unter seiner vorübergehenden Adresse. Das industrielle Lohnsystem und das ländliche Steuersystem trafen sich am selben Tor.

Diese scheinbar kleine Verfügung zeigt, wie sehr sich das Verhältnis des Einwohners zum Amt verändert hatte. Der Steuereinnehmer kannte den Hof eines sesshaften Steuerpflichtigen. Ein Arbeiter hingegen konnte zur Untermiete wohnen, in einer anderen Ortschaft arbeiten und wenige Wochen später in den nächsten Betrieb weiterziehen.

Der Staat verzichtete nicht auf Kontrolle. Er ging ihm einfach hinterher.

Die Adresse war zudem nicht nur mit der Steuer verbunden, sondern auch mit Militärpflicht, Aufenthaltsrecht, Armenhilfe und der Verantwortung für Behandlungskosten. Der Schulze sollte nicht mehr bloß seine Einwohner kennen und die Wege beaufsichtigen. Er führte Schriftstücke, verschickte Anzeigen, rechnete Geld ab und beantwortete Schreiben.

Die Industrie stärkte also nicht nur die Zechen. Sie stärkte auch Unterschrift, Siegel und Quittung.

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Ein Mensch ohne Papiere

Männer sitzen in einer Amtsstube des 19. Jahrhunderts an einem langen Tisch über Büchern und Formularen.
Hinter einem Menschen ohne Papiere setzte sich rasch eine Maschinerie aus Listen, Registern, Meldungen und amtlichen Weisungen in Bewegung.

Für die Zeche zählten die Hände. Für den Staat zählten die Papiere des Menschen, zu dem diese Hände gehörten.

Bereits 1853 rechneten die Behörden mit dem Zustrom auswärtiger Arbeiter zu großen Bauvorhaben. Meister und Bauleiter wurden daran erinnert, keine Menschen ohne gültige Dokumente und Legitimationskarten zu beschäftigen. Auf den Baustellen sollten Polizei und Gendarmerie Kontrollen durchführen.10

Drei Jahre später wurde das System genauer. In Nr. 4 des „Beuthner Kreisblatts“ vom 25. Januar 1856 erschien eine Regelung zur Kontrolle des Zu- und Abzugs von Arbeitern, die unter anderem in Zechen und Hütten beschäftigt waren. Die Meldung ging an den Ortsschulzen, der spätestens binnen drei Tagen der vorgesetzten Polizeibehörde schriftliche Anzeige zu erstatten hatte.11

Aus dem Dokument • Nr. 4/1856

„binnen längstens drei Tagen“

Der Schulze musste die Polizei spätestens binnen drei Tagen unterrichten.

Im Dokument erschienen auch Abzugs-Atteste – Bescheinigungen über den Wegzug oder die Abmeldung am vorherigen Aufenthaltsort. Die Register erfassten Herkunft, frühere Adresse, steuerliche Angaben und die Umstände des Ausscheidens aus der Arbeit. Die Verantwortung konnte nicht nur den Arbeiter treffen, sondern auch den Vorgesetzten, der einen Menschen ohne die erforderlichen Papiere eingestellt hatte.

Die Logik dieses Systems war einfach. Der Staat wollte wissen, woher jemand kam, wo er arbeitete, ob er seine Steuer bezahlt hatte, ob er militärpflichtig war und wer für ihn aufkam, wenn er erkrankte oder seine Beschäftigung verlor.

1Der Arbeiter zieht zu oder fort
→
2Der Schulze erhält die Meldung
→
3Innerhalb von 3 Tagen meldet er sie der Polizei
→
4Das Amt aktualisiert die Register

Hier stießen widersprüchliche Interessen aufeinander. Der Betrieb brauchte Arbeiter. Die Gemeinde fürchtete einen mittellosen Zuzügler, der nach einem Unfall auf ihre Kosten fallen konnte. Das Militär wollte keinen Wehrpflichtigen verlieren, das Steueramt keinen Steuerzahler, und die Polizei begegnete jedem ohne feste Beschäftigung mit Misstrauen.

Eine besondere Kategorie bildeten Zuwanderer aus dem Königreich Polen und anderen Grenzgebieten. Das Blatt veröffentlichte Weisungen zu Aufenthaltskarten, Pässen, Überläufern und Ausgewiesenen. Der preußische Staat ordnete Menschen nach Zugehörigkeit, Vermögenslage, Nützlichkeit und Grad der Verdächtigkeit.

Der wachsende Kreis brauchte den Arbeiter, fürchtete aber den Menschen ohne Papiere.

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Die Gemeinde schiebt den Kranken zum Nachbarn ab

Ein kranker Mann liegt am Straßenrand, daneben steht ein Wächter oder Beamter, im Hintergrund sind Dorfbewohner zu sehen.
Gemeinden versuchten, die Verantwortung für Obdachlose und Schwerkranke abzuschieben, indem sie diese an den Rand einer fremden Zuständigkeit brachten.

Im Mai 1855 veröffentlichte der Landrat eine Mahnung, die kaum Raum für amtliche Beschönigungen ließ. Es häuften sich Meldungen, dass obdachlose und schwer erkrankte Menschen erbarmungslos im Freien liegen gelassen oder über die Grenzen der Ortschaft geschleppt wurden, obwohl die örtlichen Behörden von ihrer Lage wussten.12

Aus dem Dokument • Nr. 18/1855, Pos. 102

„auf erbarmungslose Weise hilflos im Freien liegen gelassen“

Erbarmungslos und hilflos im Freien zurückgelassen.

Ein hilfsbedürftiger Mensch konnte körperlich auf das Gebiet der Nachbargemeinde gebracht werden, damit die Pflicht zur Fürsorge jemand anderen traf. Diese Praxis legte eine Schwachstelle des damaligen Systems offen: Hilfe war keine allgemeine Leistung. Die Verantwortung lag bei einer bestimmten Gemeinde, einem Gutsbezirk oder einem Armenverband.

Zunächst musste also festgestellt werden, wohin ein Mensch „gehörte“. Erst danach ließ sich über Behandlung und Kosten sprechen.

In einem sich rasch verändernden Kreis wurde das immer schwieriger. Ein Arbeiter konnte in einem Dorf geboren sein, in einem zweiten wohnen, in einem dritten arbeiten und in einem vierten erkranken. Jede Ortschaft hatte Gründe zu behaupten, jemand anderes müsse die Rechnung bezahlen.

Dasselbe Problem kehrte in der Geburtshilfe wieder. Im November 1856 wies der Landrat darauf hin, dass ländlichen Hebammen ein Einkommen gesichert werden müsse, das ihnen ein Leben allein von ihrem Beruf ermöglichte, ohne schwere Feldarbeit verrichten zu müssen, die – wie es im Text hieß – „das Gefühl in den Fingern abstumpfen und die Hand hart machen“ könne.13

Aus dem Dokument • Nr. 45/1856, Pos. 313

„die das Gefühl in den Fingern abstumpfen und die Hand hart machen“

Schwere Feldarbeit „stumpft das Gefühl in den Fingern ab und macht die Hand hart“.

Das ist ein ungewöhnlich konkretes Argument. Das Amt erkannte, dass die Qualität der Arbeit einer Hebamme von ihren materiellen Bedingungen und der Geschicklichkeit ihrer Hände abhing. Gemeinden und Armenverbände sollten entsprechende Verträge schließen und die Hilfe für die ärmsten Frauen finanzieren.

Parallel dazu entwickelte sich die Fürsorge der Knappschaftskassen: Lazarette, Kesselhäuser, Wasserleitungen und Küchen entstanden.14 Noch immer handelte es sich jedoch nicht um ein einheitliches System sozialer Hilfe, sondern um ein Geflecht aus Gemeindepflichten, Kassen, Verträgen, kirchlichen Initiativen und kurzfristigen Sammlungen. Manchmal half es. Manchmal klärte es vor allem, wer zahlen musste.

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Cholera schließt das Dorf, Rinderpest die Grenze

Menschen, Waren und Tiere waren in Bewegung. Mit ihnen bewegten sich auch Krankheiten.

Im Sommer 1855 traten im Kreis Choleraerkrankungen auf. Im August wies der Landrat die örtlichen Polizeibehörden an, jeden Krankheitsfall nach dem geltenden Regulativ zu verzeichnen. Außerdem sollten die Polizeiverwaltungen Zimmer für obdachlose Kranke einrichten.15

In den folgenden Bekanntmachungen erschienen Sanitätskommissionen, die Isolierung von Häusern, Desinfektion und die Kontrolle der Bewegungen von Kranken. Frühere Verfügungen nannten Michalkowitz als einen der Seuchenherde. Unabhängig vom örtlichen Verlauf war der Mechanismus eindeutig: Meldung, Register, Isolierung, Desinfektion und Zuweisung der Verantwortung an die örtlichen Behörden.

Das Amt versuchte, die Krankheit zugleich im Haus, in der Tabelle und innerhalb der Ortsgrenzen einzuschließen.

Noch größere Unruhe verursachte die Rinderpest. Anfang Februar 1856 wurde nach Meldungen über Viehseuchen auf polnischem Gebiet die Grenze militärisch besetzt und ein Sanitätskordon errichtet.16 Die Beschränkungen betrafen Tiere, Fleisch, Häute, Futter, Dung und gebrauchtes Stallgerät. Märkte und Jahrmärkte wurden abgesagt.

Die Staatsgrenze wurde zur Sanitätsgrenze. Posten und Kontrollen trafen nicht nur den Großhandel. Ein Bauer konnte sein Tier nicht frei verkaufen, ein Fleischer verlor seinen Lieferanten, und ein Markt leerte sich wegen einer Krankheit jenseits des Kordons.

Die Sperre wurde aufgehoben, sobald die Gefahr nachließ, und bei neuen Warnungen wieder eingeführt. Die Behörden beherrschten nicht die Krankheit selbst, bauten jedoch einen immer wirksameren Reaktionsapparat auf. Für die Einwohner bedeutete das, dass eine gewöhnliche Reise, ein Jahrmarkt oder der Verkauf einer Kuh von einem Tag auf den anderen zur Polizeisache werden konnten.

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Nachtwachen, Erdhütten und Arbeitersiedlungen

Zwei Männer mit einer Laterne gehen nachts an armen Hütten und provisorischen Gebäuden vor einer Industrielandschaft vorbei.
Um Zechen und Hütten entstanden provisorische Siedlungen, deren Bebauung und Bewohner die Verwaltung auch nachts zu kontrollieren versuchte.

Die Industrie stellte nach Einbruch der Dunkelheit ihre Arbeit nicht ein, und der wachsende Kreis konnte nicht allen Menschen ein Dach über dem Kopf bieten.

Um die Betriebe wuchsen Kolonien und Siedlungsgruppen sehr unterschiedlichen Standards. Neben gemauerten Arbeiterhäusern bestanden überfüllte Stuben, provisorische Hütten und Erdhütten.

Im Juli 1857 erinnerte der Landrat nach dem tödlichen Einsturz eines solchen Baus die örtlichen Polizeibehörden daran, dass Erdhütten und andere als vorübergehende Wohnungen dienende Hütten entweder gar nicht zugelassen oder zuvor fachmännisch auf ihre bauliche Zuverlässigkeit geprüft werden sollten.17 Für das Amt waren sie unerlaubte und gefährliche Bauten. Für ihre Bewohner waren sie mitunter der letzte verfügbare Unterschlupf.

Eine Verfügung konnte ein gefährliches Gebäude beseitigen, beantwortete aber nicht die Frage, wohin die hinausgewiesenen Menschen gehen sollten.

Ein Jahr später begann man, die Arbeiter-Familienhäuser, die Zahl der Wohnungen, Familien, Untermieter und bloßen Schlafstellenmieter genau zu erfassen.8 Die Wohnung eines Arbeiters war keine reine Privatsache mehr. Überbelegung bedeutete das Risiko von Krankheiten, Bränden, Konflikten und Armut.

Gleichzeitig mehrten sich die Verfügungen über Nachtwachen. Im Winter wurde vor Einbrüchen und Diebstählen gewarnt. Es verschwanden Kleidung, Lebensmittel und Geld, aber auch Pulver, Metalle, Werkzeuge, Schienen und Maschinenteile. Die neue Industrie schuf Reichtum – und mit ihm eine gewaltige Zahl von Gegenständen, die sich stehlen und verkaufen ließen.

Die Patrouillen sollten aus kräftigen und zuverlässigen Einwohnern bestehen. Die Gendarmerie kontrollierte sie, und der Landrat kündigte unangemeldete Inspektionen an.18 Die alte gemeinschaftliche Selbstverteidigung wurde allmählich Teil des Polizeiapparats.

Ein besonderes Problem waren Arbeiter unter Polizeiaufsicht, die nachts beschäftigt waren. Formal durften sie nach Einbruch der Dunkelheit ihre Wohnung nicht verlassen, doch Zeche oder Hütte verlangten ihre Anwesenheit in der Nachtschicht. Im Juli 1857 räumte der Landrat ein, dass das Verbot dazu geführt hatte, Berg- und Hüttenleute allein wegen ihrer regulären Nachtschicht anzuklagen und zu bestrafen.19 Deshalb sollte bei den Vorgesetzten geprüft werden, ob sich die betreffende Person tatsächlich im Betrieb aufgehalten hatte.

Der Staat wollte den Menschen nach Einbruch der Dunkelheit kontrollieren. Die Industrie brauchte ihn gerade dann. Der Polizeibefehl musste dem Schichtplan weichen.

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Schornstein, Hund, Maus und Halde

In preußischen Verfügungen fand neben einer großen Dampfmaschine mühelos auch die Feldmaus Platz. Jede Gefahr sollte ihre eigene Vorschrift erhalten.

Man regelte die Sicherheit fahrbarer Lokomobilen, bestimmte ihren Abstand zu strohgedeckten Gebäuden und verlangte Vorrichtungen gegen Funkenflug. Pulvermagazine sollten fern von Straßen und Häusern stehen, massive Wände, leichte Dächer und möglichst wenige Eisenteile besitzen. Auch der Transport von Sprengstoffen unterlag detaillierten Regeln.20

Nach der Neuordnung der Schornsteinfegerbezirke legte man fest, wie häufig Schornsteine zu reinigen waren. Auch jährliche Überprüfungen der Blitzableiter wurden angeordnet, verbunden mit der Warnung, eine beschädigte Anlage könne gefährlicher sein als gar keine.21

Wenn Feldmäuse die Ernte bedrohten, mussten die Gemeinden ihre Bekämpfung organisieren. Das Fangen von Singvögeln und die Zerstörung ihrer Nester wurden verboten. Bei Tollwutgefahr waren Hunde anzubinden und zu kennzeichnen. Ebenso regelte man die Schließzeiten der Schankwirtschaften, die Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen sowie öffentliche Tanzvergnügungen.22

Im Jahr 1859 erinnerte man an das Verbot, Arbeitern während der Sonn- und Feiertagsgottesdienste den Lohn auszuzahlen.23 Das Blatt verzeichnete auch tödliche Folgen von Übernachtungen in Hüttenkanälen und auf Schlackenhalden. Menschen suchten dort Wärme, doch Gase, glimmende Asche und heißer Schlackenschutt führten zu Vergiftungen, Verbrennungen und Tod.24

Manche dieser Vorschriften wirken heute beinahe grotesk: Der Hund bekam ein Halsband, der Schornstein einen Zeitplan, und die Maus fand ihren Weg in die Verfügung des Landrats. Hinter jeder stand jedoch eine reale Gefahr – Brand, Explosion, Seuche, Vergiftung oder Einsturz.

Der Kreis war nicht nur unter Tage gefährlich. Die Gefahr lauerte im Ofen, im Schornstein, im Wagen, in der Schankstube, im provisorischen Haus, auf der Chaussee und auf der Halde. Das Amt antwortete mit seinem grundlegenden Werkzeug: der Vorschrift.

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Kinder im Schatten der Öfen

Zwei ärmlich gekleidete Kinder stehen an Kanälen und Gebäuden einer Zinkhütte in einer kühlen Stadtlandschaft.
Der Kreisphysikus Dr. Heer beschrieb Kinder, die in der Nähe von Hüttenkanälen und Schlackenhalden Wärme suchten.

Das dunkelste Bild dieses Wandels stammt nicht aus dem Bericht über ein Grubenunglück. Es findet sich in einem Bericht des Kreisphysikus Dr. Heer, der in der Beilage zu Nr. 9 des „Beuthner Kreisblatts“ vom 26. Februar 1858 erschien.

Heer schrieb über obdachlose und bettelnde Kinder, die in schmutzige Lumpen gehüllt nachts ein „schauerliches und gefährliches Lager“ in der glimmenden Asche der im Text als Zinkhüttenröschen bezeichneten Hüttenkanäle suchten.24

Bericht Dr. Heers • Beilage zu Nr. 9/1858

„Nachts ein schauerliches und gefährliches Lager in der glimmenden Asche…”

Nachts suchten sie „ein schauerliches und gefährliches Lager“ in der glimmenden Asche.

Das war kein allgemeiner moralischer Appell. Der Arzt erwähnte ein zehnjähriges Mädchen, an dessen Sterbelager er erst vor kurzem gestanden hatte. Während es in der Asche einer Zinkhütte schlief, hatten seine Kleider Feuer gefangen. Der Bericht nannte auch Kinder, die in Hüttenkanälen und auf Schlackenhalden starben oder tödliche Verletzungen erlitten.

Ein stärkeres Symbol der Epoche ist kaum denkbar. In derselben Landschaft konnte eine neue Maschine zweihundert Pferdestärken besitzen, während ein Kind keinen sicheren Schlafplatz hatte.

Die Antwort bestand in Aufrufen, Sammlungen und ersten Einrichtungen. Bereits 1854 arbeitete in Beuthen ein Komitee für die Gründung eines städtischen Waisenhauses. Der Stadtverordnete Karl Lukas und Dr. Meiselbach engagierten sich, während der Kaufmann Mannheimer das Vorhaben testamentarisch unterstützte.25 Im Jahr 1857 lief eine Aktion zugunsten eines Waisenhauses für den gesamten Kreis.

Im Mai 1858 wies der Landrat die örtlichen Behörden an, die Einwohner über die Eröffnung einer Einrichtung zu unterrichten, und betonte, selbst die kleinste Gabe werde dankbar angenommen.26 Die Bekanntmachung betraf das von Pfarrer Leopold Markiefka in Bogutschütz gegründete Waisenhaus. Dort lebten dreizehn Waisen unter der Obhut von vier Ordensschwestern; die Einwohner wurden nicht nur um Geld, sondern auch um Kartoffeln, Erbsen und Mehl gebeten.

Eine öffentliche Kinderfürsorge war das noch nicht. Das Schicksal der Kinder hing von Geistlichen, Ordensschwestern, Spendern, Kassen, Komitees und Arbeitgebern ab. Doch das Verständnis des Problems veränderte sich. Ein Waisenkind war nicht mehr ausschließlich Angelegenheit seines Heimatdorfes. Es wurde zur Verantwortung des gesamten Kreises.

Der rasante industrielle Aufschwung verschärfte Probleme, mit denen die alten Formen der Fürsorge nicht fertigwurden, und zwang Staat, Kirche, Unternehmer und Einwohner zur Schaffung neuer Hilfsformen. Nicht weil die Epoche plötzlich milder geworden wäre, sondern weil sich ihre Folgen nicht länger übersehen ließen.

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„Morgendämmerung“ und ihr Schatten

Józef Szafranek schreibt an einem Schreibtisch, während hinter dem Fenster die Sonne über der Industrielandschaft Beuthens aufgeht.
Im Jahr 1856 bezeichnete Józef Szafranek das damalige industrielle Leben des Kreises erst als „Morgendämmerung“.

In Nr. 36 des „Beuthner Kreisblatts“ vom 5. September 1856 erschien ein Aufruf mit dem Titel Literarische Bitte. Sein Verfasser war der Beuthener Pfarrer Józef Szafranek, der in der damaligen Schreibweise mit Schaffraneck, Pfarrer unterzeichnete.27

Szafranek teilte mit, er arbeite an einer Chronik oder ausführlicheren Geschichte des Ober-Beuthener Kreises. Die Materialien aus den Archiven der Stadt und der St. Marien-Pfarrkirche reichten nicht aus, um die Geschichte der zahlreichen Ortschaften darzustellen. Deshalb bat er um die Zusendung von Dokumenten, Urkunden, Notizen, Nachrichten, Sagen, Traditionen und allem, was als Quelle dienen konnte.

Er wandte sich an Grundherren und Gutsverwaltungen, Wirtschaftsämter, Bergwerksgewerkschaften, Stadt- und Landgemeinden, Polizeiverwaltungen, Gemeindeschreiber, Geistliche, Lehrer und die ältesten Einwohner. Selbst die zuverlässige Darstellung des kleinsten Ereignisses könne dem Historiker helfen, alte Unklarheiten aufzuhellen.

Der eindringlichste Satz galt jedoch der Gegenwart:

„Sein industrielles Leben der Gegenwart ist eigentlich erst die Morgendämmerung.”

Das industrielle Leben des Kreises war nach Szafraneck erst die Morgendämmerung. Die „Mittagshöhe“ und das voll entfaltete Blüteleben sollten erst künftige Generationen erleben.

Die Metapher war treffend. Das Morgenlicht fiel auf Schächte, Schornsteine, Eisenbahnen, Walzwerke und Hütten. Es kündigte Reichtum, neue Städte und technischen Fortschritt an. Doch jedes scharfe Licht wirft einen Schatten.

Im Schatten blieben Menschen ohne Papiere, ohne feste Wohnung und ohne eine Gemeinde, die bereit war, für ihre Behandlung zu zahlen. Kinder schliefen in der glimmenden Asche von Zinkhütten. Kranke wurden über Ortsgrenzen geschleppt. Rückständige Steuern konnten vom Lohn abgezogen werden, und Menschen unter Polizeiaufsicht wurden für ihre Nachtschicht bestraft.

Wo Wohnungen fehlten, entstanden Erdhütten. Wo die Kriminalität zunahm, wurden Patrouillen organisiert. Wo eine Seuche ausbrach, schloss man Haus, Markt oder Grenze.

Tieschowitz besiegte das Chaos nicht. Er konnte weder die Wanderungsbewegungen stoppen noch die Armut beseitigen oder jede Seuche voraussehen. Gemeinsam mit dem Staatsapparat schuf er jedoch Instrumente, mit denen ein Problem benannt, gezählt, in eine Tabelle eingetragen, einer Vorschrift unterworfen und manchmal auch gemildert werden konnte.

Darin liegt der besondere Wert des „Beuthner Kreisblatts“. Das Blatt zeigt die industrielle Revolution nicht aus der Perspektive eines Denkmals oder einer späteren Legende. Es zeigt sie Woche für Woche, als niemand ihren Ausgang kannte. In einer Ausgabe entsteht eine Maschine, in einer anderen sucht der Landrat ein Zimmer für einen obdachlosen Kranken, in der nächsten schließt er einen Viehmarkt, verlangt ein Arbeiterregister oder veröffentlicht den Bericht über ein Kind, das in der Asche einer Zinkhütte schlief.

Die heutige Lektüre des Blatts ist in gewisser Weise eine Antwort auf Szafranecks Aufruf. Aus verstreuten Anzeigen, Tabellen und Verordnungen setzen wir die Geschichte des Kreises erneut zusammen – nicht nur die Geschichte seiner großen Werke, sondern auch die Geschichte der Menschen, die in ihrem Schatten lebten.

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Epilog: „Glück auf!“ – Wachwechsel

Zwei Beamte sitzen sich an einem Schreibtisch gegenüber und übergeben ein Dokument in einer Amtsstube des 19. Jahrhunderts.
Der Wachwechsel im Beuthener Landratsamt war symbolisch: Ein neuer Mann übernahm das Amt, nicht aber ein Ende des administrativen Kampfes mit dem Chaos.

Noch im Februar 1860 unterzeichnete Adolph von Tieschowitz Schriftstücke als Landrat. Wenige Wochen später endete seine zwanzigjährige Amtszeit.

In Nr. 12 des „Beuthner Kreisblatts“ vom 23. März veröffentlichte er seinen Abschied von den Einwohnern des Kreises. Er wechselte auf den Posten des Direktors der Landschaft für die oberschlesischen Fürstentümer – einer ständischen Kreditanstalt der Grundbesitzer – und schloss seinen Aufruf mit dem bergmännischen Gruß:28

Glück auf!

Im Sommer wurden im Beuthener Rathaus königliche Ehrengeschenke für den früheren Landrat öffentlich ausgestellt. Die kommissarische Leitung des Kreises übernahm Hugo Solger, der seit 1858 als Regierungsassessor im Beuthener Landratsamt tätig gewesen war. Im Oktober 1860 wurde er endgültig zum Landrat ernannt. Auch er beendete seinen Aufruf mit den Worten „Glück auf!“. 28

Tieschowitz verabschiedet sichNach zwanzig Jahren beendet er seinen Aufruf mit „Glück auf!“.
Ehrengeschenke im RathausDie Einwohner können die königlichen Geschenke für den ehemaligen Landrat besichtigen.
Solger übernimmt das AmtDer neue Landrat übernimmt das Amt und denselben bergmännischen Gruß.

Der Mann wechselte, die Aufgabe blieb ähnlich. Der Jahrgang 1860 zeigt jedoch, dass das Amt zunehmend vom Reagieren auf einzelne Krisen zum Aufbau dauerhafter Lösungen überging.

Gemeindeschreiber und örtliche Beamte wurden zu Schulungen über die Form der Schriftstücke und den Aktenlauf nach Beuthen gerufen. Das Landratsamt empfahl zudem den Kauf des auf Polnisch erschienenen „Poradnik dla Sołtysów i Włościan górno-szlązkich“ – eines Ratgebers für Schulzen und oberschlesische Landbewohner – des Lehrers Reszka aus Kokottek. Das Werk sollte polnischsprachigen Mitgliedern der örtlichen Verwaltung die Anwendung preußischer Vorschriften erleichtern.29

Die Entwicklung Lipines führte zur Bildung eines eigenen Polizeibezirks. Zugleich verschärfte man die Kontrolle von Zuwanderern aus dem Königreich Polen: Es wurden kostenpflichtige, drei Jahre gültige Aufenthaltskarten eingeführt, Passkontrollen durchgeführt und Abschiebungen von Personen ohne die erforderlichen Dokumente angekündigt. Die Arbeitererfassung von 1856 wurde Bestandteil eines dauerhaften Überwachungssystems.30

Gleichzeitig liefen große Bestandsaufnahmen. Das Amt wollte wissen, wie viele alte Bauernwirtschaften seit 1816 in kleine Stellen und Parzellen – Kleinstellen – zerfallen waren. Verzeichnisse von Fabriken, Zechen, Aktiengesellschaften und Maschinen wurden angelegt. Die eine Tabelle beschrieb die Zersplitterung der alten bäuerlichen Welt, die andere das Wachstum der neuen Industriewelt.31

Die sozialen Probleme verschwanden nicht. Im November berief Solger Bürger Beuthens ein, um einen gesellschaftlichen Hilfsverein für Arme zu gründen. Die Initiative sollte unzureichende kommunale Mittel durch private Wohltätigkeit und Selbstorganisation der Einwohner ergänzen.32

Im März verabschiedete sich Tieschowitz mit den Worten „Glück auf!“ vom Kreis. Im Herbst verwendete Solger denselben Gruß bei seinem Amtsantritt. Es war ein symbolischer Wachwechsel. Die Verwaltung versuchte nicht länger nur einzelne Brände zu löschen. Sie schuf ein Netz aus Registern, Weisungen, Kontrollen und spezialisierten Einrichtungen.

Das Chaos wurde nicht besiegt.

Es wurde jedoch benannt, in Rubriken aufgeteilt und Beamten anvertraut, die es messen, beschreiben und beaufsichtigen sollten.

Glück auf!

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Quellen und Literatur

Hauptquelle

  1. „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgänge 1853–1860, ausgewählte Ausgaben und Beilagen, Digitalisate in den Beständen der Schlesischen Digitalen Bibliothek, Sign. 352680 III. Im Untersuchungszeitraum lautete der Titel „Beuthner Kreisblatt“; die Form „Beuthener Kreisblatt“ wurde erst 1872 eingeführt.

Wichtigste im Artikel verwendete Ausgaben

  1. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 18 vom 4. Mai 1855, Pos. 102 – Zurücklassen Schwerkranker ohne Hilfe und Verschleppen über Ortsgrenzen.
  2. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 32 vom 4. August 1855, Pos. 181 – Abzug rückständiger Steuern vom Arbeitslohn.
  3. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 33–34 vom August 1855, darunter Nr. 34, Pos. 203 – Registrierung von Cholerafällen und Räume für obdachlose Kranke.
  4. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 4 vom 25. Januar 1856, Pos. 15 – Erfassung des Zu- und Abzugs von Arbeitern und Pflichten der Schulzen.
  5. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 36 vom 5. September 1856, Beilage – Józef Szafranek, Literarische Bitte, datiert auf den 28. August 1856.
  6. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 45 vom 7. November 1856, Pos. 313 – Einkommen ländlicher Hebammen und Folgen schwerer Feldarbeit.
  7. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 30 vom 24. Juli 1857, Pos. 195 – Nachtschichten von Arbeitern unter Polizeiaufsicht.
  8. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 31 vom 31. Juli 1857, Pos. 207 – Erdhütten und andere provisorische Wohnbauten.
  9. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 3 vom 15. Januar 1858, Pos. 22 – Verzeichnisse der Arbeiter-Familienhäuser.
  10. Beilage zu „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 9 vom 26. Februar 1858 – Bericht des Kreisphysikus Dr. Heer über obdachlose Kinder in Zinkhüttenröschen und auf Schlackenhalden.
  11. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 22 vom 28. Mai 1858 – Spendenaufruf für eine neu eröffnete Fürsorgeeinrichtung.
  12. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 12 vom 23. März 1860, Bekanntmachung Nr. 93 – Abschied Adolph von Tieschowitz.
  13. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 41 vom 12. Oktober 1860, Bekanntmachung Nr. 305 – Aufruf Hugo Solgers nach seiner Ernennung zum Landrat.

Darstellungen und Vergleichsquellen

  1. Gramer, Franz: Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Beuthen O.S. 1863.
  2. Solger, Hugo: Der Kreis Beuthen in Oberschlesien mit besonderer Berücksichtigung der durch Bergbau und Hüttenbetrieb in ihm hervorgerufenen eigenthümlichen Arbeiter- und Gemeinde-Verhältnisse. Mit Benutzung amtlicher Quellen geschildert, Breslau: Wilhelm Gottlieb Korn, 1860.
  3. Stodolka, Franz: Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Nachkriegsausarbeitung.
  4. Wecker, Luise: Darstellung der Geschichte von Roßberg, 1971.
Quellennachweise

  1. F. Stodolka, Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Schilderung der Verhältnisse in Beuthen 1855, nach der späteren Darstellung Hugo Solgers.↩︎

  2. F. Gramer, Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, S. 213.↩︎

  3. Ebd., Teil II, S. 264.↩︎

  4. Ebd., S. 235.↩︎

  5. „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgang 1858, Konzessionsanzeige über eine Wasserhaltungsmaschine von 260 PS auf dem Grundmannschacht der Florentine-Grube in Ober-Lagiewnik.↩︎

  6. F. Gramer, Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, S. 213 und 222 – Joseph Proske und Adolf Manderle; „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 12 vom 23. März 1860, Pos. 93 – Abschied von Tieschowitz nach zwanzigjähriger Amtszeit.↩︎

  7. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 47 vom 23. November 1855, Pos. 271 – Volkszählung von Haus zu Haus; Jahrgang 1857 – Zusammenstellungen der Betriebe und Beschäftigten, unterschieden nach ständigen und nichtständigen Arbeitern sowie Frauen und Kindern.↩︎

  8. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 3 vom 15. Januar 1858, Pos. 22.↩︎

  9. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 32 vom 4. August 1855, Pos. 181; Verfügung über Steuerabzüge vom Arbeitslohn, Quittierung und Weitergabe an den Ortsteuererheber.↩︎

  10. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 17 von 1853 – Kontrolle auswärtiger Arbeiter auf Baustellen, ihrer Legitimationspapiere und ihrer Beschäftigung durch Meister und Bauleiter.↩︎

  11. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 4 vom 25. Januar 1856, Pos. 15.↩︎

  12. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 18 vom 4. Mai 1855, Pos. 102.↩︎

  13. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 45 vom 7. November 1856, Pos. 313.↩︎

  14. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 49–51 von 1855 – Ausschreibungen für Knappschaftslazarette in Zabrze und Myslowitz; Jahrgang 1858 – Kesselhaus, Wasserleitung und Dampfküche des Knappschaftslazaretts in Zabrze.↩︎

  15. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 32–34 vom August 1855; Nr. 34 vom 22. August, Pos. 203 – Registrierung von Cholerafällen und Einrichtung von Räumen für obdachlose Kranke; frühere Bekanntmachungen nannten Michalkowitz als einen Seuchenherd.↩︎

  16. L. Wecker, Darstellung der Geschichte Roßbergs, Hinweis auf den militärischen Grenzkordon vom Februar 1856; vgl. auch „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 38 und 42 von 1855 – Beschränkungen im Zusammenhang mit der Rinderpest.↩︎

  17. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 31 vom 31. Juli 1857, Pos. 207.↩︎

  18. „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgang 1857 – Verfügungen über gemeindliche Nachtwachen und die Kontrolle ihrer Durchführung durch die Gendarmerie.↩︎

  19. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 30 vom 24. Juli 1857, Pos. 195.↩︎

  20. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 35 von 1855 – Sicherheitsvorschriften für fahrbare Lokomobilen; Jahrgänge 1853–1859 – Verfügungen über Lagerung und Transport von Sprengstoffen.↩︎

  21. „Beuthner Kreisblatt“, Dezember 1857 – Einteilung des Kreises in Schornsteinfegerbezirke und Häufigkeit der Schornsteinreinigung; Nr. 21 von 1858 – jährliche Kontrolle der Blitzableiter auf öffentlichen Gebäuden.↩︎

  22. „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgänge 1858–1859 – Verfügungen über die Bekämpfung von Feldmäusen, den Schutz von Singvögeln, Kennzeichnung und Anbinden von Hunden bei Tollwutgefahr sowie die Ordnung in Schankwirtschaften und bei Tanzvergnügungen.↩︎

  23. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 43 von 1859, Pos. 311 – Verbot der Lohnauszahlung während der Sonn- und Feiertagsgottesdienste.↩︎

  24. Beilage zu „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 9 vom 26. Februar 1858, Bericht des königlichen Kreisphysikus Dr. Heer vom 17. Februar 1858; die Quelle nennt Kinder, die in der glimmenden Asche der Zinkhüttenröschen und auf Schlackenhalden übernachteten.↩︎

  25. F. Stodolka, Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Hinweis auf das Komitee für ein städtisches Waisenhaus und Mannheimers Vermächtnis; „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgang 1857 – Aufrufe und Berichte über die Sammlung für ein Waisenhaus des Kreises.↩︎

  26. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 22 vom 28. Mai 1858, Bekanntmachung vor Pos. 144 – Spendenaufruf für eine neu eröffnete Einrichtung; der vollständige Zusammenhang des Jahrgangs verweist auf das Waisenhaus Pfarrer Leopold Markiefkas in Bogutschütz mit dreizehn Kindern und vier Ordensschwestern.↩︎

  27. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 36 vom 5. September 1856, Beilage, S. 242–243; Literarische Bitte, datiert: Beuthen O/S., 28. August 1856, unterzeichnet: „Schaffraneck, Pfarrer“.↩︎

  28. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 12 vom 23. März 1860, Pos. 93 – Abschied von Tieschowitz; Nr. 30 vom 27. Juli 1860 – Ausstellung königlicher Ehrengeschenke; Nr. 41 vom 12. Oktober 1860, Pos. 305 – Aufruf Hugo Solgers nach seiner endgültigen Ernennung zum Landrat. Solger war seit 1858 Regierungsassessor im Beuthener Landratsamt.↩︎

  29. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 18 und 21 von 1860 – Schulungen für Gemeindeschreiber und Beamte; Nr. 41 von 1860 – Empfehlung des polnischsprachigen Poradnik dla Sołtysów i Włościan górno-szlązkich des Lehrers Reszka aus Kokottek.↩︎

  30. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 26 von 1860 – Bildung des Polizeibezirks Lipine; Nr. 30 und 49 von 1860 – Aufenthaltskarten, Passkontrolle und Ausweisung von Zuwanderern ohne Dokumente.↩︎

  31. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 29 von 1860 – Verzeichnis der seit 1816 in Kleinstellen zersplitterten Wirtschaften; Nr. 33 von 1860 – Bestandsaufnahme der Aktiengesellschaften, Fabriken und Zechen.↩︎

  32. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 47 von 1860 – Aufruf zur Gründung eines gesellschaftlichen Vereins zur Unterstützung der Armen in Beuthen.↩︎

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Ratusz w Szombierkach przed 1945 rokiem – Ratusz w cieniu kopalni

Das Rathaus im Schatten der Zeche

Reihe: Gemeinde, Amt, Macht

Das Rathaus im Schatten der Zeche

Wie Schomberg vor 1945 verwaltet wurde – eine selbständige Gemeinde zwischen Bevölkerung, Schaffgotsch-Konzern, Nationalsozialismus und Krieg

Schomberg / Szombierki Gemeindeverwaltung Zeche und Selbstverwaltung 1919–1945

Im Schomberger Rathaus wurde keine Kohle gefördert, doch fast jede größere Entscheidung der Verwaltung begann unter Tage. Die Grubenbaue bestimmten mit, wo gebaut werden durfte. Der Schaffgotsch-Konzern verfügte über Betriebe, Wohnungen und Grundstücke, ohne die sich selbst ein gewöhnliches kommunales Problem nur schwer lösen ließ.

Vor 1945 war Schomberg noch kein Stadtteil von Beuthen. Der Ort bildete eine große Industriegemeinde mit eigenem Rathaus, eigener Leitung und einem umfangreichen Verwaltungsapparat. Das Amt führte Gemeindekasse, Steuerwesen, Standesamt, Sozialfürsorge, Gemeindebetriebe und die technische Versorgung des Ortes.

Es handelt sich daher nicht nur um eine Geschichte wechselnder deutscher Amtsträger. Es ist die Geschichte eines Ortes, seiner Institutionen und seiner Probleme, die mit dem politischen Umbruch von 1945 nicht einfach verschwanden.

Historische Ansicht des Rathauses im industriell geprägten Schomberg
Das Rathaus war das Zentrum der Verwaltung einer selbständigen Gemeinde, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gruben und Betrieben des Schaffgotsch-Konzerns lag.

Bevor Schomberg zum Stadtteil wurde

Aus heutiger Sicht wird die Geschichte Schombergs leicht der Geschichte Beuthens untergeordnet. Während eines großen Teils der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Ort jedoch eine eigenständige Gemeinde mit eigenen Behörden, eigenem Haushalt und eigener Verwaltung.

Eine ausführlichere Darstellung des alten Dorfes, seiner Bewohner und seines Wandels zum Industrieort bietet der Artikel „Szombierki, jakich już nie ma. Dawna wieś, kopalnia i koniec starego świata“ (Artikel auf Polnisch).

Bis 1945 lag die Gemeinde innerhalb der Grenzen Deutschlands. Die Amtssprache war Deutsch, und die leitenden Ämter trugen Bezeichnungen wie Gemeindevorsteher, Gemeindeschulze oder Bürgermeister. Verwaltet wurde jedoch eine konkrete oberschlesische Gemeinschaft mit vielschichtigen sprachlichen, regionalen und nationalen Identitäten.

In den Registern wurden Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle verzeichnet. Aus der Gemeindekasse finanzierte man Schulen, Straßen, Beleuchtung und Sozialfürsorge. Im Rathaus wurden Steuerfragen, Genehmigungen und Beschwerden bearbeitet – unabhängig davon, welche Sprache die Einwohner zu Hause verwendeten.

Schomberg war dabei in einem heute nur schwer vorstellbaren Maß vom Bergbau geprägt. Die Zeche war nicht nur einer von vielen Arbeitgebern. Sie beeinflusste Raumentwicklung, Bebauung, Beschäftigung und den Alltag der meisten Familien.

Kurze Chronologie der Gemeindeleitung anzeigen
bis 1918

Anton Schigulski – Gemeindevorsteher.

1918 – 29. Januar 1919

Übergangsverwaltung; die Namen sind bislang unbekannt.

1919–1929/1930

Gerhard Enger – Amts- und Gemeindevorsteher.

1930 – etwa 1933/1934

Dr. Hans Kuhna – Bürgermeister.

1934

Morczinek – als Gemeindeschulze belegt.

März 1937

Walter Hauptmann – als Bürgermeister belegt.

15. Oktober 1937 – 14. November 1939

Paul Gloger – Amtsvorsteher und Bürgermeister.

21. November 1939 – Mitte September 1941

Joseph Lison – Bürgermeister oder Leiter der Gemeinde.

Herbst 1941 – 19. Februar 1942

Die Person an der Spitze der Gemeinde ist nicht geklärt.

20. Februar 1942 – 15. Januar 1945

Reinhold Mandrella – Bürgermeister; Josef Bursig als Stellvertreter.

Selbstverwaltung unter Tage

Gerhard Enger übernahm am 29. Januar 1919 die Leitung von Amt und Gemeinde. Schomberg kam damals aus Krieg, Revolution und dem Zerfall der alten kaiserlichen Ordnung. Bald folgten die oberschlesischen Aufstände, die Volksabstimmung, Wirtschaftskrise und Inflation.

Eine nach dem Krieg entstandene Quelle berichtet, Enger habe zuvor das Standesamt in Klausberg geleitet. Wann und wie lange er diese Funktion ausübte, wird dort allerdings nicht angegeben.

Wichtiger als die Einzelheiten seiner Biografie ist, womit sich die Gemeinde befasste. Schulräume wurden renoviert, in der Knabenschule eine Zentralheizung eingebaut, der Schulhof geordnet, die Beleuchtung in Richtung Beuthen modernisiert und Arbeiten an der Abwasserreinigung durchgeführt.

Das waren keine Vorhaben, die nach einem monumentalen Denkmal verlangten. Gerade aus solchen Entscheidungen bestand jedoch die Verwaltung eines Ortes, der rund um die Zeche rasch wuchs.

Die Geschichte des Betriebes, der Raum, Beschäftigung und Sozialstruktur des Ortes prägte, schildert ein eigener Artikel: „Hohenzollerngrube / KWK Szombierki — Żelazny gigant, który wchłonął Szombierki“ (Artikel auf Polnisch).

1929 wurde Enger einstimmig erneut zum Gemeindevorsteher gewählt. Die Wahl bedurfte noch der Bestätigung durch die Aufsichtsbehörde – ein Hinweis darauf, dass die örtliche Selbstverwaltung nicht völlig unabhängig von Landkreis und Staat war.

Auf einer Aufnahme der Freiwilligen Feuerwehr steht Enger neben dem Gemeindesekretär Dull, dem Gemeindeelektriker Glenz und weiteren Vertretern der örtlichen Gemeinschaft. Ein älteres Bild derselben Organisation zeigt Anton Schigulski, den 1918 verstorbenen Gemeindevorsteher.

1930 übernahm Dr. Hans Kuhna das Amt. Der Jurist hatte zuvor für die Verwaltung der Schaffgotsch-Gruben gearbeitet. Diese Erfahrung passte zu den örtlichen Verhältnissen. Größere Investitionen erforderten nicht nur Geld, sondern auch Vereinbarungen mit dem Eigentümer von Flächen, Gebäuden und unterirdischen Grubenbauen.

Noch deutlicher zeigte sich die Abhängigkeit vom Konzern während der Amtszeit Paul Glogers. Bergschäden begrenzten die Baumöglichkeiten, und die Gemeinde konnte ihre Entwicklung nur innerhalb des durch den Bergbau gesetzten Rahmens planen.

Ein gutes Beispiel war die Lage von 25 Familien, die in baufälligen Baracken lebten. Die Gemeinde verfügte weder über ausreichende Mittel noch über genügend Wohnungen, um das Problem allein zu lösen. Nach Glogers späterer Darstellung verhandelte er mit der Direktion von Schaffgotsch; die Familien sollten daraufhin Wohnungen in einer Nachbargemeinde erhalten.

Die Gemeinde konnte die Einwohner vertreten und verhandeln, besaß aber keine vollständige Kontrolle über Bebauung, Wohnraum und die räumliche Entwicklung des Ortes.

Genau darin bestand das Leben des Rathauses im Schatten der Zeche.

Als die Partei ins Rathaus einzog

Die 1930er Jahre brachten einen tieferen Wandel als den bloßen Austausch eines Gemeindeleiters. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die kommunale Selbstverwaltung schrittweise Staat und NSDAP untergeordnet.

Aus späteren Erinnerungen geht hervor, dass Hans Kuhna der Partei nicht angehörte. Sein Konflikt mit einem der NSDAP verbundenen Kirchenrendanten soll als Vorwand für seine Entfernung aus dem Amt gedient haben. Eine Absetzungsurkunde wurde bislang nicht gefunden; fest steht jedoch, dass Kuhna Schomberg vor 1934 nicht mehr leitete.

1934 stand Morczinek an der Spitze der Gemeinde. Die Presse bezeichnete ihn als Gemeindeschulze und Parteigenossen. Er befasste sich weiterhin mit gewöhnlichen Verwaltungsfragen: Steuern, Kreisumlagen, der Zusammensetzung der Gemeindevertretung und den Regeln für Gaststätten.

Zugleich war er im Bund Deutscher Osten tätig, einer nationalpolitischen und propagandistischen Organisation. Amtliche Funktion und ideologische Aktivität begannen ineinanderzugreifen.

Im März 1937 amtierte Walter Hauptmann als Bürgermeister von Schomberg. Seine spätere Laufbahn führte durch den Apparat der NSDAP, propagandistische Tätigkeit und das Amt des Kreisleiters in Beuthen. Das Schomberger Rathaus wurde zu einer Station seines politischen Aufstiegs.

Familienanzeige, in der Walter Hauptmann 1937 als Bürgermeister von Schomberg genannt wird
Anzeige zur Geburt von Dietlind Ingwalde Hauptmann, veröffentlicht in „Der Oberschlesische Wanderer“, 109. Jahrgang, Nr. 79 von 1937. Walter Hauptmann wird darin als Bürgermeister von Schomberg genannt.

Das Rathaus hörte deshalb nicht auf, sich mit Schulen, Steuern, Sozialfürsorge und Infrastruktur zu befassen. Verändert hatte sich jedoch der politische Rahmen der Entscheidungen. Die Verwaltung wurde in die Diktatur eingegliedert, und ein Amtsträger konnte zugleich Leiter einer lokalen Institution und Funktionär des Parteiapparates sein.

Auch Paul Gloger, der Schomberg ab Oktober 1937 leitete, gehörte der NSDAP an. Die erhaltenen Berichte zeigen ihn vor allem bei Finanz-, Investitions- und Wohnungsfragen; sein Amt arbeitete jedoch bereits innerhalb des nationalsozialistischen Staates.

Der Krieg erreicht das Rathaus

Im September 1939 traten neben die gewöhnlichen kommunalen Aufgaben die unmittelbaren Folgen des Krieges: Beschussgefahr, Truppenbewegungen, Unruhe unter den Einwohnern und die Notwendigkeit, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

Gloger erinnerte sich an eine nächtliche Fahrt mit dem Polizeikommandanten in ein gefährdetes Gebiet und an den Versuch, Einwohner zu beruhigen, die sich auf das Verlassen des Ortes vorbereiteten. Wenige Wochen später wurde er nach Klausberg versetzt.

Vom 21. November 1939 an leitete Joseph Lison Schomberg. Eine Nachkriegsquelle bezeichnet ihn als Kriegsgeschäftsführer des Studentenbundes. Er blieb bis Mitte September 1941 im Amt.

Nach seinem Ausscheiden folgt eine mehrmonatige Lücke. Es ist nicht geklärt, wer die Gemeinde bis Februar 1942 formal leitete. Eine größere Rolle könnte Josef Pius Bursig gespielt haben; in den bislang gefundenen Unterlagen wird er jedoch nicht als kommissarischer Bürgermeister bezeichnet.

Bursig betrieb in Schomberg eine Bäckerei. 1926 wurde er Gemeinderat, drei Jahre später Gemeindeschöffe und 1942 erscheint er bereits als stellvertretender Bürgermeister. Er war weder Jurist des Konzerns noch ein von außen entsandter Funktionär. Über viele Jahre durchlief er mehrere Stufen der örtlichen Selbstverwaltung.

Am 20. Februar 1942 überreichte Bursig Reinhold Mandrella die Ernennungsurkunde. Der neue Bürgermeister leitete die Gemeinde bis zum 15. Januar 1945.

Über seine konkreten Entscheidungen ist wenig bekannt. Das Amt führte jedoch weiterhin Register, erhob Steuern, betreute Einwohner und verwaltete Sozialfürsorge sowie Infrastruktur. Der Krieg hob die alltägliche Verwaltung nicht auf. Er vergrößerte vielmehr die Zahl der Vorschriften und Weisungen von oben.

Ein gutes Beispiel für diese Kontinuität ist Günter Sandler. Im Januar 1940 begann er im Schomberger Rathaus seine Ausbildung zum künftigen Verwaltungsbeamten. Er beendete sie im Juli 1942, als Mandrella bereits an der Spitze der Gemeinde stand.

In dieser Zeit wechselten die Leiter der Gemeinde, während der Krieg immer weitere Länder erfasste. Der angehende Beamte lernte dennoch weiterhin Aktenführung und Verwaltungsverfahren.

In den bislang zusammengetragenen Materialien wurde kein Dokument gefunden, das im Januar 1945 eine geordnete Übergabe des Amtes zeigt. Die bekannte Überlieferung schildert vielmehr den Zerfall der Verwaltung unter den Bedingungen der heranrückenden Front.

Fortsetzung der Geschichte Schomberg 1945: Die Tragödie der Einwohner und das Ende einer Epoche Der Einmarsch der Roten Armee, zivile Opfer, der Brand des Schlosses, die Deportation von Bergleuten, das Schicksal der Frauen und die kurze verwaltungsgeschichtliche Episode des Namens „Chruszczów“. Artikel auf Polnisch.

Die Menschen hinter den Schaltern

Verwaltungsgeschichte wird leicht zu einer Liste von Bürgermeistern. Ein Amt funktionierte jedoch nicht allein durch den Mann im repräsentativen Dienstzimmer.

Den besten Beleg liefert eine Aufnahme des Personals der Gemeindeverwaltung Schomberg, die wahrscheinlich zwischen 1937 und 1939 entstand. Vor der Kamera stehen fast dreißig Menschen, die gemeinsam den alltäglichen Verwaltungsapparat der Gemeinde bildeten.

Personal der Gemeindeverwaltung Schomberg mit Bürgermeister Paul Gloger, 1937 bis 1939
Das Personal der Gemeindeverwaltung Schomberg mit Paul Gloger, wahrscheinlich zwischen 1937 und 1939. Veröffentlicht wurde die Aufnahme im Oktober 1977.
Finanzen Gemeindekasse, Steuern, Verwaltungsvollstreckung und Rechnungsprüfung.
Angelegenheiten der Einwohner Standesamt, Hauptamt, Registratur und Fernsprechvermittlung.
Sozialfürsorge Sozialamt, Fürsorgerinnen und Unterstützung von Arbeiterfamilien.
Kommunalwirtschaft Gemeindebetriebe, Wirtschaftsamt und örtliche Dienstleistungen.
Infrastruktur Elektrizität, Rohrnetz, Schulgebäude und technische Anlagen.
Leitung Der Gemeindeleiter entschied, doch das Fachpersonal hielt die Abläufe aufrecht.

Josef Müller bekleidete als Gemeindeoberinspektor eine hohe Stellung in der Verwaltung. Ein Nachruf schilderte ihn als einen den Einwohnern gut bekannten und um die Gemeinde verdienten Beamten, nannte jedoch keine konkreten Leistungen.

Helene Nowak, geborene Heiduk, arbeitete in der Gemeindeverwaltung und verfügte über umfassende Kenntnisse der Schomberger Sozialarbeit. Sehr wahrscheinlich ist sie mit Helene Heiduck auf der Personalaufnahme identisch.

Josef Glenz arbeitete als Elektromeister. Wahrscheinlich handelt es sich um dieselbe Person, die auf der älteren Feuerwehrfotografie als Gemeindeelektriker Glenz bezeichnet wird. Damit wäre er ein Beispiel für die Kontinuität des technischen Personals trotz wechselnder Leitung.

Ein Teil der Verwaltungsmitarbeiter engagierte sich auch in örtlichen Organisationen. Auf Feuerwehrfotografien erscheinen neben den Gemeindeleitern der Sekretär Dull und der Elektriker Glenz. Die Gemeinde unterstützte außerdem lokale Vereine, darunter den Turn- und Spielverein Schomberg 06.

Personenverzeichnis zur Aufnahme anzeigen

Die Funktionen folgen der im Oktober 1977 veröffentlichten Bildlegende. Die Datierung auf 1937–1939 ergibt sich aus der Anwesenheit Paul Glogers.

  • Günter SchyskaGemeindekasse.
  • Rudolf GriskoWirtschaftsamt.
  • Walter SwobodaFunktion nicht angegeben.
  • Johannes „Hans“ BulkaStandesamt.
  • Paul GlogerBürgermeister.
  • Konrad KochanowskiHauptamt.
  • Rudolf MeierSozialamt.
  • Josef GlenzElektromeister.
  • Fräulein BoenischWirtschaftsamt.
  • Fräulein StrauchFunktion nicht angegeben.
  • Helene ImmischVorzimmer des Bürgermeisters.
  • Nicht identifizierte PersonZweite Reihe.
  • Liesel ImmischSozialamt.
  • Martha SchneiderRegistratur und Fernsprechvermittlung.
  • Klara KnappeFürsorgerin.
  • Helene HeiduckWahrscheinlich die spätere Helene Nowak.
  • Josef RollikRohrmeister.
  • Agnes TeichmannWirtschaftsbetriebe.
  • August GratzaSteuern.
  • Georg DrabantSozialamt.
  • Reinhold BregullaFunktion nicht angegeben.
  • Karl MüllerWirtschaftsamt.
  • Anton WoschSchulhausmeister.
  • August MrutzekVollziehungsbeamter.
  • Nicht identifizierte PersonDritte Reihe.
  • Eberhard DornRechnungsprüfungsamt.
  • TobisGemeindekasse; Vorname nicht ermittelt.

Was nach 1945 blieb

Im Januar 1945 endete die Geschichte der deutschen Verwaltung Schombergs. Nicht beendet waren damit die Geschichte des Ortes und seine alltäglichen Bedürfnisse.

Die polnische Verwaltung nahm ihre Tätigkeit in einem Ort auf, der über Rathaus, Schulen, Straßen, kommunale Netze und eine über Jahrzehnte gewachsene Bebauung verfügte. Zugleich musste sie sich mit denselben materiellen Problemen auseinandersetzen: Bergschäden, Wohnungsnot und der Versorgung einer großen Industriebevölkerung.

Das bedeutete keine einfache personelle oder rechtliche Kontinuität. Staat, Amtssprache und politisches System hatten sich verändert. Die Kontinuität betraf vor allem den Ort selbst: Geburten und Sterbefälle mussten weiterhin registriert, Schulen unterhalten, Straßen repariert, Licht und Wasser bereitgestellt und Familien unterstützt werden.

Deshalb ist die Geschichte des Rathauses vor 1945 nicht nur die Geschichte von Amtsträgern, die längst verschwunden sind. Sie erklärt, wie Schomberg funktionierte, bevor der Ort Teil des Nachkriegs-Beuthen wurde.

Systeme, Namen und Amtssiegel wechselten. Die Kasse musste dennoch stimmen. Kinder mussten registriert, Familien unterstützt, Schulen unterhalten und durch Bergschäden beschädigte Gebäude repariert werden. Gerade in dieser alltäglichen Arbeit liegt die eigentliche Geschichte des Schomberger Rathauses.

Bibliografie und Quellen

Zeitgenössische Presse und amtliche Quellen

  • „Katolik“, 1929, 62. Jahrgang, Nr. 113.
  • „Katolik Codzienny“, 1926, 29. Jahrgang, Nr. 10; 1929, 32. Jahrgang, Nr. 218.
  • „Der Oberschlesische Wanderer“, 1934, 107. Jahrgang, Nr. 253.
  • „Der Oberschlesische Wanderer“, 1935, 108. Jahrgang, Nr. 250.
  • „Der Oberschlesische Wanderer“, 1937, 109. Jahrgang, Nr. 79.
  • „Amtsblatt der Regierung zu Oppeln für 1932“, Band 117, Nr. 30 und 49.
  • „Kattowitzer Zeitung“, 1940, 72. Jahrgang, Nr. 62 und 212.
  • „Gau-Anordnungsblatt“ der Gauleitung Oberschlesien, 12. Dezember 1941.

Heimatblätter und Erinnerungsberichte

  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Mai 1967, Nr. 5, Adolf Derschat, „Bürgermeister Carl Czichy aus Klausberg“.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Februar 1978, Nr. 2, „Der Schomberger Bürgermeister Gerhard Enger“.
  • Siegfried Kowollik, „Der Schomberger Bürgermeister Dr. Hans Kuhna“, „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Juni 1979, Nr. 6.
  • Leonhardt Maniura, „Schomberg und der Zweite Weltkrieg“, „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Juni 1989, Nr. 6.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Juni 1991, Nr. 6 – Fotografien der Freiwilligen Feuerwehr Schomberg.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Oktober 1977, Nr. 10 – Fotografie des Personals der Gemeindeverwaltung.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, September 1979, Nr. 9 – Nachruf auf Helene Nowak, geb. Heiduk.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Februar 1981, Nr. 2 – Nachruf auf Josef Müller.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Juni 1978, Nr. 6 – „Zum Gedenken an Günter Sandler, Schomberg“.

Darstellungen und Hilfsmaterialien

  • „Pod rządami gauleiterów: elity i instancje władzy w rejencji katowickiej w latach 1939–1945“.
  • „Górny Śląsk podczas II wojny światowej: między utopią niemieckiej wspólnoty narodowej a rzeczywistością okupacji na terenach wcielonych do Trzeciej Rzeszy“.
  • Genealogische Unterlagen und Familienwissen Bursig / Flaczek.
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Stylizowana wizualizacja ośmiobocznej kapliczki w Szombierkach pośród brzóz

Achtseitiger Bildstock in Schomberg. Geschichte, Legenden und das Rätsel seines Verschwindens

Achtseitiger Bildstock in Schomberg inmitten von Birken — historische Visualisierung
Historische Visualisierung des achtseitigen Bildstocks in Schomberg, erstellt auf der Grundlage von vier originalen Archivfotografien. (Eigene Bearbeitung basierend auf fotopolska.eu).

Wenn man heute die viel befahrene Straße vom Zentrum Beuthens (Bytom) nach Schomberg (Szombierki) passiert, denkt man selten darüber nach, was sich hier vor Jahrhunderten befand. Doch noch vor relativ kurzer Zeit stand in der Nähe dieser Straße, auf einer kleinen Birkengruppe, ein rätselhaftes Objekt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten lokale Geschichtsliebhaber in der Presse erbitterte Debatten über diesen scheinbar gewöhnlichen Bildstock. Er barg in sich Geschichten von einer tödlichen Epidemie, Volksmagie und einem sagenumwobenen russischen General. Er überstand beide Weltkriege, um schließlich 1966 aus der Landschaft zu verschwinden, als er in die Lehmgrube der örtlichen Ziegelei abrutschte.

Quellenhinweis

Die Überlieferungen über die Entstehung dieses Bildstocks sind späten Datums und teilweise legendär. Daher trenne ich im Folgenden das, was aus historischen Quellen und späteren Berichten hervorgeht, von dem, was zur lokalen Sage gehört.

Der achtseitige Wächter der Straße auf der Birkengruppe

Wie aus Berichten hervorgeht, die 1924 in der historischen Beilage „Aus dem Beuthener Lande“ sowie in späteren Ausarbeitungen von Józef Larisch veröffentlicht wurden, befand sich das Objekt auf der linken Seite der Chaussee, die von Beuthen nach Schomberg führte (nahe der Kreuzung mit der heutigen Kamienna-Straße). Es handelte sich um einen massiven, gemauerten und grau verputzten Bildstock in Form eines Turms, der auf einem achteckigen Grundriss errichtet wurde. Den Beschreibungen zufolge war er etwa 1,6 Meter breit und rund 3,5 Meter hoch, gekrönt von einem kleinen, spitzbogigen Dach.

Etwa einen halben Meter unterhalb des Daches befanden sich acht kleine Nischen. Ursprünglich war in jeder von ihnen ein auf Blech gemaltes religiöses Bild angebracht. Doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Zahn der Zeit nur einige Darstellungen verschont: Maria mit dem Kinde, den hl. Joseph sowie Christus mit dem Lamm. Der Rest war fast völlig verblasst, und aus einer Nische soll das Blech komplett verschwunden sein. Woher stammte dieses Bauwerk auf dem Schomberger Feld? Auf diese Frage gab es jahrelang keine eindeutige Antwort.

Theorie I: Opfer des „hitzigen Fiebers“ von 1737

Herbstliche Landschaft, die die Epidemie von 1737 symbolisiert — illustrative Visualisierung
Visualisierung: Im Jahr 1737 verwüstete das „hitzige Fieber“ die Gegend. Die Sage besagt, dass die Kranken im Fieberwahn auf die Felder liefen, wo sie nach ihrem Tod an den Orten begraben wurden, an denen sie niederfielen.

Eine der Interpretationen, abgeleitet aus der alten Chronik von Franz Gramer und späteren regionalen Schriften, brachte den Bildstock mit der Epidemie von 1737 in Verbindung. In der Quelle selbst taucht der Begriff hitziges Fieber auf; erst spätere Ausarbeitungen versuchten, dies mit Typhus gleichzusetzen. Der Überlieferung nach starben innerhalb von vier Monaten etwa 300 Menschen.

Die lokale Sage, die von alten Chronisten zitiert wurde, zeichnete ein sehr suggestives Bild jener Tage. Es wurde erzählt, dass die Kranken, verzehrt von hohem Fieber und Wahnvorstellungen, aus ihren Betten sprangen, aus den Häusern rannten und vor sich hin liefen – den Erzählungen zufolge sogar bis zu einer Achtelmeile weit. Wenn sie tot vor Erschöpfung auf den Feldern oder an den Wegen zusammenbrachen, sollen sie genau dort begraben worden sein, wo sie ihren letzten Atemzug taten. Die Angehörigen der Opfer stifteten später an solchen Orten Bildstöcke oder andere Gedenkzeichen.

Gramer selbst stand dieser Geschichte vorsichtig gegenüber, da die Form der Schomberger Säule auf einen älteren Ursprung als das 18. Jahrhundert hindeuten könnte. Weder die damaligen Gemeindebehörden noch die Gutsverwaltung konnten das Rätsel lösen – zumindest den Berichten vom Beginn des 20. Jahrhunderts zufolge wurden damals keine Dokumente vorgelegt, die den Ursprung des Objekts geklärt hätten.

Theorie II: Blitzschlag, sieben Kinder und schlesische Magie

Gewitter über der Baumgruppe in Schomberg — Visualisierung der Legende vom Blitzeinschlag
Visualisierung: Eine alte schlesische Sage erzählte, dass ein Blitz in die Baumgruppe einschlug, unter der Kinder Schutz gesucht hatten. Man versuchte die Opfer zu retten, indem man sie in der Erde vergrub, damit diese die zerstörerische Kraft „herausziehe“.

Eine völlig andere Geschichte bewahrte die lokale Tradition, die später von Józef Larisch notiert wurde. Dieser Sage nach suchte nach dem Dritten Schlesischen Krieg, also nach 1763, ein außergewöhnlich heftiges Gewitter die Gegend heim. Auf dem Weg vom Schwarzwald (Czarny Las) und Schomberg befand sich damals eine Gruppe von Kindern, die zur Marienkirche in Beuthen zum Religionsunterricht unterwegs war. Auf der Suche nach Schutz liefen sie auf eine nahe gelegene Anhöhe unter eine Baumgruppe.

Ein heftiger Blitzeinschlag soll sieben von ihnen getötet haben. Dies gehört eindeutig in den Bereich der Volkssage, aber gerade deshalb ist diese Überlieferung so faszinierend. Die Erwachsenen versuchten angeblich, die Opfer zu retten, indem sie sie in der Erde vergruben, damit diese den „Blitz herausziehe“, also dem Körper die zerstörerische elektrische Kraft entziehe. Als diese alte Maßnahme wirkungslos blieb, sollen die Kinder auf dem Hügel begraben und über ihrem Grab der Bildstock errichtet worden sein.

Die Legende erklärte auch die Auswahl der Bilder in den acht Nischen. In sieben von ihnen sollten sich die Bildnisse der Schutzheiligen befinden, die den Vornamen der verstorbenen Kinder entsprachen: Maria, Margarethe, Thekla, Antonius, Ignatius, Joseph und Petrus. Die achte Nische soll der Gute Hirte eingenommen haben.

Theorie III: Ein angeblicher russischer General und eine Glocke mit dem Datum 1700

Alte Glocke mit dem Datum 1700 vor dem Hintergrund eines Gutshofes — illustrative Visualisierung
Visualisierung: Nach einem Bericht von 1924 blieb von einem abgerissenen Sakralbau eine Glocke mit dem Datum 1700 erhalten. Sie soll als Arbeitsglocke auf das Schomberger Gut gekommen sein.

Im Jahr 1924 erschien in der Beilage „Aus dem Beuthener Lande“ eine weitere, weitaus fantasievollere Version. Josef Henne behauptete, dass der kleine, achtseitige Bildstock keine eigenständige Kapelle war, sondern der erhaltene Überrest eines größeren Sakralbaus aus dem 17. Jahrhundert. Dieser Erzählung zufolge wurde dort ein russischer General namens Schombierski begraben, der angeblich auf diesen Feldern während der Kämpfe mit den Tataren gefallen war. Von seinem Nachnamen soll sich der Name der Siedlung abgeleitet haben.

Dies ist ein klassisches Beispiel für Volksetymologie. Der Name Schomberg ist viel früher belegt und wird meist mit der alten Form Schoenenberg/Schönberg in Verbindung gebracht, sodass die Legende über den General den Ursprung des Ortes nicht erklärt.

Dennoch enthält Hennes Bericht ein faszinierendes materielles Detail. Der Autor behauptete, dass aus dem abgerissenen Bauwerk eine Glocke erhalten blieb, die auf das nahe gelegene Gut (Dominium Schomberg) gebracht wurde. Sie soll die große Jahreszahl 1700 und die Worte „Jesus Maria“ getragen haben. Wenn dieser Bericht zutrifft, wurde sie später nicht mehr sakral genutzt, sondern als gewöhnliche Arbeitsglocke, um die Menschen zur Arbeit auf dem Gutshof zu rufen.

Theorie IV: Napoleonische Soldaten, ein ertrunkenes Gespann und versteckte Taler

Ein äußerst wertvolles Zeugnis dafür, wie sich die lokale Erinnerung in der Zwischenkriegszeit entwickelte und veränderte, ist ein Ausschnitt aus der deutschsprachigen Presse mit dem Titel „Ein hundertjähriger Bildstock zwischen Schomberg und der Hohenzollerngrube“. Verfasst wurde er von einem Maschinisten namens Strzala (Masch.-Wärter Strzala), einem Mitarbeiter der Hohenzollerngrube (Szombierki). Sein Ziel war es, die Bergleute zu sensibilisieren, damit sie auf dem Weg zur Schicht nicht achtlos an diesem legendenumwobenen Ort vorbeigehen.

Der Autor der damaligen Publikation zitiert Varianten von Sagen, die den freien Umgang der Einwohner mit der Gestaltung der lokalen Geschichte zeigen:

  • Das Grab der Soldaten von 1813: Der Autor beruft sich auf die Gramer-Chronik, verändert deren Sinn jedoch völlig. Gramer schrieb über die Opfer der Epidemie von 1737, während wir in Strzalas Artikel erfahren, dass nach der Schlacht an der Katzbach etwa 300 verwundete Franzosen, Russen und Preußen nach Beuthen kamen, an Typhus starben und der Bildstock angeblich auf ihrem mit Kalk zugeschütteten Massengrab stand.
  • Der Schatz der Familie Cygan: Um diesen napoleonischen historischen Faden glaubwürdiger zu machen, erinnert der Ausschnitt an ein Ereignis aus dem Jahr 1924, als bei Schachtarbeiten auf dem Grundstück der Familie Cygan in Schomberg ein Topf mit silbernen Talern aus dem Jahr 1812 ausgegraben wurde, die vor den französischen Truppen versteckt worden waren.
  • Ein ertrunkenes Gespann: Ein völlig neues Motiv taucht auf — einer der Sagen zufolge befand sich an der Stelle des Bildstocks einst ein Tümpel, in dem ein ganzes Pferdegespann mitsamt den Menschen ertrank („ein Gespann mit Mann und Maus umgekommen ist“).
  • Verzerrte Varianten anderer Mythen: Der Autor merkt an, dass das Objekt ein Dankeszeichen nach der Choleraepidemie im 19. Jahrhundert gewesen sein könnte. Er ruft auch die Legende von den vom Blitz getroffenen Kindern ins Gedächtnis, mit dem Unterschied, dass sie in seiner Erzählung nicht zum Religionsunterricht unterwegs waren, sondern dort einfach Gänse hüteten (beim Gänsehüten).

Dieser historische Presseanhang ist ein perfektes Beispiel dafür, wie harte Fakten fließend mit der Volksfantasie verschmolzen und erstaunliche, völlig von den Quellen losgelöste mythische Geschichten schufen, die in der lokalen Gemeinschaft kursierten.

Der Bildstock aus den Sagen und die echte St.-Josephs-Kapelle

Wenn man sich in die verworrene Vergangenheit der Schomberger Denkmäler vertieft, ist Wachsamkeit geboten. Der geheimnisvolle Bildstock am Straßenrand wird manchmal mit einem anderen, für diesen Ort zentralen Objekt verwechselt — der gemauerten Kapelle des hl. Joseph und der Jungfrau Maria, in der jahrelang die berühmte „Beuthener Madonna“ aufbewahrt wurde. Wenn Sie an den historischen und dokumentierten Schicksalen dieses zweiten, viel größeren Objekts interessiert sind — dessen Stifter und langjähriger Glöckner übrigens mein Ururgroßvater, der Gemeindevorsteher Simon Flatzek, war —, lade ich Sie ein, die separaten Artikel zu lesen:

Quellen und Bibliografie

  • Gramer Franz, Chronik der Stadt Beuthen in Ober-Schlesien, Beuthen 1863, S. 194–195.
  • Graba Joseph, Oberschlesische Heimat, Jahrgang VI, 1910, S. 22–23 (Erwähnungen basierend auf der Gramer-Chronik).
  • Henne Josef, Die Kapelle an der Schomberger Chaussee, in: „Aus dem Beuthener Lande”, Nr. 19, Beuthen, 21. Mai 1924.
  • Larisch Józef, Szombierki. Zarys rozwoju dzielnicy, Bytom 1989, S. 153–155.
  • Strzala, Ein hundertjähriger Bildstock zwischen Schomberg und der Hohenzollerngrube, in: „Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt”, Nr. 7/8 (Juli/August), 1975, S. 52.
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Karykatura śląskiego znachora trzymającego ognistą kulę, obok płonącej beczki Oksowki na tle dawnej, drewnianej chaty.

Volksmedizin, dunkle Flüche und drastische Orthopädie

Alltagsgeschichte · Oberschlesien

Volksmedizin, dunkle Flüche und drastische Orthopädie

Das heißt, dörfliche „Spezialisten“ im alten Schlesien: Schäfer, die aus dem Urin diagnostizieren, ein Chiropraktiker mit Leiter, Wiener Kurgäste in Annaberg und ein feuriges Fass, das nachts bei Zernik sein Unwesen treibt.

Wunderheiler Volksmedizin Schutzmagie Schlesische Legenden

Bevor moderne Arztpraxen in der oberschlesischen Provinz Einzug hielten, kümmerten sich herausragende Spezialisten um die Gesundheit und das Leben der Bewohner, die sich ebenso sehr auf ihre Kenntnisse der menschlichen Anatomie verließen wie auf das fortgeschrittene Aufheben von Flüchen. In alten historisch-ethnografischen Aufzeichnungen tauchen diese lokalen medizinischen Autoritäten meist als Schäfer oder – was fast wie der Titel eines Chefarztes klingt – als Schafmeister auf. Genau diese „weisen Leute“ direkt von der Weide hielten statt Universitätsdiplomen Stöcke, große Kessel und das absolute Monopol auf das geheime dörfliche Wissen in den Händen.

Sie waren nicht nur gewöhnliche Betrüger. In einer Welt ohne leichten Zugang zu einem Arzt, Krankenhaus und einer Apotheke handelten sie meist in bester Absicht und kombinierten Erfahrung, Beobachtung, Tradition und Magie. Nur können ihre Methoden aus heutiger Perspektive durchaus Schwindelgefühle auslösen.

Hier ist ein Katalog der wichtigsten lokalen Wunderheiler und ihrer zuverlässigen — wenn auch manchmal erschreckenden — Heilmethoden.

01

Ruda

Alchemist mit dem Kupferkessel

Spezialistenkarte Lokaler Schäfer und Hersteller eines Universalmittels.
Diagnostik
Eingehende und sehr geheimnisvolle Analyse des Urins des Patienten.
Ausrüstung
Ein großer Kupferkessel, Kräuter, Wurzeln und eine streng gehütete Rezeptur.
Spezialisierung
Ein einziges mächtiges Panazee für fast jedes Leiden.
Karikatur eines schlesischen Wunderheilers aus Ruda, der konzentriert ein Fläschchen mit Flüssigkeit vor einem großen, rauchenden Kupferkessel betrachtet.
Urinanalyse und ein großer Kupferkessel – der Heiler aus Ruda während eines komplizierten diagnostischen Prozesses.

Der „weise Mann“ aus Ruda braute seine Medizin in einem riesigen Kupferkessel und mischte geheime Kräuter und Wurzeln zusammen. Das Präparat sollte fast gegen alles helfen, was unter den damaligen ländlichen Bedingungen ein unbestreitbarer Vorteil war: Der Patient musste nicht einmal genau wissen, was ihm fehlte. [1]

Das Aroma des Suds muss so stark gewesen sein, dass es wahrscheinlich auch den Schnupfen in den Nachbardörfern heilte.
02

Ligota Zabrska · Ellguth-Zabrze

Extreme Orthopädie und schwere Artillerie

Spezialistenkarte Ehemaliger Straßenarbeiter, dörflicher „Chiropraktiker“ für Verrenkungen und Brüche.
Medizinische Ausrüstung
Eine Holzleiter, Seile und eine sehr begrenzte emotionale Betäubung.
Verfahren
Der Patient wurde an die Leiter gebunden, woraufhin die kranken Gliedmaßen und Gelenke gedehnt wurden.
Geheimwaffe
Brunhilde, die Tochter des Heilers, die Berichten zufolge etwa 125 Kilogramm wog.
Eine kräftige Frau namens Brunhilde dehnt einen an eine Holzleiter gefesselten Patienten, während der Dorfheiler etwas in ein Notizbuch schreibt.
Leiter, Seile und die mächtige Brunhilde – die drei Säulen der alten schlesischen Orthopädie, die man in keinem akademischen Lehrbuch findet.

Wenn die Kraft des Heilers selbst nicht ausreichte, um die widerspenstigen Knochen einzurenken, trat seine Tochter Brunhilde in Aktion. Ihre Teilnahme war das ultimative Argument im Kampf gegen Verrenkungen. Sobald sie in das Strecken eingriff, musste jedes Gelenk an seinen Platz zurückkehren — oder mit einem Knacken in eine Richtung gleiten, die von keiner modernen Anatomie vorhergesehen wurde. [1]

Leiter, Seile und Brunhilde: drei Säulen der Orthopädie, die wir heute in keinem akademischen Lehrbuch finden.
03

Chałupki · Annaberg, Kreis Ratibor

Luxusklinik für VIPs

Spezialistenkarte Schäfer-Doktor, spezialisiert auf innere Krankheiten.
Praxis
Räumlichkeiten im ehemaligen Schloss der Rothschilds.
Kundschaft
Wohlhabende Kurgäste aus Schlesien, Wien und sogar dem Elsass.
Infrastruktur
Zimmer, die bei örtlichen Bauern für die Dauer der Kur gemietet wurden.
Karikatur eines schockierten, reichen Aristokraten in eleganter Kleidung, der eine verdächtige Kur von einem Dorfheiler in einer schmutzigen Scheune auf einem Heuhaufen erhält.
Ein VIP-Spa aus dem 19. Jahrhundert. Wenn elegante Salons gegen eine Scheune und professionelle Medizin gegen einen Löffel geheimnisvoller Schmiere getauscht werden.

Der Ruhm des Heilers aus Annaberg war so groß, dass wohlhabende Patienten von weit her in die schlesische Provinz reisten, nur um einen Termin zu bekommen. Ein Teil von ihnen übernachtete in Bauernstuben, wodurch um die Praxis des Heilers herum etwas entstand, was wir heute als ausgebaute Beherbergungsinfrastruktur für den Medizintourismus bezeichnen würden. [1]

Wien hatte seine Medizinprofessoren. Annaberg hatte einen Schäfer im Schloss — und offensichtlich ein ziemlich effektives Empfehlungsmarketing.
04

Jemielnica · Himmelwitz

Wunderheiler mit apothekarischem Flair

Spezialistenkarte Schäfer, Diagnostiker und Meister im Aufbau von Stimmung während des Besuchs.
Diagnostik
Natürlich der Urin des Patienten — ein Grundpfeiler des damaligen Heiler-Repertoires.
Das Theater des Besuchs
Einsame „Meditation“ im Nebenzimmer über einem riesigen, geheimnisvollen Buch.
Finale
Ein professionell aussehendes Rezept und die Überweisung des Patienten an die örtliche Apotheke.
Ein verwirrter älterer Mann mit einem großen Schnurrbart kratzt sich am Kopf, spielt Arzt und liest ein riesiges medizinisches Buch auf dem Kopf stehend.
Eine Aura des Geheimnisvollen ist das A und O. Egal, dass das Buch auf dem Kopf steht, wichtig ist, dass der Patient Respekt vor dem Wissen hat.

Der Heiler aus Himmelwitz verstand perfekt, dass der Patient nicht nur durch das Medikament, sondern auch durch die Atmosphäre geheilt wird. Nach der Untersuchung verschwand er im Nebenzimmer, wo er sich über ein großes medizinisches Buch beugte. Stille, Konzentration und das unzugängliche gedruckte Wissen bauten eine Aura des Eingeweihten um ihn herum auf.

Das Interessanteste passierte jedoch am Ende. Anstatt zu zaubern oder eigene Mixturen zuzubereiten, kam der Heiler aus dem Zimmer und schrieb ein Rezept aus, mit dem er den Kranken in die Apotheke schickte. [1]

Zuerst Mystik, dann Pharmazie. Aus der Sicht des Patienten: Voller Service und keinerlei Dissonanz.
05

Żerniki · Zernik und Umgebung

Imker „Wróż“ und das magische Heimarsonal

In der Gegend von Zernik verschwamm die Grenze zwischen Medizin und purer Magie fast vollständig. Die Hauptfigur war ein alter Imker, der „Wróż“ (Wahrsager) — eine alte slawische Bezeichnung für einen Heiler — oder einfach der „weise Bauer“ genannt wurde. [1]

Pflanzenmedizin

Die ätzende Meerzwiebel und die häusliche Apotheke

In schlesischen Häusern wurde die Meerzwiebel — Scilla maritima — gezüchtet. Ihr ätzender Saft verursachte Blasen auf der Haut. Die zerdrückten Blätter wurden auf Geschwüre, Prellungen und schmerzende Finger, in der Quelle als „Fingerwurm“ bezeichnet, gelegt. [2]

Wenn es gnadenlos brannte, bedeutete das, dass das Medikament gerade seine Arbeit aufnahm.
Schutzmagie

Abwehr von Flüchen, Schuppen und der Donnerkeil

Vier-Panel-Comic mit humorvollen Karikaturen, die schlesische medizinische Rituale aus dem 19. Jahrhundert darstellen: Abwehr von Flüchen, Kropfbehandlung mit einem Stein, Abschneiden des Weichselzopfs und Spucken durch das Hemd.
Das magische Heimarsonal in der Praxis: vom nächtlichen Gesang bis zum Kampf gegen den Weichselzopf mit einer großen Schere.
Behandlung der Augen — „Schuppe“. Das Leiden wurde besprochen, also „beschworen“. Das Ritual musste unter freiem Himmel und unbedingt vor Sonnenaufgang stattfinden. [1]
Behandlung des Kropfes. Der Hals wurde mit einem „pieronowy kamień“ (Donnerstein) — Donnerkeil — gerieben. Als solche Steine galten prähistorische Belemniten, die als versteinerte Blitzeinschläge interpretiert wurden und denen eine schützende Kraft zugeschrieben wurde. [1]
Weichselzopf — Weichselzopf. Die verfilzten Haare durften nur am Karfreitag vor Sonnenaufgang abgeschnitten werden. Das Brechen dieser Regel sollte mit Blindheit oder Wahnsinn bestraft werden. [1]
Böser Blick — (Urok). Wenn Übelkeit dem Blick einer älteren, schielenden Frau zugeschrieben wurde, musste man an einen abgelegenen Ort gehen, sich das Gesicht mit der Innenseite des getragenen Hemdes abwischen und dreimal spucken. [2]
Dunkle Legenden

Die feurige „Oksowka“ in der Sandschlucht

Ein verängstigter Bauer auf einem Pferdewagen flieht nachts vor einem riesigen, brennenden Fass mit einem bedrohlichen Gesicht, das ihn auf einem Feldweg verfolgt.
Die feurige Oksowka. Schwer, eine ruhige Rekonvaleszenz zu haben, wenn man unterwegs von einem brennenden Fass verfolgt wird.

Wenn die Kur nicht die erwartete Wirkung zeigte, blieb immer noch eine übernatürliche Erklärung. In der Gegend erzählte man sich von der schrecklichen „Oksowka“ — einer Erscheinung in Form eines feurigen, funkensprühenden Fasses, das nachts hinter den Bauernwagen in der nahegelegenen Sandschlucht herrollen sollte. Der Name selbst ist das regionalisierte Wort Oxhoft, das ein riesiges Fass bedeutet, und volkstümliche Überlieferungen lokalisierten diesen bösen Geist genau bei den Kiesgruben am Fuße der Anhöhe, die als „gora“ (Berg) bezeichnet wurde, südlich von Zernik. [2]

Heiler in bester Absicht

Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts ist es leicht, über die Leiter, die Meerzwiebel, die Donnerkeile oder die vor dem Morgengrauen durchgeführten Rituale zu lachen. Man muss jedoch bedenken, dass die schlesischen „weisen Leute“ in einer Welt handelten, in der professionelle medizinische Hilfe oft teuer, weit entfernt oder einfach unerreichbar war.

Ihre Praktiken vereinten Krümel realen Wissens, die Erfahrung von Generationen, Religiosität, lokale Folklore und das Bedürfnis, die Kontrolle über die Krankheit zurückzugewinnen. Einige Methoden mochten helfen, andere blieben wirkungslos, und einige — besonders die Orthopädie mit Leiter und Brunhilde — konnten dem Patienten völlig neue Probleme bereiten.

Trotzdem waren sie nicht nur Karikaturen des alten Dorflebens. Sie waren die Antwort auf ein echtes Bedürfnis: Jemand musste kommen, sich den Kranken ansehen, sein Leiden benennen und versprechen, dass man etwas dagegen tun könnte.

Bibliographie und Archivquellen

Die Grundlage des Artikels bilden zwei historisch-ethnografische Aufzeichnungen von Emanuel Czmok.

1

Czmok, Emanuel. [Historisch-ethnografische Aufzeichnung zur Volksmedizin und Tätigkeit dörflicher Heiler]. Der Oberschlesier, Januar 1927, Nr. 1.

Hauptinformationsquelle über die Praktiken der schlesischen Wunderheiler aus Ruda, Ellguth-Zabrze mit der assistierenden Brunhilde, Annaberg, Himmelwitz und über den Imker aus Zernik. Aus dem Text stammen auch die Beschreibungen der Kropfbehandlung mit dem Donnerkeil und dem Glauben bezüglich des Abschneidens des Weichselzopfs.

2

Czmok, Emanuel. „Zur Volkskunde unserer Gegend“. Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt, Oktober 1961, Nr. 10, S. 35.

Posthum veröffentlichte Feldnotizen des Forschers. Informationsquelle über die medizinische Verwendung der Meerzwiebel, Rituale zur Abwehr von Flüchen mittels eines Hemdes sowie die lokale Legende vom feurigen Fass „Oksowka“, das in der Umgebung von Zernik sein Unwesen treibt.

Geschichte der Volksmedizin · Altes Oberschlesien · Populärwissenschaftliches Material
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Portret inżyniera Carla-Heinza Stephana w sepii z nałożonymi szkicami technicznymi oraz infrastrukturą śląskiej kopalni węgla kamiennego w tle.

Carl-Heinz Stephan – schlesischer Ingenieur des modernen Bergbaus

Carl-Heinz Stephan (1904–1989) – schlesischer Ingenieur des modernen Bergbaus
Industrielle Biografie

Carl-Heinz Stephan

Ein schlesischer Ingenieur, der Zeche, Technik und soziale Verantwortung verband
Porträt von Dr.-Ing. Carl-Heinz Stephan
Dr.-Ing. Carl-Heinz Stephan (1904–1989) – aus Schomberg (Szombierki) stammender Bergbauingenieur, Bergwerksdirektor und späterer Vorstandsvorsitzender der Rheinstahl Bergbau AG.

Carl-Heinz Stephan wurde am 27. November 1904 in Beuthen-Schomberg im Schatten der Fördertürme und Schornsteine eines der wichtigsten Industriegebiete Oberschlesiens geboren. Er wuchs in einer Welt auf, in der die Grube nicht nur ein Arbeitsplatz war. Sie bestimmte den Rhythmus ganzer Stadtteile, organisierte das Familienleben, schuf Siedlungen und prägte den Alltag Tausender Menschen. Genau aus dieser Landschaft nahm er die Überzeugung mit, dass Bergbautechnik nicht losgelöst vom Menschen betrachtet werden kann.

Seine Biografie verbindet zwei Traditionen der schlesischen Moderne. Die erste vertrat sein Vater, Dr. jur. Bernhard Stephan – Jurist, Reichstagsabgeordneter und Pionier der Sozialpolitik in den Gütern der Schaffgotschs. Die zweite schuf Carl-Heinz selbst: als Konstrukteur, Direktor und Industriemanager, der nach einer Konzentration der Förderung, der vollständigen Mechanisierung des Transports und dem Bau von Zechen strebte, die als ein einziger kohärenter technischer Organismus funktionierten.

Sein Weg führte von der Schule in Schomberg über Beuthen, Breslau und Clausthal zu den Zechen in Bobrek und im Klodnitztal, und nach dem Krieg – nach Bottrop und in die Vorstände der großen Unternehmen des Ruhrgebiets. Stephan gehörte zu einer Generation, die ihr heimatliches Schlesien verlor, es aber nie aufhörte, als den wichtigsten Bezugspunkt der eigenen Identität zu betrachten.

Hohenzollerngrube in Beuthen-Schomberg
Hohenzollerngrube in Schomberg – die Industrielandschaft des Ortes, in dem Carl-Heinz Stephan 1904 geboren wurde.

Ein Vater, der Verantwortung lehrte

Bernhard Stephan war Jurist, Reichstagsabgeordneter und einer der Führer der oberschlesischen Katholiken. Ab 1900 fungierte er als Generalbevollmächtigter der Güter der Gräfin Johanna von Schaffgotsch. Er verstand die industrielle Entwicklung umfassender als nur als Steigerung der Förderung und der Gewinne. Er führte Maßnahmen ein, die die Lebensbedingungen der Arbeiter und ihrer Familien verbessern sollten: den Bau von Siedlungen, Wohnbeihilfen, Kinderzulagen und Prämiensysteme.

In die Geschichte ging auch sein Kampf gegen den Alkoholismus ein, dessen Bestandteil der kostenlose Ausschank von Milch war. Bernhard Stephan versuchte auf diese Weise, ein verantwortungsvolleres System der sozialen Fürsorge rund um die Grube zu schaffen. Er starb am 8. August 1914. Carl-Heinz war damals knapp zehn Jahre alt, doch das Erbe des Vaters blieb im familiären Gedächtnis lebendig.

In der späteren Tätigkeit des Sohnes – insbesondere in seinem Engagement für den Wohnungsbau für Vertriebene und Menschen, die mit dem Bergbau verbunden waren – lässt sich derselbe Gedanke erkennen: Ein Unternehmen ist nicht nur für die Produktion verantwortlich, sondern auch für das soziale Umfeld, das durch es existiert.

Von der Schule in Schomberg zum Ingenieurdiplom

Carl-Heinz begann seine Ausbildung an der Volksschule in Schomberg. Er besuchte das Gymnasium in Beuthen und Breslau. Anschließend studierte er an der Bergakademie in Clausthal sowie an der Technischen Hochschule in Breslau. Im Jahr 1928 legte er die Diplom-Hauptprüfung ab und bestätigte damit seine Vorbereitung auf die Arbeit in der anspruchsvollen Welt des Tiefbaus.

Die nächste Etappe war die staatliche Praxis. Als Bergreferendar sammelte er Erfahrungen in den Bergämtern in Breslau und Dortmund. Im Jahr 1932 legte er die große Staatsprüfung ab und wurde zum Bergassessor ernannt. Er verband somit technisches Wissen mit Verwaltungserfahrung und der Kenntnis der Vorschriften, die den Grubenbetrieb regelten.

Schon als junger Ingenieur machte er sich als Erfinder einen Namen. Im Jahr 1929 meldete er ein Patent für einen nachgiebigen Grubenausbau an, das später unter der Nummer DE530813C veröffentlicht wurde. Diese Lösung sollte besser auf den Gebirgsdruck reagieren und zeigte eine Denkweise, die Stephan seine gesamte Karriere über begleitete: Eine Vorrichtung sollte nicht gegen die Bedingungen in der Grube arbeiten, sondern genau an diese angepasst sein.

Im Jahr 1940 verteidigte er in Berlin seine Doktorarbeit mit dem Titel Der Kammerbau mit breitem Blick, ein Beitrag zur Frage der Konzentration beim Abbau der mächtigen Flöze Oberschlesiens. Betreuer der Arbeit war Professor Niemczyk. Thema der Promotion war die Konzentration der Förderung beim Abbau mächtiger oberschlesischer Flöze – ein Problem, mit dem Stephan bereits zuvor in der Grubenpraxis konfrontiert war.

Bobrek – das Bergwerk als Labor der Zukunft

Im Jahr 1932 begann Stephan seine Arbeit in den Betrieben der Gräfin Johanna von Schaffgotsch. Er war zunächst als Direktionsassistent und ab 1935 als vollwertiger Bergwerksdirektor auf der „Gräfin-Johanna-Grube“ in Bobrek tätig. Er wohnte mit seiner Familie auf dem Werksgelände unter der Adresse Bobrek-Karf OS., Johannaschacht.

Seine Frau war Gertrud, geborene Bohnekamp. Das Ehepaar hatte zwei Söhne: Hans-Georg und Michael, der am 13. März 1937 in der Privatklinik von Dr. Schubert in Beuthen geboren wurde. Das Familienleben der Stephans spielte sich somit in unmittelbarer Nähe zu den Schächten, Maschinen und Grubengleisen ab.

Stephan behandelte die Grube wie kommunizierende Röhren. Gewinnung, Ausbau, Transport, Energie und Schachtförderung konnten nicht isoliert voneinander modernisiert werden. Jede Verbesserung ergab erst dann Sinn, wenn sie die Effizienz des gesamten Systems steigerte. In diesem Ansatz ist sowohl sein Patent als auch sein Interesse an Gurtförderern und der Konzentration der Förderung zu sehen.

Technischer Wandel: Von Schüttelrutschen zum kontinuierlichen Transport

In einem Referat vom 14. Februar 1935 verglich Stephan Gurtförderer mit Schüttelrutschen. Die Ergebnisse sprachen für die Förderbänder: Sie ermöglichten eine Verdoppelung der Förderung und verbrauchten deutlich weniger Energie. Eine Versuchsanlage im „Marieflöz 1. Sohle Ostfeld“ war 70 Meter lang und hatte eine Gurtbreite von 650 Millimetern. In 18 Monaten transportierte sie 275.000 Tonnen Haufwerk ohne nennenswerte Störungen.

250–300 Tonnenpro Schicht betrug die praktische Leistungsgrenze von Schüttelrutschen.
275.000 Tonnentransportierte die Versuchsanlage mit Förderband innerhalb von 18 Monaten.
26 kWbenötigte ein Förderband mit einer Länge von 300 Metern.
70 kWverbrauchte eine vergleichbare Anlage aus Schüttelrutschen.

Die höheren Anschaffungskosten des Förderbandes wurden durch Leistung, Zuverlässigkeit und geringeren Energieverbrauch aufgewogen. Für Stephan war der Transport kein bloßer Zusatz zur Förderung. Er wurde zu ihrem Rückgrat.

Berve-Schacht und der Komplex Johanna-Berve

Im April 1938 wurde der von Stephan entworfene Berve-Schacht in Bobrek in Betrieb genommen. Der Einsatz von Skip-Förderanlagen und weitreichender Mechanisierung machte ihn zu einem Symbol für eine neue Etappe in der Entwicklung der Zeche. Es ging nicht mehr um eine einzelne moderne Maschine, sondern um die Unterordnung der Technologie unter ein einziges Ziel: den kontinuierlichen und konzentrierten Fluss des Förderguts.

Im Jahr 1941 übernahm Stephan die Leitung der konsolidierten Betriebseinheit der Johanna-Grube. Das Hauptaugenmerk lag auf der Integration der Schächte Johanna und Berve, aber zu der von ihm geleiteten Struktur gehörte auch die Lithandragrube in Friedenshütte (Nowy Bytom). Die Einheit Johanna-Berve erreichte eine Förderung von bis zu 15.000 Tonnen Kohle täglich – ein Ergebnis, das das gigantische Ausmaß der Produktionskonzentration verdeutlicht.

In dem Komplex wurden auch Lösungen eingeführt, die als „Panzerjohanna“ bezeichnet wurden. Ihre Bedeutung gliederte sich in das breitere Mechanisierungsprogramm der Schaffgotsch-Werke ein. Stephan baute ein System, in dem Gewinnung, horizontaler Transport und vertikale Förderung in einem Rhythmus arbeiten sollten, ohne Engpässe, die die Leistungsfähigkeit der gesamten Grube einschränkten.

Berve-Schacht der Gräfin-Johanna-Grube in Bobrek
Berve-Schacht des Grubenkomplexes Gräfin Johanna in Bobrek, in Betrieb genommen 1938 unter der Leitung von Carl-Heinz Stephan.

Schächte Godulla und Arthur – Modernisierungen und neue Herausforderungen

Ein weiteres großes Unterfangen war die grundlegende Modernisierung des Godullaschachtes, der zur Gotthardgrube (später Zeche Karol in Orzegów) gehörte. Nach zwei Jahren Bauzeit nahm Stephan am 1. Oktober 1941 die vollständig modernisierte Schachtanlage in Betrieb und stattete sie mit hochleistungsfähigen Skip-Förderanlagen aus. Das Projekt war eine Weiterentwicklung der Erfahrungen, die bei der Mechanisierung der Grube in Bobrek gesammelt wurden.

Stephan leitete auch den Ausbau und die Erschließung von Tiefenflözen im Raum Friedenshütte und Kochlowitz, wo Arbeiten am Abteufen und zur Modernisierung von Förder- und Wetterschächten durchgeführt wurden, darunter der Wirek-Schacht und der Graf-Arthur-Schacht. Aufgrund der komplizierten Eigentumsverhältnisse (an der Schnittstelle der Abbaufelder der Schaffgotschs, Ballestrems und Donnersmarcks) erforderten diese Investitionen äußerste Präzision. All diese Vorhaben bildeten ein Programm: das Fördervolumen erhöhen, die Transportwege verkürzen und die Arbeit des Betriebes auf mechanische Lösungen stützen, die zu einem ununterbrochenen Betrieb in der Lage sind.

Der Direktor auf der Barbarafeier: „Aqua pieronnata“ und Wellwurst

Technische Strenge bedeutete keine Distanz zur Belegschaft. Während der Feierlichkeiten zum Barbaratag in Bobrek-Karf marschierte Stephan zu Fuß gemeinsam mit den Bergleuten von der Kirche zum Grubengelände. Er beobachtete das Fest nicht aus dem Auto oder von der Ehrentribüne der Direktion aus – er nahm als Mitglied der Grubengemeinschaft daran teil.

Quellen haben auch ein vertrauteres Bild des Direktors bewahrt, der gerne mit den Bergleuten einen Schnaps, scherzhaft „Aqua pieronnata“ genannt, trank und schlesische Wellwurst aß. Diese Anekdote ersetzt nicht die Geschichte seiner Leistungen, zeigt aber sehr gut, warum er den Respekt der Belegschaft genoss. Er konnte die Sprache von Berechnungen sprechen, ohne den Kontakt zu den Bräuchen der Grube zu verlieren.

Verhaftung und ein schwerer Neuanfang nach dem Krieg

Das Ende des Krieges unterbrach die schlesische Phase seiner Karriere. Im September 1945 wurde Stephan von den Russen im mitteldeutschen Raum verhaftet. Nach acht Wochen wurde er freigelassen. Es war einer jener Momente, in denen die bisherige berufliche Stellung und das Erreichte angesichts des Nachkriegschaos keine Bedeutung mehr hatten.

Im Jahr 1947 zog er nach Bottrop und trat in die Dienste der Rheinischen Stahlwerke. An seinem neuen Ort begann er jedoch nicht bei null. Er brachte die Erfahrung aus dem Bau mechanisierter Bergwerke, dem Management riesiger Abbaukomplexe und der Arbeitsorganisation unter enormem Produktionsdruck mit.

Rheinstahl und die Industrie des Ruhrgebiets

In den Rheinischen Stahlwerken, und anschließend in der Rheinstahl Bergbau AG, stieg Stephan in den Kreis der wichtigsten Manager des Ruhrbergbaus auf. Von 1967 bis 1970 fungierte er als Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft. Er war für ein Unternehmen verantwortlich, das Zechen, Kokereien und Energieanlagen umfasste – ein Gefüge von weitaus größerem Ausmaß als der schlesische Komplex Johanna-Berve, das jedoch auf einem ähnlichen Integrationsprinzip beruhte.

Zu den Schlüsselinvestitionen gehörte die Zentralkokerei in Bottrop. Im Jahr 1961 wurde das 150-MW-Rheinstahl-Kraftwerk in Marl in Betrieb genommen. Ein Jahr später, 1962, wurde die untertägige Verbindung des neuen Wetterschachtes Prosper IV in Kirchhellen mit der Zeche Prosper III fertiggestellt. Dies waren Unterfangen, die ein Denken in Netzwerken von Förderung, Energie und Kohleverarbeitung erforderten, nicht nur in einzelnen Betrieben.

Zeche Prosper III an der Rheinstahlstraße in Bottrop
Die ehemalige Zeche Prosper III an der Rheinstahlstraße in Bottrop. Im Jahr 1962 wurde sie unter Tage mit dem neuen Wetterschacht Prosper IV in Kirchhellen verbunden.Foto: Heinrich Jung; Quelle: WAZ, nach dem Bildband von Stoffels.

Ein Zuhause für Ankömmlinge aus Schlesien

Die Nachkriegstätigkeit von Stephan hatte auch eine soziale Dimension. Im Jahr 1947 wurde er in den Vertriebenenbeirat der Stadt Bottrop gewählt. Ab 1950 fungierte er als stellvertretender Landesverbandsvorsitzender und vertrat das Milieu der Ankömmlinge aus dem Osten, darunter auch der Oberschlesier.

In den Jahren 1957–1958 gründete er eine Wohnungsbaugesellschaft, die speziell für Flüchtlinge und Spätankömmlinge aus Oberschlesien gedacht war. In diesem Projekt zeigte sich besonders deutlich das Erbe von Bernhard Stephan. Der Vater hatte Siedlungen und Hilfe für Arbeiterfamilien auf den Gütern der Schaffgotschs organisiert; der Sohn half – bereits in einer anderen Epoche und in einem anderen Land – den Menschen, die ihre heimatlichen Orte verloren hatten, ein neues Zuhause zu schaffen.

Bottrop wurde für Stephan zu einer zweiten Heimat, ersetzte aber nicht die Erinnerung an Schlesien. Sein Engagement im Vertriebenenmilieu und die spätere Ehrung durch die Stadt zeigen, dass es ihm gelang, beide Räume zu verbinden: den Ort seiner Herkunft und den Ort seiner Nachkriegsarbeit.

Auszeichnungen und das Gedenken der Stadt

Im Jahr 1959 wurde Stephan in den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem aufgenommen, in dem er den Rang eines Großoffiziers erreichte. Im Jahr 1965 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Er wurde zudem mit dem Ehrenring der Stadt Bottrop ausgezeichnet.

Seinen Namen erhielt eine Straße in Bottrop, die über das Gelände der ehemaligen Zeche Prosper III führt. Die Carl-Heinz-Stephan-Straße ist also keine zufällige Namenspatenschaft. Sie befindet sich in dem industriellen Raum, mit dem er als Manager und Mitgestalter der Nachkriegsmodernisierung der Stadt verbunden war.

Wichtigste Karrierestationen und Errungenschaften

  • 1928 – Diplom-Hauptprüfung nach dem Studium in Clausthal und an der TH Breslau.
  • 1929/1931 – Patent DE530813C für nachgiebigen Grubenausbau.
  • 1932 – Bergassessor nach Ablegung der großen Staatsprüfung.
  • 1934 – stellvertretender Bergwerksdirektor der „Gräfin-Johanna-Grube“
  • 1935 – Bergwerksdirektor der „Gräfin-Johanna-Grube“ in Bobrek.
  • 1938 – Inbetriebnahme des Berve-Schachtes mit Skip-Förderanlagen und weitreichender Mechanisierung.
  • 1940 – Promotion in Berlin unter der Betreuung von Professor Niemczyk.
  • 1941 – Leitung der Betriebseinheit Johanna-Berve, die eine Produktion von 15.000 Tonnen Kohle täglich erreichte.
  • 1. Oktober 1941 – Modernisierung des Godullaschachtes (Gotthardgrube/Karol-Grube) und Inbetriebnahme der Skip-Förderanlagen.
  • Investitionen im Raum Friedenshütte und Kochlowitz, einschließlich der Erschließung von Flözen durch die Schächte Wirek und Graf-Arthur.
  • 1957–1958 – Wohnungsbaugesellschaft für oberschlesische Spätankömmlinge in Bottrop.
  • 1961 – Rheinstahl-Kraftwerk in Marl mit einer Leistung von 150 MW.
  • 1962 – Verbindung von Prosper IV mit Prosper III durch eine untertägige Strecke.
  • 1967–1970 – Vorstandsvorsitzender der Rheinstahl Bergbau AG.
  • Auszeichnungen: Großoffizier des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sowie Ehrenring der Stadt Bottrop.
  • Gedenken: Carl-Heinz-Stephan-Straße in Bottrop.

„In deinen Händen steht meine Zeit“

Carl-Heinz Stephan starb am 8. August 1989 in Bottrop – genau fünfundsiebzig Jahre nach dem Tod seines Vaters. Seine Frau Gertrud setzte den 31. Psalm in seine Todesanzeige: „In deinen Händen steht meine Zeit“. Er wurde auf dem Parkfriedhof in Bottrop beigesetzt.

Er wurde am 24. November 1989 unter dem Klang einer alten Schachtglocke aus Tarnowitz verabschiedet. Diese Geste beendete die Biografie eines Mannes, der einen großen Teil seines Lebens im westdeutschen Bergbau verbrachte, aber bis zuletzt mit dem Ort verbunden blieb, an dem er gelernt hatte, die Grube zu verstehen.

Er hinterließ Schächte, Zechen, Energieanlagen und technische Lösungen. Sein Erbe erschöpft sich jedoch nicht allein in der Maschinengeschichte. Stephan verstand die Industrie als ein System, in dem Technik, Organisation und die Lebensbedingungen der Menschen voneinander abhängig sind. Bernhard Stephan versuchte, den Bergbau sozial verantwortungsvoller zu machen. Carl-Heinz machte ihn mechanisierter, konzentrierter und effizienter – ohne dabei zu vergessen, dass unter Tage und rund um die Zeche immer Menschen lebten.

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Historyczny kolaż ukazujący przedwojenne przejście graniczne z tramwajami, stertę starych walizek podróżnych, operatora kamery na korbkę oraz taśmę filmową z wizerunkiem dawnego personelu szpitala w Piaśnikach.

KRANKENHAUS AN DER GRENZE Teil 3 · Piasniki, Lipine und die Leute von Dr. Walter Urtel

TEIL 3
KRANKENHAUS AN DER GRENZE · Piasniki, Lipine und die Menschen um Dr. Walter Urtel

Klottka und der verschollene Film

Die Grenze, der Zerfall des Teams und die Erinnerung an das alte Piasniki

Teil 1Teil 2Teil 3

Die Straßenbahn fuhr weiterhin auf derselben Strecke. Nach 1922 wurde aus der gewöhnlichen Fahrt von Piasniki nach Beuthen jedoch das Überschreiten einer Staatsgrenze.

Die Fahrgäste stiegen aus, gingen durch die Abfertigung und bestiegen anschließend wieder den Wagen. Schüler fuhren zur Schule, Arbeiter zur Arbeit und Familien zu Besuchen. Zwischen ihnen zirkulierten Einkäufe, Nachrichten und geschmuggelte Flaschen.

Zum Symbol dieses Alltags wurde die „Klottka“.

Für Walter Urtel und sein Umfeld bedeutete die Grenze zugleich den langsamen Zerfall ihrer beruflichen Welt. Deutsche Ärzte verloren ihre Stellen, gingen fort oder wurden ausgewiesen. Später folgten Krieg, Besatzung und ein weiterer Machtwechsel.

Nach 1945 zerstreute sich das ehemalige Team über Polen, Deutschland, Österreich und Frankreich. Bonfilia Siwon blieb in Schlesien. Die Krankenhausgärten wurden bebaut, das Turmhaus abgerissen und das Türmchen verschwand vom Dach.

1977 sollten die früheren Mitarbeiter noch einmal zusammenkommen. Höhepunkt des Treffens war die Vorführung eines Films, der 1935 in Piasniki gedreht worden war.

Heute ist nicht bekannt, wo sich dieser Film befindet.

Inhaltsverzeichnis
  1. Neue Grenze, altes Leben
  2. „Klottka“ — Grenze, Kontrollen und Schmuggel
  3. Mit der Straßenbahn von Piasniki nach Beuthen
  4. Ärzte auf der falschen Seite der Grenze
  5. Urtels Abschied und die Rückkehr nach dem deutschen Angriff
  6. Der Zerfall des Teams und Bonfilias Nachkriegsschicksal
  7. Bebaute Gärten und das Treffen ehemaliger Mitarbeiter
  8. Der Film, der nicht gefunden wurde
  9. Lesen Sie auch
  10. Bibliographie und Quellen
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Neue Grenze, altes Leben

Die Teilung Oberschlesiens im Jahr 1922 durchschnitt ein Gebiet, das sich jahrzehntelang als ein zusammenhängender Industrieorganismus entwickelt hatte. Beuthen blieb bei Deutschland. Schwientochlowitz, Lipine und Piasniki kamen zu Polen.

Auf der Karte war es eine neue Linie. Vor Ort durchschnitt sie Straßen, Eisenbahn- und Straßenbahnstrecken, Betriebe und familiäre Beziehungen.

Die Staatsgrenze durchschnitt die dicht bebaute Industrielandschaft Oberschlesiens. Zu sehen ist ein Grenzübergang, im Hintergrund die Hohenzollerngrube.

Piasniki verlor einen Teil seiner früheren Bedeutung. Die Verwaltung der ehemaligen Schlesag wurde nach Beuthen verlegt, und das alte deutsche Kapital musste sich in der neuen Wirklichkeit nach der Volksabstimmung zurechtfinden. In offiziellen Mitteilungen verwendete das Unternehmen nun parallel drei Bezeichnungen: eine polnische, eine französische und eine deutsche. Das Hüttenkrankenhaus arbeitete jedoch weiter, und Walter Urtel, Bonfilia Siwon sowie ein Teil des deutschen Personals blieben auf ihren Posten.

Die alten Bindungen ließen sich nicht durch eine Verordnung durchtrennen. Die Bewohner hatten Verwandte auf beiden Seiten. Sie fuhren zur Arbeit, zur Schule, zu Ärzten und in Geschäfte. Das deutsche Beuthen blieb für viele Menschen aus dem nun polnischen Piasniki ein natürlicher Bezugspunkt.

Jede dieser Fahrten erforderte jedoch Dokumente und Kontrollen.

Die Grenze verlief mitten durch den Alltag.

02

„Klottka“ — Grenze, Kontrollen und Schmuggel

Einer der wichtigsten Punkte der neuen Grenze zwischen Piasniki und Beuthen war das polnische Zollgebäude. Durch den Übergang verlief eine Straßenbahnlinie. Den Erinnerungen zufolge mussten die Fahrgäste den Wagen verlassen, die Abfertigung zu Fuß passieren und nach der Kontrolle wieder in die Straßenbahn einsteigen.

Im Volksmund hieß dieser Ort „Klottka“. Entgegen dem ersten Eindruck war dies kein einzigartiger Eigenname für genau diesen Übergang, sondern ein im damaligen oberschlesischen Jargon verbreiteter Ausdruck für einen abgeschlossenen Amtsraum: eine Zollkammer, eine Arrestzelle oder sogar ein reguläres Gefängnis.

Blick auf den Zollposten, der im Volksmund „Klottka“ genannt wurde. Hier mussten die Reisenden die Straßenbahn verlassen und sich den beschwerlichen staatlichen Abfertigungen und regelmäßigen Durchsuchungen unterziehen.

Deutsche Autoren schilderten die polnischen Verfahren als besonders beschwerlich. Im geschlossenen Raum der „Klottka“ prallten staatliche Vorschriften täglich schonungslos auf das Leben der Grenzbewohner. Dort fanden gründliche Leibesvisitationen statt. Das Verfahren rief großen Widerstand hervor, weil es für Frauen besonders bedrückend und erniedrigend war. Sie wurden routinemäßig beiseitegeführt und nach versteckten Waren abgetastet, während Männer nicht selten ohne größere Hindernisse passieren konnten.

Auch gefährlicher Übereifer der Beamten kam vor. Dokumentiert sind Fälle, in denen Zöllner private medizinische Hilfsmittel unter dem Vorwand der Suche nach Schmuggelware zerstörten, etwa indem sie einen Leinenbruchgürtel aufschnitten. Das Amt musste den Geschädigten anschließend eine Entschädigung aus staatlichen Mitteln zahlen.

Trotz der Strenge wurde ständig versucht, Lebensmittel, Alkohol und kleinere Waren über die Grenze zu bringen. Die Zöllner stammten häufig aus derselben Region wie die kontrollierten Fahrgäste und kannten die örtliche Sprache und die Gewohnheiten genau.

Eine Anekdote erzählt von einem Arzt, der wegen angeblicher Unstimmigkeiten in den Fahrzeugpapieren in einen Nebenraum gebeten wurde. Im Büro zogen die Beamten mit einem geübten Griff eine unter seinem Mantel geschmuggelte Flasche Alkohol hervor, die als „Medizin“ zur Stimmungsaufhellung und als inoffizielle Gebühr gedacht war. Nach dieser diskreten Beschlagnahme gaben die Papiere plötzlich keinen Anlass mehr zu Beanstandungen. Auch wenn die Geschichte ausgeschmückt worden sein mag, bringt sie die damalige pragmatische Regel des Grenzlandes treffend auf den Punkt: „Dienst war Dienst, und Schnaps war Schnaps.“

In der Nähe der „Klottka“ soll sich auch die im vorherigen Teil beschriebene nächtliche Fahrt des Erzpriesters Musialik abgespielt haben. Es ist nicht bekannt, ob der Kranke durch den eigentlichen Kontrollpunkt gebracht wurde oder die Grenze in dessen Nähe überquerte.

Der Alltag an der grünen Grenze hatte jedoch auch eine brutale Seite. Das unerlaubte Überschreiten des Grenzkordons war mit erheblicher Lebensgefahr verbunden. 1937 eröffnete die Grenzwache in der Nähe von Lipine, am Martinschacht, das Feuer auf eine fliehende Schmugglergruppe. Schwerverletzte kamen unmittelbar in die Operationssäle des Hüttenkrankenhauses in Piasniki. Zu ihnen gehörte der 24-jährige Paul Hunger aus Lipine, der nach einem Schuss in den Unterleib sofort operiert wurde und dessen Prognose als kritisch galt.

03

Mit der Straßenbahn von Piasniki nach Beuthen

Zu den Menschen, die regelmäßig die Grenze überquerten, gehörte Jürgen Urtel, der jüngere Sohn des Chefarztes.

Zunächst besuchte er die deutsche Minderheitenschule in Lipine. Seit Ostern 1928 war er Schüler der Beuthener Oberrealschule, die als Tuschkasten bezeichnet wurde. In einem Klassenverzeichnis von 1929 erscheint ein Schüler mit dem Namen W.-J. Urtel.

An jedem Schultag fuhr Jürgen vom polnischen Piasniki in das deutsche Beuthen. Er musste zwingend Dokumente bei sich führen, die Straßenbahn verlassen, die Zollkammer betreten und dort — nicht selten unter erheblichem Stress wegen einer möglichen Durchsuchung — auf die Weiterfahrt warten.

Eine Straßenbahn auf dem Weg nach Beuthen. Auf dieser Strecke fuhr der junge Jürgen Urtel täglich von Piasniki zur Schule und überquerte dabei regelmäßig die Staatsgrenze.

Grenze der Kreise — Stadt Beuthen — Kreis Schwientochlowitz.

An dieser Stelle war die Verwaltungsgrenze zugleich eine Staatsgrenze. Die Schienen führten weiter, doch der Fahrgast befand sich bereits in einem völlig anderen Rechtssystem.

Die Geschichte von Jürgens Schule habe ich ausführlicher im Beitrag „Tuschkasten — die Beuthener Oberrealschule im Jahr 1928“ dargestellt:

Zum ergänzenden Beitrag

Nach dem Krieg suchte Jürgen ehemalige Schüler und Lehrer und organisierte Ehemaligentreffen. Mit der Zeit bezog er auch das Personal der Krankenhäuser seines Vaters in diese Nachforschungen ein.

Aus Fotografien, Namen und Adressen versuchte er, die verlorene Welt wiederherzustellen.

04

Ärzte auf der falschen Seite der Grenze

Nach der Teilung der Region verlor das deutsche medizinische Personal in den Einrichtungen auf polnischer Seite allmählich seine frühere Stellung. Entscheidend waren Staatsangehörigkeit, Sprache, Berufszulassung, Verträge und die Personalpolitik des neuen Staates.

Die spätere Landsmannschaftspresse stellte diesen Prozess als systematische Verdrängung der Deutschen aus ihrer Heimat dar. Die Wirklichkeit war komplexer, doch der Verlust von Stellen und beruflicher Sicherheit war real.

Kurt Gebhardt stammte aus Lipine. Sein Vater arbeitete als Ingenieur in einem Zinkwalzwerk. Nach dem Studium wurde Gebhardt Urtels Assistent in Piasniki. Am 30. Oktober 1924 wurde er aus dem polnischen Teil Oberschlesiens ausgewiesen.

Die genaue Grundlage dieser Entscheidung kennen wir nicht. Wenige Monate später arbeitete er bereits im Knappschaftskrankenhaus in Beuthen. Die Grenze nahm ihm den Ort, mit dem er familiär und beruflich verbunden war.

Noch stärker prägte sich der Familie Urtel das Schicksal von Dr. Otto Uloth, geboren 1865, ein. Er war Walters früherer Vorgesetzter und Aennes Onkel. Der erfahrene Mediziner, der 1892 sein Examen abgelegt hatte, besaß eine fest etablierte Stellung. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts leitete er nicht nur das örtliche Knappschafts-Lazarett in Bielschowitz, sondern gehörte auch zur lokalen Elite und saß als Vertreter in der Gemeindevertretung.

Noch im amtlichen Ärzteverzeichnis des polnischen Innenministeriums für die Jahre 1926–1927 wurde Uloth in seiner Stellung in Bielschowitz geführt. Wenig später, während der Sommerferien 1927, entließ ihn die polnische Verwaltung jedoch fristlos und ersetzte ihn durch einen polnischen Arzt.

Die Entlassung löste bei ihm einen schweren Nervenschock aus und führte zugleich zum Verlust seiner Dienstwohnung. Nach schwerer Krankheit starb er am 8. Januar 1929 im Hüttenkrankenhaus in Piasniki. Dort soll Walter Urtel — sein ehemaliger Assistent und der Ehemann seiner Nichte Aenne — nach der Familienüberlieferung mehrfach versucht haben, ihn operativ zu retten.

Die im Januar 1929 veröffentlichte Todesanzeige von Dr. Otto Uloth. Der angesehene Arzt und Onkel der Familie Urtel starb in Piasniki, kurz nachdem die polnischen Behörden ihm die Stellung als leitender Arzt in Bielschowitz entzogen hatten.

Seine für den 12. Januar geplante Beerdigung in Beuthen entwickelte sich zu einer großen politischen Demonstration. Dass Uloth jahrelang eine führende Persönlichkeit der örtlichen Gemeinschaft gewesen war, erklärt das Ausmaß des Ereignisses. Der Trauerzug wurde als endlos beschrieben. An den Grenzübergängen entstanden große Staus, weil deutsche Organisationen aus dem polnischen Teil Schlesiens massenhaft die Grenze überschritten, um an der Beisetzung teilzunehmen.

05

Urtels Abschied und die Rückkehr nach dem deutschen Angriff

Walter Urtel blieb während der gesamten Geltungsdauer der Genfer Konvention über Oberschlesien in Piasniki. Als sie 1937 auslief, endete seine Tätigkeit im polnischen Teil der Region. Es war jedoch kein freiwilliger Abschied.

Im Herbst 1937 verweigerte die Gesundheitsabteilung des polnischen Woiwodschaftsamtes Urtel als deutschem Staatsbürger, einem Reichsdeutschen, endgültig die Verlängerung seiner ärztlichen Berufszulassung. Nachdem er eine erste Aufforderung ignoriert hatte, untersagte ihm der polnische Kreisarzt aus Schwientochlowitz persönlich und mit sofortiger Wirkung die weitere Praxis sowie das Betreten des Krankenhausgeländes. Damit ging eine Epoche zu Ende. Neuer Direktor wurde Dr. Alfred Barlik, der aus Posen kam und das Krankenhaus bis 1945 leitete.

Urtel übernahm später eine Stelle in Peiskretscham. Seinem Nachruf zufolge reorganisierte er die dortige unrentable Einrichtung und brachte sie organisatorisch und finanziell in einen guten Zustand.

1938 ging auch Bonfilia nach Peiskretscham. Sie wurde Oberin der Schwestern und organisierte erneut die Arbeit des Krankenhauses. Ihre Entscheidung zeigt die Stärke ihrer beruflichen Verbindung zu Urtel. Sie war keine zufällige Krankenschwester, die einem Arzt folgte, sondern eine bewährte Organisatorin seines Teams.

Im September 1939 griff Deutschland Polen an. Schwientochlowitz, Lipine und Piasniki wurden besetzt und in das Deutsche Reich eingegliedert. Urtel soll erneut die Leitung oder Aufsicht über seine früheren Einrichtungen in Piasniki, Wirek und Nowy Bytom übernommen haben.

Die Landsmannschaftspresse bezeichnete dies als Rückkehr.

Es war jedoch keine gewöhnliche Rückkehr eines Arztes an seinen früheren Arbeitsplatz. Sie wurde durch Krieg, die Beseitigung der polnischen Verwaltung und die Repressionen der Besatzungsmacht möglich. Deutsche Beschäftigte konnten Stellen zurückerhalten, während Polen aus Ämtern und Institutionen entfernt wurden.

Ein breiteres Bild des Alltags unter der Besatzung zeichne ich im Artikel „Lipine 1939–1944. Verwaltung, Propaganda und Kriegsalltag“:

Zum ergänzenden Artikel

Bonfilia leitete in Peiskretscham Personal und Versorgung. Den Erinnerungen zufolge gab sie einen Teil der Lebensmittel, die sie von wohlhabenden Bauern erhielt, an ärmere Patienten weiter.

Sie war eine fähige Oberin und empfänglich für die Not der Armen. Zugleich arbeitete sie in einem Staatssystem, das Krieg führte und Terrorpolitik betrieb.

06

Der Zerfall des Teams und Bonfilias Nachkriegsschicksal

1945 zerfiel die alte Welt der Urtels endgültig.

Walter Urtel floh vor dem Einmarsch der Roten Armee nach Westen und verlor den in Schlesien zurückgelassenen Besitz. Seit 1946 führte er eine allgemeinmedizinische Praxis in Rothenfels am Main. Aus kürzlich aufgefundenen Kirchenakten geht jedoch hervor, dass sein früheres Familienleben bereits während des Krieges zerbrochen war: Urtel ließ sich von Aenne scheiden und heiratete 1941 Amalia, geborene Budura. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Neckargemünd, wo er am 28. August 1961 im Alter von 75 Jahren an Angina pectoris starb.

Eintrag Nr. 25 im kirchlichen Bestattungsregister von Neckargemünd.

Seine erste Frau Aenne lebte nach dem Krieg in Prien am Chiemsee. Der jüngere Sohn Jürgen ließ sich im österreichischen Rohrbach-Gölsen nieder. Jahrelang katalogisierte er mit großem Einsatz Kontakte und organisierte alljährlich im April Treffen ehemaliger Schüler und Lehrer der Beuthener Oberrealschule in Rothenfels am Main. Er starb am 7. August 1983 plötzlich im Alter von 65 Jahren.

Andere Mitglieder des früheren Umfelds gelangten nach Deutschland und Frankreich. Dr. Stefan Strumieński, ein ehemaliger Assistent des Chefarztes, ging dagegen in die sogenannten Wiedergewonnenen Gebiete. Er kam nach Stettin und wurde dort im folgenden Jahrzehnt zu einem bedeutenden Organisator der Nachkriegsmedizin und zum leitenden Arzt des städtischen Krankenhauses.

Bonfilia ging nicht fort.

Viele Jahre lang verwaltete sie einen kirchlichen Landwirtschaftsbetrieb in Ptakowice. Es war eine andere Tätigkeit als die Arbeit im Krankenhaus, erforderte jedoch weiterhin Disziplin und Organisation.

Um 1970 lebte sie im St.-Hedwigs-Heim in Brzeg Dolny. Sie war schwer krank und konnte ihre Korrespondenz nicht mehr selbst führen. Die letzten beiden Lebensjahre verbrachte sie ans Bett gefesselt.

Bei ihr war eine frühere Schwester aus dem Krankenhaus in Peiskretscham. Gepflegt wurde sie von einer Ordensfrau aus Königshütte, die ebenfalls zuvor mit Urtels Umfeld verbunden gewesen war.

Bonfilia starb am 28. April 1973, fünf Tage nach ihrem 88. Geburtstag. Eine spätere Anzeige nannte irrtümlich das Jahr 1974.

Die Beerdigung war schlicht. Die Familie Urtel legte einen Strauß Nelken auf ihr Grab.

Nach Jahrzehnten und mehreren Grenzverschiebungen blieb ein kleines Zeichen der früheren Verbundenheit zurück.

07

Bebaute Gärten und das Treffen ehemaliger Mitarbeiter

In den 1970er Jahren arbeitete das Krankenhaus weiterhin, doch seine Umgebung sah inzwischen anders aus.

Die ehemaligen Gärten waren bebaut worden. Neben der Frauenabteilung entstand ein Wohnblock, den Jürgen Urtel als „hässlich“ bezeichnete. Es war das Urteil eines Menschen, der sich an Bäume, Wege und offene Flächen erinnerte.

Im untersten Geschoss des Blocks soll Antoni Bukowy, in deutschen Quellen als Bukowe erwähnt, gelebt haben und gestorben sein. Der polnische Arzt mit einem Diplom der Universität Lemberg hatte eine außergewöhnliche und tragische Biografie. Er war Veteran der schlesischen Aufstände und Pfadfinderführer und durchlebte während des Zweiten Weltkriegs die Konzentrationslager Dachau und Mauthausen-Gusen. Nach seiner Rettung kehrte er nach Lipine zurück, wo er bereits vor dem Krieg gearbeitet und etwa 1.500 Geburten betreut hatte. Nach 1945 leitete er jahrzehntelang die städtische Tuberkuloseberatungsstelle und diente damit genau derselben Gemeinschaft, für die einst Dr. Urtel gearbeitet hatte. Er starb 1971.

In der Einrichtung arbeitete noch Heli Ahnert, die zum früheren Personal gehört hatte. Sie war eine der letzten persönlichen Verbindungen zwischen Urtels Krankenhaus und der Institution im sozialistischen Polen.

Etwa sechzehn Jahre lang sammelte Jürgen die Adressen von Ärzten, Schwestern, Sanitätern, Laborantinnen und Verwaltungsangestellten, die mit den Einrichtungen seines Vaters verbunden gewesen waren. Auf der Liste standen unter anderem Dr. Kurt Gebhardt, Dr. Erwin Busse, Dr. Aleksander Ernst, der zuvor als Ernest verzeichnet worden war, der Sanitäter Kubon, die Schwestern Bonfilia, Raimunda, Benizia und Rosula, Dr. Antoni Bukowy sowie Heli Ahnert.

Nicht alle hatten gleichzeitig in Piasniki gearbeitet. Verbunden waren sie durch die Erinnerung an die Krankenhäuser in Piasniki, Wirek, Nowy Bytom und Peiskretscham.

Das Treffen wurde für den 22. April 1977 im Gasthaus Zum Hirschen in Rothenfels am Main geplant, wo Walter Urtel nach dem Krieg seine Praxis geführt hatte. Das Datum war nicht zufällig gewählt: Das Treffen des ehemaligen medizinischen Personals fiel mit den großen Zusammenkünften der Absolventen der Beuthener Oberrealschule zusammen, die am selben Ort stets am letzten Aprilwochenende stattfanden und von Jürgen Urtel organisiert wurden.

Nach vielen Jahren der Zerstreuung sollten die früheren Ärzte, Schwestern und Krankenhausmitarbeiter wieder an einem Ort zusammenkommen.

08

Der Film, der nicht gefunden wurde

Die größte Attraktion des Treffens sollte die Vorführung eines Films sein:

Die größte Attraktion des Treffens ehemaliger Mitarbeiter im Jahr 1977 sollte die Vorführung eines im Hüttenkrankenhaus gedrehten Films sein. Bis heute ließ sich nicht klären, was mit diesem unschätzbaren Filmmaterial geschah.

Es ist eine der erstaunlichsten Nachrichten in der gesamten Geschichte des Krankenhauses.

Der Film entstand, als Urtel die Einrichtung noch leitete, Bonfilia zu den wichtigsten Personen des Teams gehörte und das Gebäude noch von Gärten umgeben war.

Wir kennen weder den Urheber der Aufnahme noch ihre Länge oder ihr Format. Unbekannt ist auch, ob es sich um eine private Erinnerung, eine betriebliche Dokumentation oder die Aufzeichnung einer Feier handelte. Die Quelle bestätigt lediglich den Titel und die für 1977 geplante Vorführung.

Sicher ist nur, dass der Film mindestens 42 Jahre nach seiner Entstehung noch existierte.

Danach verliert sich seine Spur.

Das Filmmaterial könnte bei der Familie Urtel, in Österreich, in Rothenfels oder in der Sammlung eines Teilnehmers des Treffens geblieben sein. Es könnte in ein Landsmannschaftsarchiv gelangt sein. Ebenso gut könnte es zerstört oder in einem unbeschrifteten Karton vergessen worden sein.

Der Film hätte heute einen außerordentlichen Wert, weil er das Krankenhaus, seine Umgebung und vielleicht auch das Personal so zeigen könnte, wie sie 1935 waren — ohne die Vermittlung späterer Erinnerungen.

Er würde den Ort zeigen.

Vielleicht die Menschen.

Vielleicht einen gewöhnlichen Arbeitstag.

Urtel war ein angesehener Chirurg und ein starker Organisator. Einerseits gehörte er zum deutschen Establishment, andererseits stand für ihn — wie die aufgefundenen polnischen Berichte belegen — der ärztliche Eid entschieden über den nationalen Trennlinien.

Bonfilia war Operationsschwester, Oberin, Organisatorin und Vertraute der Patienten. Mit derselben Hingabe half sie bei der Rettung polnischer Soldaten wie bei den heimlichen Fluchten deutscher Internierter. Nach dem Krieg blieb sie in Schlesien, obwohl die alte Welt des Krankenhauses nicht mehr existierte.

Die frühere Welt des Hüttenkrankenhauses in Piasniki. Das um Dr. Walter Urtel versammelte Personal wurde durch Grenzverschiebungen, Krieg und die Umsiedlungen der Nachkriegszeit unwiderruflich auseinandergerissen.

Das Türmchen verschwand.

Das Turmhaus wurde abgerissen.

Die Gärten wurden bebaut.

Die Grenze hörte auf zu existieren.

Das Krankenhaus blieb, doch die Menschen, die ihm seinen früheren Charakter gegeben hatten, zerstreuten sich oder starben.

Zurück blieben Fotografien, Namen und die Ankündigung einer Filmvorführung von 1977.

Vielleicht liegt irgendwo noch immer ein Karton mit der Aufschrift:

Krankenhaus Piasniki 1935…
09

Lesen Sie auch

Bibliographie und Quellen Abschnitt standardmäßig eingeklappt — zum Ausklappen klicken

Presse und Quellenmaterialien

  • „Kattowitzer Zeitung“, Ausgaben vom 9. Januar 1929 sowie vom 25./26. September 1937.
  • „Ostdeutsche Morgenpost“, Ausgabe vom 10. Januar 1929.
  • „Gleiwitzer — Beuthener — Tarnowitzer Heimatblatt“, ausgewählte Ausgaben aus den Jahren 1961–1983.
  • „Gleiwitzer und Beuthener Heimatblatt für die Stadt- und Landkreise“, ausgewählte Ausgaben aus den Jahren 1955–1966.
  • „Unser Oberschlesien“, Ausgaben aus den Jahren 1974 und 1977.
  • Chronik der Industriegemeinde Lipine OS Kreis Kattowitz bis zum Jahre 1941 einschliesslich (Typoskript).
  • Sprawozdanie Związku Gospodarczego Lekarzy Polaków Województwa Śl. za rok 1934 (Bericht des Wirtschaftsverbandes polnischer Ärzte der Woiwodschaft Schlesien für das Jahr 1934).
  • Urzędowy spis lekarzy uprawnionych do wykonywania praktyki lekarskiej (amtliches Verzeichnis der zur ärztlichen Praxis zugelassenen Ärzte, herausgegeben vom polnischen Innenministerium, 1926/1927).
  • Nachruf auf Walter Urtel aus dem Jahr 1961.
  • Erinnerungen Jürgen Urtels an Piasniki, Bielschowitz und die Beuthener Oberrealschule.
  • Texte über Kurt Gebhardt, Otto Uloth, Aenne Urtel, Bonfilia Siwon und das frühere Personal.
  • Einladung zum Treffen ehemaliger Mitarbeiter in Rothenfels am Main aus dem Jahr 1977.
  • Mitteilung über den Film „Krankenhaus Piasniki 1935“.
  • Enzyklopädie Westpommerns (pomeranica.pl), Stichwort: Stefan Strumieński.

Ikonografisches Material

  • Fotografien und Abbildungen von Grenzübergängen („Klottka“, Łagiewniki);
  • Scans aus der Chronik von Lipine zum sogenannten „Alten Lazarett“;
  • Originale Todesanzeige von Dr. med. Otto Uloth aus dem Jahr 1929;
  • Fotografie einer Straßenbahn des Typs Nordwaggon Bremen an der Grenze zwischen Beuthen und dem Kreis Schwientochlowitz aus dem Jahr 1932;
  • abschließende Collage mit dem Team von Dr. Walter Urtel.

Mündliche Überlieferungen

  • Erinnerung eines Bewohners des Turmhauses aus den Jahren 1958–1980.

Ergänzende Artikel

  • „Tuschkasten — die Beuthener Oberrealschule im Jahr 1928“.
  • „Lipine 1939–1944. Verwaltung, Propaganda und Kriegsalltag“.
  • „Lipine und Chropaczow — wie die Industrie eine Stadt aus Rauch schuf“.

Vorherige Teile der Serie

  • „Krankenhaus mit Türmchen. Wie die Industrie das medizinische Zentrum Piasniki schuf“.
  • „Menschen, die auf dem Papier starben. Konspiration im Hüttenkrankenhaus in Piasniki“.
Krankenhaus an der Grenze · Teil 3 von 3
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Archiwalny kolaż w sepii przedstawiający kościół św. Augustyna w Lipinach, grupę uzbrojonych powstańców śląskich oraz siostry zakonne na tle sylwetki duchownego. Grafika promująca drugą część cyklu historycznego.

KRANKENHAUS AN DER GRENZE Teil 2 · Piasniki, Lipine und die Leute von Dr. Walter Urtel

TEIL 2
KRANKENHAUS AN DER GRENZE · Piasniki, Lipine und die Leute von Dr. Walter Urtel

Menschen, die auf dem Papier starben

Konspiration im Hüttenkrankenhaus in Piasniki

Teil 1Teil 2Teil 3

In späteren deutschen Erinnerungen an das Hüttenkrankenhaus in Piasniki wiederholt sich ein bemerkenswertes Motiv: Ein Patient, der in den Akten als tot galt, soll in Wirklichkeit noch am Leben gewesen sein.

Auf dem Papier starb er. In Wirklichkeit wurde er auf die Flucht vorbereitet.

Diesen Berichten zufolge besorgte das Personal zivile Kleidung und Papiere für ihn und führte ihn dann durch ein Fenster in der Nähe der Wirtschaftsgebäude hinaus. Die Wachen wurden mit Alkohol bewirtet, und ihre Gewehre sollen heimlich entladen worden sein.

Wir wissen nicht, wie viele Menschen das Krankenhaus auf diese Weise verlassen haben könnten. Es wurden keine Listen von Flüchtlingen, gefälschte Akten oder polnische Berichte gefunden, die das gesamte Vorgehen beschreiben. Die meisten Details stammen aus Berichten des deutschen Personals und der Familie Urtel, die viele Jahre nach den Ereignissen niedergeschrieben wurden.

Die Quellen sind einseitig. Sie stellen die Aufstände vor allem als eine Zeit der Bedrohung für die deutsche Bevölkerung dar, und die Hilfe für Landsleute als Rettung vor dem Tod. Es wiederholen sich jedoch Namen, Orte und Vorgehensweisen.

Im Zentrum dieses informellen Netzwerks sollen Walter Urtel, Bonfilia Siwon, der Sanitäter Kubon und eine kleine Gruppe vertrauter Schwestern gestanden haben.

Das Krankenhaus heilte. Aber manchmal versteckte es auch.

Inhaltsverzeichnis
  1. Das Krankenhaus im Konflikt
  2. Schule I, Hüttengasthaus und „polnisches KZ“
  3. Auf dem Papier war der Patient bereits tot
  4. Das Fenster am Schweinestall des Krankenhauses
  5. Bonfilia, Kubon und vertraute Schwestern
  6. Feltner, Principini und ein unbekannter Franzose
  7. Überfall auf das Haus und Musialiks letzter Weg
  8. Medizin oder politische Tätigkeit?
  9. Vorschau auf den dritten Teil
  10. Lesen Sie auch
  11. Bibliographie und Quellen
01

Das Krankenhaus im Konflikt

Walter Urtel übernahm die Einrichtung 1919, als die Zukunft Oberschlesiens noch ungelöst war. Das Deutsche Kaiserreich war zusammengebrochen, der polnische Staat war wiedererstanden, und der blutige Streit um die Region verlagerte sich aus den Zeitungen und politischen Versammlungen direkt auf die Straßen und in die Betriebe.

Die Trennlinie verlief nicht geradlinig. In denselben Familoks lebten Menschen, die Polnisch, Deutsch oder Schlesisch sprachen und sich dennoch für unterschiedliche Seiten der Barrikade entschieden. Dieselben Arbeiter standen an benachbarten Öfen oder Maschinen und schlossen sich nach der Schicht den Reihen gegnerischer Kampfverbände an.

Das Hüttenkrankenhaus in Piasniki befand sich direkt im Auge dieses Zyklons.

Das Hauptgebäude des Hüttenkrankenhauses in Piasniki, erbaut in den Jahren 1905–1906. Das Gebäude zeichnete sich durch ein charakteristisches Türmchen über dem zentralen Risalit aus.

Es nahm verwundete Aufständische, Angehörige der Ordnungskräfte, misshandelte Zivilisten sowie Menschen auf, die unmittelbar aus den Internierungsorten eingeliefert wurden. In der vom Chaos erfassten Region verfügte das Krankenhauspersonal über mächtige Instrumente: Zugang zu Medikamenten, abgeschlossenen Räumen, Krankentransporten und amtlichen Unterlagen.

In jenen Tagen konnte eine medizinische Diagnose das Gewicht eines Urteils haben. Es genügte, dass der Chefarzt den Zustand eines Festgehaltenen als schwer einstufte, um ein Verhör oder einen Abtransport zu verhindern. So konnten ein ärztlicher Entlassungsschein oder ein Vermerk in der Krankenakte zum Passierschein in die Freiheit werden.

Der weiße Kittel und die ärztliche Autorität eröffneten Möglichkeiten, die gewöhnlichen Einwohnern vollkommen verschlossen waren. Die Zeit sollte zeigen, dass Walter Urtel und seine engsten Mitarbeiter nicht zögerten, diese Macht zu nutzen.

02

Schule I, Hüttengasthaus und „polnisches KZ“

In deutschen Erinnerungen werden immer wieder zwei Orte genannt, an denen während der Ereignisse von 1921 Menschen in Lipine festgehalten wurden.

Der erste war das stattliche Gebäude der Schule I an der damaligen Schulstraße (heute Dr.-Anton-Bukowy-Straße). Die Berichte schildern es als einen besonders streng geführten Internierungsort. Ironischerweise nahm nur ein Jahr nach diesen Ereignissen, nach der erneuten Teilung Oberschlesiens, in genau demselben Gebäude eine deutsche Minderheitenschule ihren Betrieb auf.

Die ehemalige Schulstraße, die heutige Dr.-Anton-Bukowy-Straße in Lipine, Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf der linken Seite ist das nicht mehr existierende Gebäude der Schule I zu sehen. Das kleine Gebäude vor der Schule beherbergte den Kindergarten der Borromäerinnen.

Der zweite Ort war das Hüttengasthaus an der damaligen Kronprinzenstraße (Chorzowska-Straße). Da es zu Beginn des 20. Jahrhunderts von W. Angel geführt wurde, blieb es in der Erinnerung der Internierten einfach als Hüttengasthaus Angel haften. Die Bedingungen sollen dort etwas milder gewesen sein. In den folgenden Jahrzehnten war dasselbe Gebäude als der den Bewohnern bekannte „Kaczmarski-Klub“ und später als Haus des Bergmanns und Kulturhaus „Grota“ voller Leben.

Die ehemalige Kronprinzenstraße, heute Chorzowska-Straße in Lipine. Auf der rechten Seite ist das stattliche Gebäude des Hüttengasthauses, des späteren Hauses des Bergmanns und Kulturhauses „Grota“, zu sehen.
Das Innere des Hüttengasthauses in Lipine um 1911–1913. Die auf der Fotografie sichtbare Unterschrift „Hüttengasthaus Lipine, Inh. W. Angel“ deutet darauf hin, dass das Lokal damals von W. Angel betrieben wurde.

Spätere Verfasser von Erinnerungen beschrieben die dort festgehaltenen Deutschen häufig als Menschen, die auf Massenhinrichtungen warteten. Obwohl die Zeit der Aufstände auf beiden Seiten von Misshandlungen und Akten der Selbstjustiz geprägt war, waren diese Darstellungen stark übertrieben. Dokumente, die Vorbereitungen zu Massenerschießungen belegen würden, wurden nie gefunden.

Darüber hinaus verwendete die Landsmannschaftspresse der Nachkriegszeit für die Schule I bewusst die propagandistische Bezeichnung polnisches KZ. Diese emotional aufgeladene Formel sollte bei den Lesern eindeutige Assoziationen mit dem verbrecherischen NS-System wecken und den Mythos des eigenen Martyriums verstärken. Tatsächlich handelte es sich bei den Orten in Lipine wohl eher um provisorische Haftstätten. Ihr genaues Ausmaß und ihre konkrete Form lassen sich wegen der unzureichenden Quellenlage bis heute nicht sicher bestimmen.

Ein breiteres Bild der Gewalt und der Spannungen in diesem Teil der Region präsentiere ich im Artikel „Die dunkle Geschichte von Lipine und Chropaczow“:

Zum ergänzenden Artikel
03

Auf dem Papier war der Patient bereits tot

Die konspirative Aktion im Krankenhaus folgte einem genau festgelegten, kühnen Plan. Der erste und wichtigste Schritt bestand stets darin, den Festgehaltenen den Wachen zu entziehen und auf das sichere Gelände der Klinik zu bringen.

Es genügte, dass Dr. Urtel mit Bestimmtheit erklärte, ein Mann sei schwer verletzt, ansteckend krank oder müsse unverzüglich beobachtet werden. Sobald der Patient die Schwelle des Krankenhauses überschritten hatte, gelangte er in eine völlig andere Welt. Bewaffnete Wachen betraten die Stationen nur selten, und sämtliche Unterlagen blieben ausschließlich in den Händen des vertrauten Personals.

Genau dort begann die zweite Phase der Aktion — die medizinische Täuschung. Auf den Fiebertafeln, auf denen Temperatur und Behandlungsverlauf genau festgehalten wurden, erschien bei ausgewählten Namen plötzlich ein kurzer Todesvermerk.

Auf dem Papier war der Patient bereits tot.

Für Wachen und Beamte war der ärztliche Eintrag eine endgültige Feststellung, die jede weitere Nachfrage im Keim erstickte. Die Autorität des Arztes wirkte wie ein vollkommener Schutzschild — niemand verlangte eine Leichenschau oder stellte die Diagnose des Chefarztes infrage.

Während der Patient nach außen hin offiziell als tot galt, wurden in abgeschlossenen Räumen Zivilkleidung und falsche Papiere für ihn vorbereitet. Uniform oder Häftlingskleidung verschwanden, und der Mann verließ das Krankenhaus mit einer neuen Identität.

Künstlerische Visualisierung des Mechanismus, der in späteren Erinnerungen beschrieben wird. Bisher wurden keine Fiebertafeln gefunden, die den Eintrag eines bestimmten Patienten als verstorben bestätigen.
04

Das Fenster am Schweinestall des Krankenhauses

Das konkreteste Element der Berichte ist der Fluchtweg.

Die versteckten Personen wurden durch ein kleines, entsprechend getarntes Fenster in der Nähe des Schweinestalls des Krankenhauses hinausgeführt. Die Gitter davor stellten für das eingeweihte Personal kein Hindernis dar.

Die Lage war günstig. Am Wirtschaftshof bewegten sich Küchenpersonal, Sanitäter und Lieferanten. Wagen brachten Lebensmittel und Brennstoff, Abfälle wurden hinausgeschafft. Der Betrieb im rückwärtigen Bereich erregte weit weniger Aufmerksamkeit als jede Bewegung am Haupteingang.

Wer das Krankenhaus beim Schweinestall verließ, umging den Wachposten vor dem Hauptgebäude.

Künstlerische Visualisierung des Fluchtwegs, der in späteren Erinnerungen beschrieben wird. Die genaue Lage des Fensters, die Gestalt des Wirtschaftshofes und die Art, wie das Gitter überwunden wurde, bleiben ungeklärt.

Die weitere Fluchtrichtung lag für die Entkommenen auf der Hand. Sie mussten möglichst schnell die deutsche Seite erreichen. Naheliegende Ziele waren Beuthen, Gleiwitz und weiter entfernte Gebiete, in denen sie sich sicher fühlen konnten.

In der Erinnerung der ehemaligen Mitarbeiter wurde das Fenster zum Symbol der gesamten Aktion. Auf der einen Seite befanden sich die Krankensäle und die Dokumente. Auf der anderen — der Hof, die Wirtschaftsgebäude und die Möglichkeit, zu verschwinden.

05

Bonfilia, Kubon und vertraute Schwestern

Ein solches Unterfangen konnte der Chefarzt nicht allein leiten.

Die wichtigste Person war Bonfilia Siwon. Als Operationsschwester und Organisatorin kannte sie die Dienstpläne, den Grundriss des Gebäudes, das Personal und den Zustand der Patienten. Sie konnte entscheiden, wer eine Station betreten durfte, wann Kleidung ausgegeben wurde und welcher Teil des Krankenhauses vorübergehend ohne Aufsicht blieb.

Ihre Rolle ging über die Ausführung von Urtels Befehlen hinaus. Sie war es, die die Entscheidung des Arztes in einen sicheren Plan umwandeln musste: die Menschen vorbereiten, den richtigen Moment finden und die Zahl der Eingeweihten begrenzen.

Die Erinnerungen schreiben auch anderen Schwestern eine aktive Rolle zu. Sie sollen Kleidung besorgt, bei den Papieren geholfen, die Wachen mit Alkohol bewirtet und deren Gewehre entladen haben.

Solch riskante und gewagte Aktionen erforderten absolute Diskretion. Die gesamte Konspiration stützte sich auf einen engen, geschlossenen Kreis von Eingeweihten, verbunden durch die tägliche Arbeit und unbedingtes, gegenseitiges Vertrauen.

Zu ihnen gehörte der Sanitäter Kubon. Wir kennen seinen Vornamen nicht, doch die Berichte schildern ihn als einen Mann, der in die heikelsten Angelegenheiten eingeweiht war. Besonders interessant ist ein polnischer Militärbericht vom 9. Juni 1921. Daraus geht hervor, dass Dr. Urtel die polnischen Behörden offiziell um die Zuteilung eines polnischen Sanitäters bat, damit er sich „leichter mit den Verwundeten verständigen könne“, da er selbst kein Polnisch sprach. Möglicherweise gelangte gerade infolge dieses Antrags ein verlässlicher Verbindungsmann in den engsten Vertrauenskreis des Chefarztes.

Bonfilia und Kubon kannten das Krankenhaus von einer Seite, die auf Postkarten nicht zu sehen war. Sie wussten, wohin die Flure führten, wer Fragen stellen könnte und wie viel man hinter den Türen des Krankensaals verbergen konnte.

06

Feltner, Principini und ein unbekannter Franzose

Einer der wenigen Männer, deren Flucht namentlich überliefert ist, war Viktor Feltner. Er war Veteran des Ersten Weltkriegs und mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet. Nach seiner Rückkehr aus britischer Gefangenschaft trat er 1919 in die deutsche Sicherheitspolizei ein. Während der erbitterten Kämpfe mit polnischen Aufständischen geriet er in Gefangenschaft und kam schließlich in das Krankenhaus in Piasniki.

Er blieb dort nicht lange. Gemeinsam mit zwei Gefährten entkam er auf kühne Weise aus der Klinik. Dr. Urtel spielte eine Schlüsselrolle bei der Organisation ihrer erfolgreichen Flucht nach Gleiwitz. Die Hilfe für den hochdekorierten deutschen Angehörigen der Sicherheitspolizei zeigt, dass die Krankenhauskonspiration ein eindeutig politisches Ziel hatte.

Feltner selbst erwies sich als ein Mann von festen Prinzipien. In späteren Jahren weigerte er sich mutig, der NSDAP beizutreten, was zeigt, dass sein früherer Polizeidienst nicht mit dem späteren nationalsozialistischen Terrorapparat gleichgesetzt werden sollte.

Im konspirativen Netzwerk rund um das Krankenhaus erscheint außerdem die ungewöhnliche Gestalt eines italienischen Offiziers aus dem alliierten Kontingent, der Principini genannt wurde. Dieser Offizier der Bersaglieri — einer Eliteformation der leichten Infanterie — wohnte zunächst in Piasniki beim Baumeister Weltike und knüpfte rasch enge Beziehungen zur Familie Urtel.

Unter Ausnutzung seiner Position wurde Principini zum stillen Beschützer der örtlichen Deutschen und zu einem äußerst wertvollen und einflussreichen Mitarbeiter des Krankenhaus-Untergrunds.

Noch gewagtere Aktionen wurden einem nicht näher bekannten französischen Offizier zugeschrieben. Er soll mit einem offiziellen Gefangenenwagen vor dem Krankenhaus vorgefahren sein und die Menschen unter dem makabren Vorwand, sie zur Hinrichtung abzuholen, an einen sicheren Ort gebracht und ihnen so die Flucht ermöglicht haben.

Es war ein äußerst riskantes Spiel, das sich vor den Augen der Wachen abspielte. Es zeigte, dass Dr. Urtel und sein Team selbst in den Reihen der alliierten Vermittler Verbündete finden konnten.

Redaktionelle Tafel mit drei in späteren Erinnerungen vorkommenden Personen. Nur Viktor Feltner wurde bisher namentlich identifiziert. Silhouetten, Siegel und Formulare sind keine Reproduktionen authentischer Akten oder Bilder.
07

Überfall auf das Haus und Musialiks letzter Weg

Der Konflikt erreichte auch das Haus des Chefarztes.

Im Jahr 1921 drangen bewaffnete Aufständische in die Wohnung der Urtels ein und hielten Aenne eine Pistole an den Kopf. Walter Urtel soll die Angreifer zu einer Entschuldigung gezwungen und anschließend dafür gesorgt haben, dass vor dem Haus ein Wachposten aufgestellt wurde.

In der Erinnerung der Familie erklärte gerade diese Szene das spätere Handeln des Chefarztes. Die Bedrohung war unmittelbar in sein Haus eingedrungen und hatte die Menschen getroffen, die ihm am nächsten standen.

Einen ganz anderen Charakter hatte die Geschichte des Pfarrers und Erzpriesters von Lipine, Wincenty Musialik — in deutschen Berichten als Muschallik oder Muschalek verzeichnet. Seit 1901 leitete er die St.-Augustinus-Pfarrei, also mehr als zwei Jahrzehnte lang. Als 1922 die neue deutsch-polnische Grenze gezogen wurde, ging nicht nur eine politische Ordnung zu Ende, sondern auch die Welt, in der Musialik über viele Jahre seine seelsorgerische Autorität ausgeübt hatte.

Der Konflikt begann nicht erst nach seiner Abreise. Schon zuvor hatte er sich in Lipine zugespitzt, wo der Streit um die Sprache der Gottesdienste, kirchliche Organisationen und die nationale Zukunft des Ortes zunehmend auch die Katholiken entzweite. Vor der Fronleichnamsprozession am 15. Juni 1922 wurde gegen den Willen des Pfarrers der örtliche, überwiegend deutschsprachige Cäcilienchor aus dem Programm gestrichen. An seiner Stelle lud man einen polnischen Chor von außerhalb Lipines ein. Der Streit um die Lieder und die Gestaltung der Prozession war in Wirklichkeit ein Kampf darum, wer künftig den Ton im Leben der Pfarrei angeben würde.

Eine der wichtigsten Persönlichkeiten auf polnischer Seite war Pfarrer Franciszek Palarczyk — in einer späteren deutschen Erinnerung phonetisch als „Palatschek“ wiedergegeben. Palarczyk war seit 1915 Vikar in Lipine. Wegen seiner entschieden propolnischen Tätigkeit wurde er zeitweise nach Szobiszowice versetzt; nach Eingaben polnischer Organisationen und Einwohner durfte er jedoch zurückkehren. Während der Plebiszitzeit leitete er die rund dreihundert Mitglieder zählende Bildungsgesellschaft Towarzystwo Oświaty im. św. Jacka und wirkte als Kaplan der Aufständischen.

Nach der Teilung Oberschlesiens bemühte sich Palarczyk mehrfach darum, als Pfarrer in Lipine zu bleiben. Deshalb konnte Musialiks deutsches Umfeld in ihm den wichtigsten Rivalen und einen Mann sehen, der die Pfarrei übernehmen wollte. Eine spätere, einseitige Erinnerung behauptete sogar, Palarczyk habe dem alten Pfarrer nach dem Leben getrachtet. Die bekannten Dokumente bestätigen diesen Vorwurf jedoch nicht. Belegt ist dagegen, dass Musialik in der Atmosphäre des politischen Umbruchs unter Druck gesetzt wurde und sich örtliche ehemalige Aufständische an Aktionen gegen ihn beteiligten.

Letztlich wurde die Pfarrei nicht Palarczyk anvertraut. Nach Musialiks Weggang übernahm Pfarrer Karol Wilk in den Jahren 1922–1923 als Substitut vorläufig ihre Leitung. Anschließend wurde Pfarrer Emanuel Sowa zum Pfarrer ernannt. Palarczyk wiederum kam 1924 nach Radlin und Biertułtowy, wo ihm die Gründung einer neuen Pfarrei übertragen wurde.

Musialik verließ Lipine und fand auf der deutschen Seite der Grenze in Beuthen Zuflucht. Er litt schwer an einer Nierenerkrankung. Sein letzter Wunsch war es dennoch, in seine frühere Pfarrei zurückzukehren, auf ihrem Gebiet zu sterben und in der Kirche beigesetzt zu werden, mit der mehr als zwanzig Jahre seines Lebens verbunden waren.

In dieser Geschichte schließt sich ein bemerkenswerter historischer Kreis. Als ein halbes Jahrhundert zuvor beim Bau der St.-Augustinus-Kirche das Geld ausgegangen war, hatte der Protestant August Schmieder, Generaldirektor der Schlesischen Aktiengesellschaft, entscheidend zur Vollendung des Gotteshauses beigetragen. Nun ging ein anderer Protestant, Walter Urtel, ein Risiko ein, damit der sterbende katholische Priester in seine Pfarrei zurückkehren konnte.

Der Transport fand nachts in der Nähe der polnischen Zollstelle statt, die umgangssprachlich „Klottka“ genannt wurde. Der Kranke wurde mit einem Krankenwagen aus dem deutschen Beuthen auf die polnische Seite der Grenze gebracht und anschließend im ersten Zimmer an dem Korridor versteckt, der zur Krankenhauskapelle führte.

An der heimlichen Überführung des Priesters war der junge Assistenzarzt Dr. Kurt Gebhardt unmittelbar beteiligt. Im Hüttenkrankenhaus kümmerten sich Walter Urtel, der vertraute Sanitäter Kubon und die Oberschwester Bonfilia Siwon um den Kranken. Nur ein enger Kreis Eingeweihter wusste von Musialiks Anwesenheit.

Das Ende dieser Geschichte verlief genau so, wie der Geistliche es sich gewünscht hatte. Wincenty Musialik starb am 15. Juli 1923 im Hüttenkrankenhaus in Piasniki. Er wurde nicht auf dem Friedhof neben der Kirche, sondern im Inneren der Rosenkranzkapelle der St.-Augustinus-Kirche beigesetzt — in jenem Gotteshaus, dessen Pfarrei er mehr als zwanzig Jahre lang geleitet hatte.

Orientierungsschema, das Beuthen, die Umgebung der „Klottka“, das Hüttenkrankenhaus in Piasniki und Musialiks Begräbnisstätte in Lipine miteinander verbindet. Die Karte gibt den genauen Verlauf der Route nicht wieder.

Es war eine zutiefst humanitäre Geste, zugleich aber auch die heimliche Überführung eines Menschen über eine bewachte Grenze und ein wichtiger Bestandteil des örtlichen Ringens um kirchlichen Einfluss. Gerade deshalb entzieht sich die Geschichte des Krankenhauses und seines Teams einfachen Schwarz-Weiß-Urteilen.

08

Medizin oder politische Tätigkeit?

Das bisherige Bild des Krankenhauses stützte sich hauptsächlich auf deutsche Erinnerungen aus der Nachkriegszeit. Sie vermittelten den Eindruck, das Personal habe bewusst und ausschließlich zugunsten der eigenen deutschen Gemeinschaft gehandelt, während das polnische Umfeld lediglich als Bedrohung erschien. Die aufgefundenen originalen polnischen Militärberichte der Stadtkommandantur Lipine vom Juni 1921 stellen dieses einseitige Bild grundlegend infrage.

Diese Dokumente zeigen Walter Urtel als einen Arzt, für den der Eid des Hippokrates über den nationalen Trennlinien stand. Aus einem Bericht vom 4. Juni erfahren wir, dass ihm die Aufnahme verwundeter polnischer Soldaten von übergeordneter Stelle untersagt wurde. Der Chefarzt widersetzte sich dieser Entscheidung entschieden. Der polnische Kommandant hielt seine Haltung in einem amtlichen Bericht fest:

„[…] er sympathisiert sehr mit diesen Leuten und erklärte, dass sie ärztliche Hilfe dringend benötigen.“

In einem Dokument vom 9. Juni lobte das polnische Kommando den deutschen Arzt ausdrücklich und meldete dem Bezirkskommando in Scharley, ihm liege „das Schicksal unserer Soldaten sehr am Herzen, und er selbst ist ein sehr fähiger Arzt“. Das Vertrauen in den Chefarzt war auf polnischer Seite so groß, dass man gerade ihm das Opfer eines Verbrechens — ein von einem polnischen Offizier vergewaltigtes Dienstmädchen — zu einer unabhängigen und objektiven ärztlichen Untersuchung überwies.

Das Krankenhaus rettete Gesundheit und Leben und wurde zu einem sicheren Zufluchtsort in einer vom Chaos erfassten Region. Urtel und Bonfilia verstanden es, mit der neuen polnischen Verwaltung vorbildlich zusammenzuarbeiten. Das zeigt die feierliche Weihnachtsbescherung im Krankenhaus am 24. Dezember 1930 besonders deutlich. Das deutsche Personal verteilte damals gemeinsam mit Dr. Alexander Ernst, einem polnischen katholischen Vikar und Vertretern der Bezirkskrankenkasse Weihnachtsgeschenke an die Patienten.

Als sich der Staub der Kämpfe gelegt hatte, musste die Einrichtung weiterarbeiten. Die provisorischen Internierungsorte verschwanden, doch an ihre Stelle trat eine feste Staatsgrenze. Sie durchschnitt die bisherigen Straßenbahnverbindungen, erzwang tägliche Kontrollen der Fahrgäste und erschwerte sowohl den Schulweg nach Beuthen als auch das Berufsleben des deutschen Personals.

Für die Menschen um Dr. Urtel begann ein völlig neues, noch schwierigeres Kapitel.

09

Vorschau auf den dritten Teil

TEIL 3

KLOTTKA UND DER VERSCHOLLENE FILM

Die Grenze, der Zerfall des Teams und die Erinnerung an das alte Piasniki

Im letzten Teil:

  • „Klottka“ — Kontrollstelle, Schmuggel und alltägliche Absprachen;
  • die Straßenbahn zwischen Piasniki und Beuthen;
  • der Schulweg von Jürgen Urtel;
  • die Ausweisung Kurt Gebhardts;
  • die Entlassung Otto Uloths;
  • die Abreise Walter Urtels im Jahr 1937;
  • die Rückkehr an die früheren Wirkungsstätten nach dem deutschen Überfall auf Polen;
  • der Zerfall des Teams nach 1945;
  • Bonfilias Schicksal nach dem Krieg;
  • die Überbauung der ehemaligen Gärten;
  • das Wiedersehen des Personals im Jahr 1977;
  • der Film „Krankenhaus Piasniki 1935“, dessen Verbleib unbekannt ist.
10

Lesen Sie auch

Bibliographie und Quellen Abschnitt standardmäßig eingeklappt — zum Ausklappen klicken

Presse und Erinnerungen

  • „Gleiwitzer — Beuthener — Tarnowitzer Heimatblatt”, ausgewählte Ausgaben aus den Jahren 1961–1983 (darunter der Jubiläumstext von V. Feltner vom Januar 1963).
  • „Gleiwitzer und Beuthener Heimatblatt für die Stadt- und Landkreise”, ausgewählte Ausgaben aus den Jahren 1955–1966.
  • „Unser Oberschlesien”, ausgewählte Ausgaben aus den Jahren 1974 und 1977.
  • „Ostdeutsche Morgenpost”, Ausgaben von 1929 und 1930.
  • „Kurjer Śląski” (früher Śląski Głos Poranny), Nr. 300, vom 30. Dezember 1930 (Bericht über die Weihnachtsfeier im Krankenhaus).
  • Erinnerungen an Aenne Urtel (1971) sowie Kurt Gebhardt, Erzpriester Vinzent Musialik und Pfarrer Franz Palarczyk (E. Lippok, 1972).
  • Nekrolog und Biografie von Walter Urtel aus dem Jahr 1961 sowie Texte über Bonfilia Siwon.

Medizinische Dokumente und Register

  • Ärzteverzeichnis der Woiwodschaft Schlesien (Spis lekarzy województwa śląskiego) vom 20. Juli 1932.
  • Bericht des Wirtschaftsverbandes der Polnischen Ärzte der Woiwodschaft Schlesien (Sprawozdanie Związku Gospodarczego Lekarzy Polaków Województwa Śląskiego) für das Jahr 1933.

Unveröffentlichte Archivmaterialien

  • Abschriften der Militärberichte der Stadtkommandantur Lipine an das Bezirkskommando in Scharley (Szarlej) vom 4., 9. und 11. Juni 1921.

Studien und Chroniken

  • H. Moecke, Chronik der Industriegemeinde Lipine O/S, Kreis Kattowitz, bis zum Jahre 1941 einschließlich, Oppeln 1941.
  • Krzysztof Brożek, Polscy lekarze na Górnym Śląsku i Śląsku Cieszyńskim od końca XIX do połowy XX wieku, Katowice 2009.
  • Leonard Smołka, Palarczyk Franciszek, [in:] Słownik biograficzny katolickiego duchowieństwa śląskiego XIX i XX wieku, red. M. Pater, Katowice 1996.
  • Henryk Gwóźdź, Udział duchowieństwa śląskiego w akcji plebiscytowej i powstaniach 1919–1921, „Śląskie Studia Historyczno-Teologiczne”, t. 15, 1982.
  • Andrzej Michalczyk, Heimat, Kirche und Nation. Deutsche und polnische Nationalisierungsprozesse im geteilten Oberschlesien 1922–1939, Köln–Weimar–Wien 2011.
  • E-ncyklopedia wiedzy o Kościele katolickim na Śląsku (silesia.edu.pl), Stichworte: Palarczyk Franciszek (1887–1961) sowie Parafia św. Augustyna w Lipinach.

Ikonografisches Material

  • Postkarte mit der ehemaligen Schulstraße, der Schule I und dem Kindergarten der Borromäerinnen;
  • Fotografie des Inneren des Hüttengasthauses in Lipine mit der Unterschrift „Inh. W. Angel”;
  • Postkarte mit dem Hüttengasthaus an der ehemaligen Kronprinzenstraße;
  • Fotografien und Postkarten des Hüttenkrankenhauses in Piasniki.

Mündliche Überlieferungen

  • Erinnerung einer Bewohnerin (Grażyna Perrier-Klosek) an das Turmhaus und seine Umgebung.

Ergänzende Artikel

  • „Die dunkle Geschichte von Lipine und Chropaczow”.
  • „Lipine. Die Geburt eines Industrieviertels 1780–1939”.

Vorheriger Teil der Serie

  • „Das Krankenhaus mit dem Türmchen. Wie die Industrie das medizinische Zentrum von Piasniki schuf“.
Krankenhaus an der Grenze · Teil 2 von 3
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Grafika wyróżniająca artykuł Szpital na pograniczu, część 1: Szpital z wieżyczką

KRANKENHAUS AN DER GRENZE Teil 1 · Piasniki, Lipine und die Leute von Dr. Walter Urtel

TEIL 1
KRANKENHAUS AN DER GRENZE · Piasniki, Lipine und die Menschen um Dr. Walter Urtel

Das Krankenhaus mit dem Türmchen

Wie die Industrie das medizinische Zentrum von Piasniki schuf

Teil 1Teil 2Teil 3

Auf alten Fotografien wirkt das Hüttenkrankenhaus in Piasniki fast repräsentativ. Ein langes Backsteingebäude, hohe Fenster, ein Garten und ein Türmchen, das die Umgebung überragte, bildeten eine Silhouette, die den Bewohnern von Piasniki und Lipine wohlbekannt war.

Heute gibt es das Türmchen nicht mehr. Die ehemaligen Gärten wurden teilweise bebaut, und das nahegelegene Turmhaus, in dem Dr. Walter Urtel Patienten empfing, wich einem Supermarkt. Auch die polnisch-deutsche Grenze, die nach 1922 Straßen, Gleise und den Alltag der Bewohner durchschnitt, ist verschwunden.

Geblieben sind Fotografien, Nachrufe und Erinnerungen. Viele wurden nach dem Krieg in der deutschen Vertriebenenpresse veröffentlicht. Sie sind wertvoll, aber voreingenommen: Sie zeigen Oberschlesien vor allem als verlorene deutsche Heimat. Deshalb muss man Namen, Daten und Orte von den später hinzugefügten Wertungen trennen.

Im Zentrum dieser Geschichte stehen zwei Personen. Walter Urtel — ein geschätzter Chirurg, starker Organisator und ein Mann des deutschen Milieus. Sowie Bonfilia Siwon — OP-Schwester, Oberin und eine Person, die das Krankenhaus von innen besser kannte als jeder andere.

Bevor die Einrichtung begann, Menschen zu verstecken und Dokumentationen zu fälschen, war sie vor allem ein Kind der Industrie.

Inhaltsverzeichnis
  1. Das Gebäude, das Piasniki überragte
  2. Ein aus der Industrie geborenes Krankenhaus
  3. Walter Urtel übernimmt die Einrichtung
  4. Ein Chirurg, der nicht gerne nachgab
  5. Bonfilia Siwon — das Krankenhaus von innen
  6. Das Haus des Chefarztes und der Alltag rund um das Krankenhaus
  7. Turmhaus — das Haus, das es nicht mehr gibt
  8. Die Grenze durchschneidet die alte Welt
  9. Ankündigung des zweiten Teils
  10. Lesen Sie auch
  11. Bibliographie und Quellen
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Das Gebäude, das Piasniki überragte

Auf alten Postkarten erscheinen verschiedene Bildunterschriften: Lipine O.-S. — Lazarett, Hüttenkrankenhaus Piasniki, Szpital Hutniczy w Piaśnikach. Die Namen änderten sich je nach Sprache und Herausgeber, aber es handelte sich um denselben medizinischen Komplex, der mit dem industriellen Lipine verbunden war.

Dank Erwähnungen in der damaligen Presse, u.a. in der „Ostdeutschen Bau-Zeitung”, wissen wir, dass der Bau des prächtigen Hauptgebäudes 1905 begann und 1906 abgeschlossen wurde. Zuvor standen an dieser Stelle bereits die Krankenhauskapelle und die Apotheke. Das Gebäude wurde im Stil der nordischen Neorenaissance errichtet. Es war ein langes Backsteingebäude mit einem zentralen Risalit, und über den hohen Fensterreihen erhob sich ein viereckiges Türmchen mit steilem Helm. Seine genaue Funktion oder das Datum seiner Entfernung kennen wir nicht. Es könnte aufgrund von Bergschäden, Kriegseinwirkungen oder Nachkriegsumbauten verschwunden sein, die den historischen Charakter des Objekts verwischten.

Vor dem Krankenhaus erstreckte sich ein Garten. Im Hintergrund befanden sich weitere Flügel und Wirtschaftsgebäude. Die Einrichtung funktionierte wie ein kleiner, unabhängiger Organismus. Das Hauptgebäude beherbergte anfangs die Männerabteilung, während die Frauenabteilung mit nur 10 Betten in einem eingeschossigen Gebäude auf der Rückseite untergebracht war. Ursprünglich konnte das Krankenhaus 75 Patienten aufnehmen, jedoch wurde die Einrichtung 1927 erweitert, wobei unter anderem das ehemalige Kesselhaus umgebaut wurde.

Hüttenkrankenhaus in Piasniki auf einer alten Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das charakteristische Türmchen bestimmte jahrzehntelang die Silhouette des gesamten Komplexes.
02

Ein aus der Industrie geborenes Krankenhaus

Piasniki wurde nicht zufällig zu einem medizinischen Zentrum. Zuerst entstanden Hütten, Bergwerke, Walzwerke und Arbeitersiedlungen. Danach folgten Schulen, Wasserleitungen, Kirchen und das Krankenhaus.

1853 wurde in Breslau die Schlesische Aktiengesellschaft für Bergbau und Zinkhüttenbetrieb, bekannt als S.A.G. oder Schlesag, gegründet. Vier Jahre später begann der Bau der Kolonie Piasniki. Die Gesellschaft errichtete Wohnungen, Verwaltungsgebäude und Anlagen für die Werke (der Hauptverwaltungskomplex wurde von den Bewohnern „Schloss” genannt). Genau aus den Hüttenfonds, als Reaktion auf die dramatischen sanitären Bedingungen und die hohe Sterblichkeit in Schlesien, entstand das Bedürfnis nach einer professionellen medizinischen Versorgung, das Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Bau eines modernen Krankenhauses gekrönt wurde.

Die Anfänge der medizinischen Versorgung in dieser Region reichen in die 1860er Jahre zurück, als die Knappschaft das erste, kleinere Krankenhaus in Lipine stiftete. Der Durchbruch kam jedoch 1907. Wie in den Chroniken der Borromäerinnen vermerkt, wurde die Einrichtung damals in das neue, prächtige Gebäude in Piasniki verlegt. Der Hauptgrund für den Umzug war, neben dem dringenden Bedarf an mehr Betten, die Notwendigkeit, den giftigen Ausdünstungen und den negativen Einflüssen der nahegelegenen Zinkhütten zu entkommen. Der Größenunterschied war drastisch: Das alte Objekt in Lipine hatte 1896 nur 50 Betten, während das neue Krankenhaus in Piasniki bereits 1908 über 86 Betten verfügte.

Deutsches Original
Polnische Übersetzung
Ein historischer Prolog zur Geschichte des medizinischen Zentrums. Der Chronikauszug (Original und polnische Übersetzung) dokumentiert den Betrieb des sogenannten „Alten Lazaretts“ in Lipine. Diese Einrichtung bestand bis 1906, als der modernere Komplex in Piasniki die medizinische Versorgung endgültig übernahm. Klicken Sie auf die gewünschte Miniatur, um sie zu vergrößern.
Das Hüttenkrankenhaus in Piasniki auf einer Postkarte mit der Aufschrift „Lipine O.-S. — Lazarett”. Die Aufnahme zeigt nicht nur das Hauptgebäude mit dem charakteristischen Türmchen, sondern auch weitere Gebäude.

Das Krankenhaus war Teil desselben Systems. Es sollte Menschen behandeln, die an Öfen, Maschinen, Schächten und Walzen arbeiteten. Verletzungen, Verbrennungen, Vergiftungen und Lungenkrankheiten gehörten zum industriellen Alltag. Die Einrichtung wuchs stetig — von anfangs 75 Plätzen auf 136 Betten, die in einem polnischen amtlichen Bericht von 1934 ausgewiesen wurden. Dr. Urtel selbst bezeichnete sein Krankenhaus später als „Ort der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Zink- und Bleikrankheiten“. Das waren keine leeren Worte — gerade hier führte sein Assistent Dr. Stefan Strumieński in den Jahren 1932–1935 (ein in Brody geborener Reserveoffizier und vielseitig ausgebildeter Arzt, der vier Sprachen beherrschte) bahnbrechende Forschungen zur Bleivergiftung und Zinktoxikologie unter den Arbeitern der „Silesia“-Hütten durch.

Die zeitgenössische Presse aus den Jahren 1907–1941 zeigt, dass das Krankenhaus rasch über die Rolle eines Werkskrankenhauses für die Arbeiter eines einzigen Unternehmens hinauswuchs. Behandelt wurden Verletzte aus Lipine, Schwientochlowitz, Chropaczow, Hohenlinde, Königshütte, Neudorf, Eintrachthütte und sogar aus Gleiwitz auf der deutschen Seite der Grenze. Darunter waren Opfer schwerer Hütten-, Straßen- und Straßenbahnunfälle, Kinder mit Verbrennungen und traumatischen Amputationen sowie bei Überfällen Verletzte. Es war keine Notaufnahme im heutigen Sinne, wohl aber ein bedeutendes regionales Zentrum für die Behandlung schwerer Verletzungen und akuter Notfälle.

Die medizinische Versorgung hatte auch eine wirtschaftliche Dimension. Das Unternehmen half den Arbeitern, schützte aber gleichzeitig seine eigene Arbeitskraft und band die Menschen an das Werk.

Den breiteren Hintergrund der Veränderungen in Lipine und Piasniki habe ich im Artikel „Lipine. Die Entstehung eines Industrieviertels 1780–1939“ beschrieben:

Zum ergänzenden Artikel

Ohne die rasante Industrialisierung hätte es keine derart ausgebaute Einrichtung gegeben. Auch das medizinische Umfeld, das später von Urtel und Bonfilia geschaffen wurde, wäre nicht entstanden.

03

Walter Urtel übernimmt die Einrichtung

Walter Urtel wurde am 25. Januar 1886 in Katzow (pol. hist. Kaczów) in Vorpommern geboren. Er studierte Medizin in Greifswald und arbeitete anschließend als Assistent von Professor Tietze in Breslau. Erst später kam er nach Oberschlesien, wo er im Knappschaftskrankenhaus in Bielschowitz unter der Leitung von Dr. Otto Uloth zu arbeiten begann.

Dort lernte er Aenne Dieffenbach, die Nichte von Uloth, kennen. Sie heirateten 1913. Sie hatten zwei Söhne: Walter und Jürgen.

Während des Ersten Weltkriegs diente Urtel an der Westfront als Stabsarzt. Ein späterer Nachruf schrieb ihm die Leitung eines Feldlazaretts und den Einsatz vor Verdun zu. Er beendete den Krieg als erfahrener Chirurg, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse.

Den Posten des Chefarztes des Hüttenkrankenhauses in Piasniki übernahm er genau am 15. August 1919. Wie er sich Jahre später erinnerte, war die Konkurrenz im Industrierevier enorm — er wurde unter 98 Bewerbern für diese Stelle ausgewählt.

Es war ein besonderer Moment. Das Deutsche Kaiserreich war gefallen, der polnische Staat war wiedergeboren, und die Zukunft Oberschlesiens blieb ungewiss. Das Krankenhaus durfte seine Arbeit jedoch nicht unterbrechen. Es nahm weiterhin Arbeiter, Kinder, Frauen, Verletzte und chronisch Kranke auf.

Urtel hatte die Front hinter sich. Er war schnelle Entscheidungen, Disziplin und die Leitung eines Teams gewohnt. In Piasniki erhielt er eine Einrichtung, die er nach seinen eigenen Regeln gestalten konnte.

Mit der Zeit reichte seine Position über ein einziges Krankenhaus hinaus. 1927 wurde ihm auch die Einrichtung in Antonienhütte (Wirek) anvertraut, und Quellen verbinden ihn auch mit Friedenshütte (Nowy Bytom). Er wurde zu einer wichtigen Figur des deutschen medizinischen Milieus in der Region.

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Ein Chirurg, der nicht gerne nachgab

Sein größtes Renommee erlangte Urtel als Chirurg, insbesondere durch die operative Behandlung des Kropfes. In einer Zeit, in der Schilddrüsenoperationen noch immer als schwierig und riskant galten, war die Erfahrung des Operateurs von enormer Bedeutung.

Spätere deutsche Erinnerungen stellten ihn als einen weit über Piasniki hinaus bekannten Spezialisten dar. In diesen Bewertungen zeigt sich ein Teil der nach dem Krieg aufgebauten Legende, aber seine starke berufliche Position steht außer Zweifel.

1930 schaltete er sich in den öffentlichen Streit um die experimentelle Tuberkulosebehandlung von Professor Friedmann ein. Auf den Seiten der „Ostdeutschen Morgenpost” kritisierte er die Verabreichung lebender Bazillen und verteidigte die Verantwortung des Arztes bei der Wahl der Therapie.

Der Titel seiner Antwort lautete: „Darf der Arzt experimentieren?”.

Die Polemik zeigt einen Mann, der sich seiner Argumente sicher ist und bereit war, sich gegen eine anerkannte Autorität zu stellen. Diese Eigenschaft half ihm bei der Leitung des Krankenhauses, konnte aber auch zu Konflikten führen.

Urtel war keine neutrale Person. Er gehörte zur deutschen Berufsschicht, die vor der Teilung der Region eine privilegierte Position einnahm. Als der Kampf um Oberschlesien in das Krankenhaus Einzug hielt, hatte seine Loyalität eine klare Richtung.

Dr. Walter Urtel, langjähriger Leiter des Hüttenkrankenhauses in Piasniki. Digitale Rekonstruktion der Person im Sprechzimmer, erstellt auf der Grundlage erhaltenen ikonografischen Materials. Die Grafik ist keine Originalfotografie aus der Epoche.
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Bonfilia Siwon — das Krankenhaus von innen

Als Dr. Walter Urtel 1919 die Leitung der Einrichtung übernahm, fand er dort ein Team von Schwestern mit großer Erfahrung vor. Die Borromäerinnen wirkten bereits seit den 1860er Jahren im Hüttenkrankenhaus; die offiziellen Schematismen der Kongregation nennen das Jahr 1865. Bevor die Ära Urtel begann, hatten die Schwestern jahrzehntelang unter äußerst schwierigen industriellen Bedingungen Hilfe geleistet, unter anderem während der durch die Pocken ausgelösten Panik von 1871 und bei schweren Typhuswellen Ende der 1870er Jahre. Ihre spätere karitative Tätigkeit in der Zwischenkriegszeit unter Schwester Bonfilia war eine unmittelbare Fortsetzung dieser langjährigen Ordensmission; die Schwestern wurden vom Mutterhaus in Teschen nach Piasniki entsandt.

Walter Urtel leitete die Einrichtung, hätte sie aber ohne Menschen, die jede Abteilung, jeden Dienst und jedes Lager kannten, nicht am Laufen halten können. Die wichtigste dieser Personen war Schwester Bonfilia Siwon.

Sie wurde am 23. April 1885 geboren und gehörte der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus an. Einem Nachruf zufolge diente sie während des Ersten Weltkriegs im Frontsanitätsdienst. Dieselbe Quelle schrieb ihr das Eiserne Kreuz I. Klasse zu — was eine außergewöhnliche Information ist, die einer Bestätigung bedarf.

In Piasniki arbeitete sie als OP-Schwester, aber ihre Rolle war viel breiter gefasst. Sie organisierte die Arbeit der Schwestern, kannte die Bedürfnisse der Abteilungen, wachte über die Versorgung und hatte direkten Kontakt zu den Patienten. Erinnerungen nannten sie Urtels rechte Hand, aber sie war in erster Linie eine eigenständige Organisatorin.

Sie wusste, wer Dienst hatte, wo man Kleidung finden konnte, welches Zimmer leer stand und wem man vertrauen konnte. Patienten und weltliche Mitarbeiter wandten sich auch in persönlichen Angelegenheiten an sie. Sie war Vorgesetzte, Vertraute und Hüterin der Krankenhausordnung.

Gemeinsam mit Urtel und polnischen Institutionen organisierte sie Hilfe für Kranke und Bedürftige. Dies geschah mitten in einer schweren Wirtschaftskrise: Zwischen 1929 und 1934 verdreifachte sich die Zahl der Arbeitslosen in Schlesien auf mehr als 100.000 Menschen und stürzte viele Arbeiterfamilien in bittere Armut. Aus Nachkriegserinnerungen wissen wir, dass der Chefarzt heimlich Stoffreste aus einer Lodzer Fabrik ankaufte, aus denen Kleidung genäht wurde. Die polnische Presse („Kurjer Śląski“) berichtete im Dezember 1930 außerdem, dass auf Initiative der Barmherzigen Schwestern im Krankenhaus eine feierliche Weihnachtsbescherung mit Geschenken veranstaltet wurde. Mit dieser Hilfstätigkeit verbindet sich eine charmante lokale Anekdote: Aus Dankbarkeit brachten zwei Bergleute dem Arzt eine gefrorene Gans als Geschenk. Lokalen Gerüchten zufolge war der Vogel heimlich vom Fenster eines Hauses an der Schlesiengrube „mitgenommen“ worden.

Ihr Wissen über das Krankenhaus sollte sich später als unbezahlbar erweisen. Als ein Teil des Personals begann, Menschen zu verstecken, brauchte man nicht nur die Zustimmung des Arztes, sondern auch jemanden, der sie sicher durch den täglichen Rhythmus der Einrichtung führen konnte.

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Das Haus des Chefarztes und der Alltag rund um das Krankenhaus

Die Familie Urtel lebte am Krankenhaus — dem damaligen Brauch entsprechend bewohnte der Chefarzt das repräsentative Erdgeschoss in dem Gebäude neben dem Hauptgebäude der Klinik. Jürgen Urtel erinnerte sich an ein großes Haus, das von einem teilweise verwilderten Garten umgeben war. Dort wuchsen Kastanien, Linden, Flieder und Jasmin. In der Nähe befand sich ein Park mit Tennisplätzen.

Dieses Bild unterscheidet sich deutlich von den Arbeiterhinterhöfen in Lipine. Es zeigt die privilegierte Position des Chefarztes und seiner Familie. Die Urtels lebten in einer Industriestadt, aber nicht auf die gleiche Weise wie die meisten ihrer Bewohner.

Im Haus arbeitete die Köchin Müller aus Lipine. Die Beziehungen des Chefarztes zu den Mitarbeitern gingen über einen starren Rahmen hinaus — jedes Jahr spielte zu seinem Geburtstag das Werksorchester der Hütte vor dem Haus für ihn, und die Ordensschwestern und das Personal bereiteten spezielle Lieder und Kanons für ihn vor. Die Erinnerungen bewahren auch Kostümbälle und kleine Anekdoten aus dem gesellschaftlichen Leben.

In einer trat Urtel als König Drosselbart auf. In einer anderen tauchte Dr. Busse auf, ein Arzt, der als Kommunist bezeichnet wurde und von der polnischen Polizei auf dem Weg zum Ball festgenommen wurde.

Diese Szenen zeigen ein Umfeld, in dem Deutsche, Polen und Schlesier nebeneinander arbeiteten, bevor die Politik nahezu jede Beziehung bestimmte. Das bestätigt auch die bereits erwähnte Weihnachtsfeier im Krankenhaus von 1930. Neben Patienten und Ordensschwestern standen dort Schulter an Schulter: der evangelische Dr. Urtel, Dr. Aleksander Ernst, Leiter des benachbarten Hüttenkrankenhauses mit 120 Betten in Neudorf (Nowa Wieś) — dem heutigen Wirek, einem Stadtteil von Ruda Śląska —, der örtliche katholische Kaplan sowie der polnische Vorsitzende der Bezirkskrankenkasse.

Der Krankenhauskomplex war jedoch nicht nur eine abgeschlossene medizinische Welt, sondern erfüllte für die Bewohner der Umgebung auch eine wichtige soziale und religiöse Funktion. Bevor 1938 in Piasniki eine eigenständige Pfarrei entstand, diente die Krankenhauskapelle der örtlichen Gemeinde. Auch die Leichenhalle und der Hof des Krankenhauses waren Orte des Abschieds: Von hier aus setzte sich 1926 der Trauerzug für Schwester Apolinaria in Bewegung, die während ihres Dienstes gestorben war und viele Jahre im Krankenhaus gearbeitet hatte.

Die Einrichtung war tief mit Piasniki verwachsen. Wie die damalige Presse berichtete, weckte die Ansage dieser Haltestelle durch die Straßenbahnschaffner auf dem Weg nach Beuthen bei den Fahrgästen sofort die eindeutige Assoziation mit dem Krankenhaus. Die Bewohner der Umgebung nannten den Chefarzt wiederum „Wunderdoktor“, was Urtel als Mann der exakten Wissenschaften offenbar nicht ganz behagte. Im Alltag begegneten sich Personal und Patienten in Geschäften und auf den Straßen. Die zunehmenden nationalen Spannungen konnten jedoch nicht vor dem Krankenhaustor haltmachen.

07

Turmhaus — das Haus, das es nicht mehr gibt

Mit Urtel war auch das Turmhaus verbunden. Es stand an einer wichtigen Kreuzung in Piasniki, in der Nähe der Straßenbahnhaltestellen. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Supermarkt, und in der Nachbarschaft arbeitet eine Tankstelle.

Panorama von Piasniki, aufgenommen 1979 vom im Bau befindlichen Hochhaus [an der Chorzowska-Straße]. Im rechten Teil des Fotos, zwischen den Bäumen, ist das Turmhaus noch sichtbar – kurz vor seinem Abriss. Im Hintergrund erstreckt sich die Industrielandschaft und die entstehenden Wohnsiedlungen. (Foto aus der Sammlung von J. Nowak / fotopolska.eu)

Das Gebäude hatte zwei Wohnflügel und einen hohen, quadratischen Turm. Zuvor lebte dort die Lehrerfamilie Lissek. Später führte Urtel im Turmhaus eine Privatpraxis.

Das Nachkriegsaussehen des Hauses kennen wir aus dem Bericht einer Bewohnerin aus den Jahren 1958–1980. Der Vordereingang von der Haltestelle aus wurde zugemauert. Man betrat das Innere vom Hof aus. Im Flur lagen schwarz-weiße Fliesen, und an der Treppe verlief ein hölzerner Handlauf — auf Schlesisch „gelynder”. Auf dem Hof standen kleine Schweineställe, dahinter befand sich ein zweiter Platz mit drei großen Bäumen.

Auf einem der Fotos prangt die Aufschrift: „DO ROZBIÓRKI 1980” (ZUM ABRISS 1980). Bald darauf verschwand das Turmhaus.

Das Turmhaus an der Kreuzung der heutigen Straßen Bytomska und Chorzowska. An der Fassade ist die Aufschrift „DO ROZBIÓRKI 1980” sichtbar. Das Gebäude wurde bald darauf abgerissen; heute befindet sich an dieser Stelle ein Supermarkt.

Für die Geschichte von Piasniki ist dies ein sehr wichtiger Ort. Wir sprechen hier nicht von einem vergessenen Punkt auf einer alten Karte, sondern von einer belebten Kreuzung, über die bis heute das alltägliche Leben der Stadt rollt.

08

Die Grenze durchschneidet die alte Welt

1922 fielen Lipine, Piasniki und Schwientochlowitz an Polen. Beuthen (Bytom) blieb in Deutschland.

Die Grenze durchschnitt Straßen, Eisenbahnen, Straßenbahnen, Arbeitsplätze und familiäre Kontakte. Die Verwaltung der Schlesag wurde von Piasniki nach Beuthen verlegt, und der Ort verlor einen Teil seiner früheren administrativen Bedeutung.

Das Krankenhaus verblieb auf der polnischen Seite. Mit ihm blieben auch Urtel, Bonfilia und ein Teil des deutschen Personals.

Von diesem Moment an leitete der deutsche Chefarzt eine Einrichtung im polnischen Staat. Sein Sohn Jürgen besuchte zunächst die deutsche Minderheitenschule in Lipine und pendelte ab 1928 zur Beuthener Oberrealschule, dem sogenannten „Tuschkasten”. Jeder Schultag bedeutete einen Grenzübertritt.

Straßenbahn an der Grenze zwischen Piasniki und Beuthen um 1932. Das Foto zeigt deutlich, wie die Grenze nach der Teilung Oberschlesiens die alltäglichen Verkehrswege der Bewohner durchschnitt, darunter auch die Straßenbahnlinie.

Die Geschichte dieser Schule habe ich im Artikel „Tuschkasten — die Beuthener Oberrealschule im Jahr 1928“ ausführlicher beschrieben:

Zum ergänzenden Artikel

Für das Krankenhauspersonal bedeutete die Teilung der Region mehr als nur Grenzkontrollen und Dokumente. Vorschriften, Verwaltung und das Machtgefüge änderten sich. Das deutsche medizinische Milieu musste in einem Staat agieren, der seine eigenen Kader und Institutionen aufbaute.

Urtel stand nicht über dem Konflikt. Die Quellen zeigen ihn als einen Mann, der eng mit der deutschen Gemeinschaft verbunden war und bereit war, in ihrem Interesse zu handeln.

Das Krankenhaus bot dafür besondere Möglichkeiten. Der Arzt konnte entscheiden, dass ein Inhaftierter eine Behandlung benötigte. Das Personal kontrollierte die Dokumentation, die Krankensäle sowie die Versorgungs- und Wirtschaftsräume. Bonfilia wusste, wer Dienst hatte und auf welchem Weg man unauffällig passieren konnte.

Im nächsten Teil wird Medizin mehr sein als bloße Behandlung.

Auf dem Papier sollten einige Patienten sterben. In Wirklichkeit bereitete das Krankenhaus Kleidung, Dokumente und einen Fluchtweg für sie vor.

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Ankündigung des zweiten Teils

TEIL 2

MENSCHEN, DIE AUF DEM PAPIER STARBEN

Konspiration im Hüttenkrankenhaus in Piasniki

In der nächsten Folge:

  • Internierungsorte in der Schule Nr. 1 und im Hüttengasthaus in Lipine;
  • der propagandistische Begriff „polnisches KZ”;
  • gefälschte Fieberkurven;
  • für tot erklärte Patienten;
  • das Fenster am krankenhausinternen Schweinestall;
  • Bonfilia, Kubon und die Schwestern, die an konspirativen Aktivitäten teilnahmen;
  • die Flucht Viktor Feltners;
  • der italienische Offizier und der unbekannte Franzose;
  • der Überfall auf das Haus der Familie Urtel;
  • die nächtliche Rückkehr von Erzpriester Musialik.
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Lesen Sie auch

Bibliographie und Quellen Abschnitt standardmäßig eingeklappt — zum Aufklappen klicken

Presse, Ausarbeitungen und Quellenmaterialien

  • „Kattowitzer Zeitung“, Ausgaben vom 9. Januar 1929, 25./26. Januar 1936, 28. Januar 1936 und 25./26. September 1937 (sowie der Nachruf auf Schwester Apolinaria vom September 1926).
  • „Gleiwitzer — Beuthener — Tarnowitzer Heimatblatt“, ausgewählte Nummern aus den Jahren 1961–1983.
  • „Gleiwitzer und Beuthener Heimatblatt für die Stadt- und Landkreise“, ausgewählte Nummern aus den Jahren 1955–1966.
  • „Unser Oberschlesien“, Nummern aus den Jahren 1974 und 1977.
  • „Ostdeutsche Morgenpost“, Ausgaben vom Februar und März 1930.
  • „Ostdeutsche Bau-Zeitung“, Ausgabe vom 28. Juni 1905 (Informationen zum Bau des Krankenhausgebäudes).
  • „Kurjer Śląski“ (früher Śląski Głos Poranny), Nr. 300, vom 30. Dezember 1930 (Bericht über die Weihnachtsfeier im Krankenhaus).
  • Archiv der Borromäerinnen in Mikołów/Nikolai (Chronik des Hauses Lipine/Piasniki – städtisches Krankenhaus; Schematismen der Kongregation).
  • Krzysztof Brożek, „Polscy lekarze na Górnym Śląsku i Śląsku Cieszyńskim od końca XIX do połowy XX wieku“, Katowice 2009.
  • Sprawozdanie Związku Gospodarczego Lekarzy Polaków Województwa Śl. za rok 1934.
  • Ausarbeitung von Krömer aus dem Jahr 1941 über die Entwicklung von Lipine und Piasniki.
  • Erinnerungen und Nachrufe zu Walter Urtel, Aenne Urtel, Bonfilia Siwon, Otto Uloth, Kurt Gebhardt, Hedwig Lissek und Jürgen Urtel.
  • Lokale historische Studien und Monografien, zitiert nach dem Gemeinschaftsarchiv „Świętochłowice dawno temu“.
  • Encyklopedia Pomorza Zachodniego (pomeranica.pl), Stichwort: Stefan Strumieński.

Ikonografisches Material

  • Fotografien des Hüttenkrankenhauses in Piasniki sowie Postkarte „Lipine O.-S. — Lazarett”;
  • Fotografie des Turmhauses mit der Aufschrift „DO ROZBIÓRKI 1980”;
  • Porträt von Dr. Walter Urtel aus dem Jahr 1925 (Privatarchiv Heiko W. H. Urtel).

Mündliche Überlieferungen

  • Erinnerung einer Bewohnerin (Grażyna Perrier-Klosek) aus den Jahren 1958–1980 betreffend die Innenräume und die Umgebung des Turmhauses.

Ergänzende Artikel

  • „Lipiny. Narodziny dzielnicy przemysłowej 1780–1939”.
  • „Tuschkasten — bytomska Oberrealschule w 1928 roku”.
  • „Lipiny i Chropaczów — jak przemysł stworzył miasto z dymu”.

Bisherige Teile der Serie

  • Dies ist der erste Teil der Serie „Krankenhaus an der Grenze“.
Krankenhaus an der Grenze · Teil 1 von 3
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