Chroniken des alten Beuthen • 19. Jahrhundert
Bevor man Cancan tanzte
Ulanen, silberne Wiegen und eine Teufelsmühle im Beuthen des 19. Jahrhunderts
Beuthen, im Jahr 1860. Es ist später Abend. Carl von Holtei kommt vom Landrat Solger und muss zurück ins Hotel. Das Problem: Nach Einbruch der Dunkelheit verschwindet die Stadt praktisch. Die Straßen liegen im Finstern, unter den Schuhen schmatzt der Schlamm, und den Weg weist eine große Stalllaterne, die ein Hotelbediensteter trägt.
Einige Jahrzehnte später wird dasselbe Beuthen voller eleganter Schaufenster, Cafés, Straßenbahnen und großstädtischen Trubels sein.
Aber noch nicht jetzt.
Jetzt sind wir in einer Stadt der Ulanen, Rathausverliese, alten Mühlen und Geschichten vom Teufel. In einer Stadt, in der Damen in Krinolinen im Morgengrauen warme Milch direkt von der Kuh trinken, unter dem Rathaus ein geheimnisvoller Gang entdeckt wird und ein gewaltiger schwarzer Auerhahn erscheint, um einem Müller die Seele zu holen.
Willkommen im Beuthen des 19. Jahrhunderts.
Ulanen, 132 Pferde und Milch direkt von der Kuh
Am 13. Januar 1819 zogen Ulanen in Beuthen ein.
Die Eskadron kehrte unter dem Kommando von Rittmeister von Thiele aus Frankreich zurück. Die Stadt verfügte noch über nichts, was man aus heutiger Sicht guten Gewissens als Kaserne bezeichnen könnte, also brachte man die Soldaten zunächst in der Klosterbrauerei am Klosterplatz unter.
Auf Dauer hatte diese Lösung offensichtliche Nachteile – zumal nicht nur Menschen, sondern auch Pferde untergebracht werden mussten.
Im Jahr 1833 errichtete die Stadt auf dem Boulevard, im Bereich des heutigen Kościuszko-Platzes, einen großen Garnisonsstall samt Nebengebäuden. Er bot 132 Pferden Platz, und das gesamte Vorhaben kostete rund 14.000 Taler.
Heute kann man sich diesen Teil der Innenstadt kaum noch in dieser Gestalt vorstellen. Noch schwerer fällt es beim Blick auf die spätere Bebauung des Kościuszko-Platzes und der Bahnhofstraße.
Jahrelang gehörten die Ulanen zum Beuthener Stadtbild. Bis der 11. August 1857 kam.
Schon am frühen Morgen liefen die Vorbereitungen zum Ausmarsch. Trompeten erklangen, die Eskadron zog durch das Peiskretschamer Tor hinaus, und die Beuthener Jungen liefen hinterher. Sie begleiteten „ihre“ Reiter weit vor die Stadt, in Richtung des städtischen Vorwerks Worpie bei Karf.
Die Ulanen kehrten nicht zurück.
Die alten Garnisonsgebäude verschwanden mit der Zeit, und die Umgebung erhielt zunehmend großstädtischen Charakter. Auf dem Grundstück, auf dem einst die Garnisonsbauten standen, erhob sich später die Hansabank.
Doch bevor Banken und elegante Mietshäuser auftauchten, gab es gleich nebenan eine weit bodenständigere Attraktion.
Dort stand das kleine Bauernhaus des Adamietz. Im Morgengrauen kamen junge Herren und Damen in weiten Krinolinen vorbei, um kuhwarme Milch direkt von der Kuh zu trinken.
Die Beuthener Gesellschaft hatte also ihre ganz eigenen Morgenrituale.
Pechschwarze Nächte und der französische „Boulevard“
Ganz in der Nähe lag das Hotel zur Post.
Im Erdgeschoss befanden sich die Post und Gaststuben, im ersten Stock siebzehn Fremdenzimmer. Im Jahr 1860 wohnte hier der bekannte schlesische Dichter, Schauspieler und Schriftsteller Carl von Holtei.
Die Annehmlichkeiten des Hauses beeindruckten ihn nicht besonders.
Eine besondere Herausforderung war das „stille Örtchen“, das unter Bedingungen benutzt werden musste, die von späteren Hotelstandards noch weit entfernt waren.
Holtei fasste seine Aussichten in die Worte:
„Oh, welche Tage stehen mir bevor!“
Draußen wurde es keineswegs leichter.
Nach zehn Uhr abends lag Beuthen fast vollständig im Dunkeln. Als Holtei eines Abends vom Landrat Solger zurückkehrte, musste ihn ein Hotelbediensteter mit einer großen Stalllaterne durch die Stadt führen.
Ohne sie konnte ein nächtlicher Gang durch die schlammigen Straßen schnell zu einer kleinen Expedition ins Unbekannte werden.
Und dann beschleunigte sich die Geschichte plötzlich.
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 kamen französische Kriegsgefangene nach Beuthen. Die Offiziere wurden in Privatquartieren untergebracht. Bei ihren Spaziergängen auf der Verlängerung der Gleiwitzer Straße bezeichneten sie den weiten Platz mit einem französischen Wort:
Boulevard.
Der Name blieb hängen.
Und er passte immer besser, denn nun begann jene Epoche, in der Beuthen seinen alten provinziellen Charakter in erstaunlichem Tempo abstreifte.
Rathausverliese und silberne Wiegen
Das alte Beuthener Rathaus war kein Gebäude, das man ausschließlich wegen eines amtlichen Stempels betrat.
In seinen Kellern befand sich auch das Polizeigefängnis.
Die Zustände waren alles andere als angenehm. Die Gefangenen saßen in engen, schmutzigen Räumen. Als man das Gefängnis später an den Klosterplatz verlegte, tauften die Einwohner die neue Haftstätte „Vater Viebig“ – nach dem ersten Gefängniswärter Viebig.
Die eigentlichen Überraschungen kamen jedoch erst, als man das alte Rathaus abzubrechen begann.
Unter den Fundamenten stieß man auf den Eingang zu einem unterirdischen Gang, der in Richtung Gojwäldchen führte.
Und das war noch nicht alles.
In den Kellern fanden sich außerdem alte, kunstvoll gearbeitete Gegenstände, die an die frühere Bergbauvergangenheit der Stadt erinnerten. Unter ihnen erwähnt Lasik silberne Wiegen.
Klingt wie der Anfang einer Legende?
Beuthen hatte davon noch deutlich mehr.
Selbst die mächtigen Steine des alten Rathauses gingen nicht verloren. Später wurden sie beim Bau des Gondelteichs im Stadtpark wiederverwendet.
Auch das Rathaus und seine Umbauten verdienen eigentlich eine eigene Geschichte.
Doch diesmal lassen wir die Beamten zurück.
Der Teufel wartet.
Mühle, Freimaurer und schwarzer Auerhahn
Beuthen hatte viele Mühlen. Ihre Geschichte bildet beinahe eine eigene Geschichte der Stadt.
Doch eine von ihnen brachte es zu einer Erzählung, die sich ganz sicher nicht auf Mehl, Mühlsteine und Wasserstände reduzieren lässt.
Gemeint ist die Gojmühle.
Ihr erster Besitzer soll Freimaurer gewesen sein. Eines Tages verschwand er einfach.
Spurlos.
Zurück blieb sein etwa zehnjähriger Sohn. Er erzählte später, zur Zeit des Verschwindens seines Vaters sei in der Gegend ein ungewöhnlich großer schwarzer Auerhahn erschienen.
Für die alten Beuthener war die Sache nicht besonders rätselhaft.
Plötzliches Verschwinden.
Schwarzer Vogel.
Der Teufel kam, um seine Forderung einzutreiben.
In der örtlichen Vorstellung konnte der schwarze Auerhahn der Teufel selbst sein, der die Seele eines mit der Freimaurerei verbundenen Menschen holte.
So bekam die Mühle ihre eigene Legende.
Der Goj hatte jedoch lange Zeit ein wesentlich freundlicheres Gesicht. Das Gojwäldchen gehörte zu den beliebtesten Zielen für Spaziergänge, Ausflüge und Schulausflüge der Beuthener.
Erst die Industrie nahm diesem Ort nach und nach seinen Charakter. Zechen, Eisenbahn und Halden drängten immer stärker in die grüne Landschaft, bis die frühere Oase nahezu verschwunden war.
Das ist allerdings schon die Geschichte der Beuthener Atlantis.
„Zum weißen Storch“, Rekruten und Herr M. mit dem Ochsenziemer
Der Alltag im Beuthen des 19. Jahrhunderts war nicht besonders komfortabel.
Die medizinische Versorgung war bescheiden, die ersten Krankenhäuser klein, und der wachsende Bergbau begann sogar die städtischen Brunnen und Quellen zu beeinflussen.
Doch es gab Tage, an denen die Gefahr für die Gesundheit aus ganz anderen Gründen kam.
Die Tage der militärischen Gestellung.
Junge Männer aus Beuthen und der Umgebung kamen zu den Musterungen in die Stadt. Danach landeten viele von ihnen im Gasthaus „Zum weißen Storch“ in der Krakauer Vorstadt.
Alkohol, junge Rekruten und die Unsicherheit über den bevorstehenden Militärdienst waren keine Mischung, die besonders ruhige Gespräche begünstigte.
Schlägereien gehörten deshalb zum festen Programm.
Wenn die Lage außer Kontrolle geriet, erschien der Wirt, den Lasik lediglich als Herrn M. bezeichnet.
Er war kräftig, energisch und offenbar kein Freund langer Verhandlungen.
Dann griff er zum Ochsenziemer – einem schweren ledernen Riemen – und trieb die hitzigsten Teilnehmer der Schlägerei aus dem Lokal. Manchmal endete die Jagd erst draußen auf den umliegenden Feldern.
Polizei hin, Militär her.
Wenn es im „Weißen Storch“ wirklich heiß herging, verfügte Beuthen über seine eigene schnelle Eingreiftruppe.
Sie hieß Herr M. und hatte einen Ochsenziemer.
Bevor Beuthen Cancan tanzte
Es wird noch etwas dauern, bis Beuthen in Schaufenstern, eleganten Lokalen und den Lichtern der Großstadt erstrahlt.
Bis dahin geht man mit einer Stalllaterne durch die Straßen. Die Ulanen halten 132 Pferde am Boulevard. Damen in Krinolinen trinken im Morgengrauen kuhwarme Milch. Unter dem Rathaus verbergen sich silberne Wiegen und geheimnisvolle Gänge. Zum Müller kommt ein schwarzer Auerhahn, und im Wirtshaus wird die Ordnung mit einem Ochsenziemer wiederhergestellt.
Es war ein raues Beuthen, stellenweise noch provinziell, manchmal düster, manchmal geradezu grotesk.
Doch genau aus dieser Stadt wuchs jenes Beuthen hervor, das sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Unkenntlichkeit verändern sollte.
Bald kamen große Mietshäuser, Banken, Restaurants, Eisenbahn, immer hellere Straßen und der ganze großstädtische Wahnsinn.
Aber das ist schon die nächste Geschichte.
Bevor Beuthen Cancan tanzte, konnte man sich hier ganz sicher nicht langweilen.
Quellen und Literatur
- Georg Lasik, Weißt Du’s noch?, in: Gleiwitzer und Beuthener Heimatblatt für die Stadt- und Landkreise, Juli 1957, Nr. 7.
- Ergänzend: Materialien und Ausarbeitungen aus früheren historischen Beiträgen auf Flaczek.com, auf die im Text verlinkt wird.
- Visualisierungen: grafische Rekonstruktionen für Flaczek.com auf Grundlage der Quellenbeschreibungen.





























