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Geschichte mit Augenzwinkern

Schaffgotsch 1934 – akcja zakupu 5500 świątecznych gęsi dla pracowników

Operation „Weihnachtsgans“. Wie ein Direktor und Flieger Weihnachten bei den Schaffgotsch-Werken rettete

Oberschlesien · 1934 · Geschichte mit einem Augenzwinkern

Operation „Weihnachtsgans“. 5500 Vögel, Orient-Express und ein doppelter Kognak

Wie die Schaffgotsch-Werke auf die Jagd nach einem Weihnachtsgeschenk für ihre Belegschaft gingen – und wie aus einer einfachen Idee rasch eine logistische Komödie wurde.

Herbst 1934. In der Leitung der Schaffgotsch-Werke entsteht eine Idee: Zu Weihnachten müssen 5500 lebende Gänse beschafft werden.

Fünftausendfünfhundert.
Lebend.

Auf dem Papier sah alles ausgezeichnet aus. Dann erfuhr Gutsinspektor Mende aus Bobrek von den Einzelheiten.
Humoristische Schwarzweiß-Illustration eines Mannes mit einer lebenden Weihnachtsgans in Oberschlesien im Jahr 1934
Illustration: eine Weihnachtsgans im oberschlesischen Alltag der 1930er Jahre.

Der Flieger mit der Vorliebe für Vögel

Urheber dieser kühnen Idee war Dr. Hans Verres, einer der führenden Männer der mächtigen Schaffgotsch-Werke.

Die Werkszeitung erklärte seine Initiative auf eine Weise, die man auch nach mehr als neunzig Jahren kaum verbessern muss. Verres sei Flieger gewesen und habe deshalb offenbar „Vorliebe für die Vögel“ gehabt.

Der Scherz war für die damaligen Leser sofort verständlich. Verres gehörte tatsächlich zu den wichtigen Persönlichkeiten des oberschlesischen Flugsports. 1934 führte er die Fliegeruntergruppe Oberschlesien, und die regionale Presse lobte die Organisation des Flugwesens unter seiner Leitung. Als sichtbaren Erfolg nannte man den dritten Platz beim Deutschlandflug.

Zum Geburtstag schenkten ihm die Gleiwitzer Flieger sogar eine in der dortigen Staatlichen Hütte gegossene Hindenburg-Büste.

Kurz gesagt: Als der Flieger Verres auf die Idee kam, einige Tausend Gänse zu kaufen, bekam der Autor der „Schaffgotsch Werks-Zeitung“ den passenden Witz praktisch frei Haus geliefert.

Generaldirektor Dr. Berve genehmigte den Plan. Also: ans Werk!

Karikatur eines Direktors der Schaffgotsch-Werke, der 1934 den Plan zur Beschaffung von 5500 lebenden Gänsen präsentiert
Illustration: der Plan war einfach – 5500 Gänse. Die Einzelheiten sollten später kommen.

Mende nimmt den Bleistift – und plötzlich wird es ungemütlich

Für die Expedition wurden Fachleute abgestellt. Da war Gutsinspektor Mende, da war Einkaufschef Dr. Schwenzer, und am Steuer saß Fonfara. Mit dem Wagen ging es über Rosenberg, Kreuzburg, Oppeln und Deschowitz.

Die Aufgabe war einfach: 5500 Gänse finden.

Mende machte allerdings den ersten Fehler.

Er fing an zu rechnen.

Nach Mendes Berechnung würden 5500 Gänse täglich ungefähr 55 Zentner Hafer und 165 Zentner Möhren benötigen.

In heutigen Einheiten heißt das: 2,75 Tonnen Hafer + 8,25 Tonnen Möhren = rund 11 Tonnen Futter pro Tag.

Für zwanzig Tage wären das ungefähr 220 Tonnen Gänsefutter.

In diesem Augenblick begann das Weihnachtsgeschenk eher wie die Versorgungsaktion für eine mittelgroße Armee auszusehen.

Mende versuchte deshalb, Fahrer Fonfara davon zu überzeugen, vielleicht doch lieber umzudrehen. Der Einkaufschef beruhigte ihn. Ein großes Gut müsse mit so einer Kleinigkeit doch fertigwerden. Hier etwas Hafer, dort ein paar Möhren …

Da fiel Mende noch ein weiteres Detail ein:

Er hatte nicht einmal einen Platz für diese 5500 Gänse.

„Dann bauen wir eben etwas an?“

Der mitreisende Vertreter der Landwirtschaftlichen Warenzentrale Oppeln schlug eine Lösung vor, wie sie einem tüchtigen Organisator würdig war:

Dann muss eben angebaut werden.

Mende war ungefähr so begeistert, wie man es von einem Mann erwarten darf, dem gerade erklärt wurde, dass er wegen einiger Weihnachtsgänse sein Gut erweitern solle.

Sein Gut war erst nach längerer Zeit dabei, einen kleinen Gewinn abzuwerfen, und nun sollten plötzlich zusätzliche Kosten entstehen, weil irgendjemand ganz oben 5500 lebende Gänse für eine hervorragende Weihnachtsidee hielt.

Sparsamkeit! Vernunft! Eiserner Fleiß! … und ein paar Tausend Gänse.

Der Orient-Express kommt

Mende sah seine Felder in Bobrek bereits vor sich.

Darauf: 5500 friedlich umherlaufende Gänse.

Und dann fährt ein Zug vorbei.

Nicht irgendeiner.

Der Orient-Express.

Mende sah die Szene schon vor seinem inneren Auge: Der Zug fährt vorbei, die Gänse geraten kollektiv in Panik und alle 5500 heben ab. Das Weihnachtsgeschenk verlässt gerade Bobrek …

Stellen wir uns das vor: Bobrek, 1934. Unten Gruben und Schlote. Auf den Gleisen der Orient-Express. Und darüber eine riesige Wolke flüchtender Gänse!

Humoristische Vision des Inspektors Mende: Tausende Gänse fliehen über Bobrek, aufgeschreckt vom Orient-Express
Illustration: Mendes schlimmster Traum – der Orient-Express löst über Bobrek eine große Gänsewanderung aus.

Dr. Schwenzer verschreibt ein Heilmittel

Gutsinspektor Mende war, wie der Bericht erkennen lässt, inzwischen völlig niedergeschlagen. Da trat Einkaufschef Dr. Schwenzer auf den Plan.

Er brachte seinen Kollegen mit … Kognak wieder auf die Beine – und zwar einem doppelten!

Die Methode muss überzeugend gewirkt haben, denn kurz darauf beschloss Schwenzer, vorsorglich dasselbe Heilmittel selbst einzunehmen.

Die Kommission konnte weiterfahren.

Gänse gab es allerdings immer noch keine.

Wo sind all die Gänse hin?

Sie fuhren von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, doch überall sah es ähnlich aus: keine Gänse.

Schließlich fand man die Ursache der Katastrophe.

Etwa einen Monat zuvor waren Händler aus der Gegend von Trebbin in Brandenburg durch die Region gezogen. Sie kauften Geflügel auf, das später für die Feinschmecker in Leipzig, Dresden und Berlin bestimmt war.

Laut Werksbericht hatten sie bereits ungefähr 100.000 Gänse aufgekauft.

Zum Glück hatten die Bauern noch eine „stille Reserve“

Die Lage schien aussichtslos – bis die Bauern eine sehr wichtige Nachricht hörten.

Die neue Schaffgotsch-Gänseaufkäufer-Kommission war bereit, mehr zu zahlen als die vorherigen Händler.

Und plötzlich geschah ein Wunder!

Die Gänse tauchten wieder auf.

Hier und da stellte sich heraus, dass die Bauern doch noch über eine gewisse „stille Reserve“ verfügten.

Natürlich ging es nicht ums Geld. Keineswegs. Wie der Autor ironisch bemerkte, wollten die Bauern lediglich den „armen Kumpels“ einen Weihnachtsbraten gönnen.

Dass Schaffgotsch besser zahlte, war vermutlich nur ein glücklicher Zufall.

20.000! Jetzt sind es zu viele!

Plötzlich drehte sich die Lage um 180 Grad.

Ein Bauer versprach so viele. Der nächste noch mehr. Ein dritter entdeckte gleich die nächste „stille Reserve“.

Die Kommission notierte die Zusagen, hielt aber an einer vernünftigen Regel fest:

„Erst Ware, und dann das Geld!“

In Deschowitz wurden schließlich alle Zusagen zusammengezählt.

Bedarf: 5500 Gänse
Zugesagte Lieferungen: 20.000 Gänse

Und nun begann Mende, der sich eben noch Sorgen gemacht hatte, dass es zu wenige Gänse gäbe, sich Sorgen zu machen, dass es zu viele sein könnten.

„Zwanzigtausend Gänse! Was sollen wir mit so vielen Gänsen machen?!“

Der Mann hatte es wirklich nicht leicht.

Schwenzer dagegen bewahrte die Ruhe. Sinngemäß meinte er: Nur keine Aufregung – gut wäre es schon, wenn von den zwanzigtausend am Ende fünftausend kämen.

Und wie sich herausstellte, hatte er recht.

20.000 auf dem Papier. 2000 in Wirklichkeit

Die Kommission kehrte nach Hause zurück.

Ein Tag verging. Ein zweiter. Ein dritter. Ein vierter. Ein fünfter.

Von den zugesagten 20.000 blieben in der Realität ungefähr 2000 Gänse.

Mende atmete auf.

Man musste keine gigantischen Futtermengen beschaffen. Das Gut musste nicht erweitert werden. Und vor allem würde keine Armee von zwanzigtausend Vögeln auf einmal über die Felder von Bobrek marschieren.

Es gab nur ein kleines Problem:

Bis zu den benötigten 5500 fehlte immer noch eine ganze Menge.

Und wenn man einfach tote kauft?

Mende machte einen Vorschlag, wie ihn ein praktischer Mann eben macht.

Warum musste die Gans eigentlich lebendig sein?

Man konnte doch bereits geschlachtete Gänse kaufen. Auf dem Weihnachtstisch wäre das Ergebnis schließlich ungefähr dasselbe.

Der Vorschlag kam nicht durch.

Der Einkaufschef wollte nichts davon wissen, dass ein Schaffgotsch-Arbeiter irgendeine verdächtige „krepierte Gans“ bekam, bei der niemand wusste, wann und unter welchen Umständen sie ihr Leben beendet hatte.

Die Gans sollte beim Arbeiter lebend ankommen.
Punkt.

Die zweite Offensive beginnt

Diesmal wurde die Suche ausgeweitet.

„Späher“ wurden unter anderem nach Beuthen, Ratibor, Leobschütz und Falkenberg geschickt.

Die Anweisung war im Grunde einfach:

Alles, was nach Gans aussieht, mitnehmen.

Nun half die Landwirtschaftliche Warenzentrale in Oppeln.

Ein Lastwagen wurde zu einem großen fahrenden Käfig umgebaut. Und die Tour begann: von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt.

Wo eine Gans auftauchte, erschien die Kommission. Wo die Kommission erschien, tauchte Bargeld auf. Und wo Bargeld auftauchte, erschienen – durch einen bemerkenswerten Zufall – immer häufiger auch Gänse.

Der Autor der Werkszeitung fasste es ohne Illusionen zusammen: Den Widerstand der Gänsebesitzer brach am zuverlässigsten die „klingende Münze“.

Humoristische Illustration eines zum Gänsekäfig umgebauten Lastwagens während der Einkaufsaktion der Schaffgotsch-Werke im Jahr 1934
Illustration: fahrender Käfig, Bargeld und die zweite Offensive der Gänseeinkaufskommission.

Und was ist mit Schomberg?

Die ganze Geschichte betraf die Belegschaften des großen Schaffgotsch-Konzerns, zu dem schließlich auch die Hohenzollerngrube in Schomberg (heute Szombierki) gehörte.

Gerade hier sieht man gut, dass die Zahl 5500 nicht einfach aus der Luft gegriffen war.

Die Schaffgotsch-Werke konnten Betriebsfeiern für ihre Belegschaften durchaus im großen Stil organisieren. In einem erhaltenen Vorkriegsbericht über eine Barbarafeier auf der Hohenzollerngrube ist von mehr als 3000 Beschäftigten die Rede. Das Zechenhaus reichte nicht aus. Auch Waschkaue, Maschinenhallen und weitere Betriebsräume wurden zum Feiern genutzt.

Maschinen wurden mit Tannengrün verkleidet, lange Tischreihen aufgestellt. Darauf gab es Bier, Wurst, Semmeln und etwas Rauchbares.

Für einen Tag wurde sogar die normale Betriebsordnung aufgehoben und eine besondere Ordnung für die Barbarafeier bekanntgegeben. Generaldirektor Berve und Dr. Verres gingen durch die einzelnen Räume und begrüßten die Belegschaft.

Bei diesem Maßstab klang der Gedanke „Zu Weihnachten kaufen wir 5500 Gänse“ anfangs vielleicht wirklich gar nicht so bedrohlich.

(Bis jemand das Futter ausrechnete.)

Die Geschichte ist komisch – die Zeit war es nicht unbedingt

Hinter der humorvollen Geschichte stand natürlich ein deutlich nüchternerer Hintergrund.

Im selben Jahr 1934 erschien Dr. Verres auf der Hohenzollerngrube in Schomberg während eines Besuchs von Baldur von Schirach. Bei dieser Gelegenheit sprach er unter anderem über die Lohnverhältnisse in Oberschlesien und äußerte die Hoffnung auf baldige Besserung.

Ob gerade deshalb einige Monate später die Idee mit den Weihnachtsgänsen entstand, wissen wir nicht.

Eines lässt sich aber sagen: Eine lebende Gans vor Weihnachten war ein wesentlich konkreteres Geschenk als die nächste Hoffnung auf bald bessere Löhne.

„Und wenn meine Gans zu mager ist?“

Leider verrät uns der Bericht das wichtigste Ergebnis der ganzen Aktion nicht. Wir wissen nicht, ob am Ende tatsächlich alle 5500 Gänse zusammenkamen.

Wir wissen jedoch, dass die Werkskommission weiterhin an den Erfolg glaubte und hoffte, dass jeder Schaffgotsch-Arbeiter seine Weihnachtsgans erhalten würde.

Ein Problem blieb allerdings noch.

Was passiert, wenn ein Bergmann eine zu magere Gans bekommt?

Was, wenn er reklamieren kommt?

Was, wenn er die Verantwortlichen für den Einkauf persönlich aufsuchen möchte?

Dr. Schwenzer und Inspektor Mende hatten offenbar ebenfalls darüber nachgedacht. Deshalb beantragten sie für die Weihnachtszeit vorsorglich:

14 Tage Erholungsurlaub.

Und – wie die Kommission selbst schrieb – hegten sie die stille Hoffnung, dass ihnen der Urlaub „angesichts der Gefährlichkeit der Situation“ auch tatsächlich bewilligt würde.

Nach 5500 Gänsen, Hunderten Kilometern, 4400 Zentnern möglichem Futter, der Vision vom Orient-Express, zwanzigtausend Zusagen, zweitausend realen Vögeln und mindestens einem doppelten Kognak …

kann man es ihnen kaum verdenken.

Kandidaten für den Kochtopf

Der Originalbericht trug den Titel „Auf der Jagd nach Weihnachtsgänsen“.

Eines der Fotos war mit „In Erwartung der Kumpels“ überschrieben.

Die beste Bildunterschrift hob sich die Redaktion jedoch bis zum Schluss auf. Eine Gruppe von Menschen mit den Vögeln wurde betitelt:

„Abmarsch der Kochtopfaspiranten“

Mehr als neunzig Jahre sind vergangen. Wir wissen nicht, wie viele der geplanten 5500 Gänse vor Weihnachten tatsächlich in den Haushalten der Schaffgotsch-Beschäftigten ankamen.

Eines ist jedoch sicher: Die Weihnachtsgänse-Einkaufskommission hat uns eine der absurdesten und zugleich unterhaltsamsten Geschichten aus dem industriellen Oberschlesien hinterlassen.

Und Inspektor Mende?
Wir hoffen nur, dass er seinen Urlaub bekam.
Und dass in diesen vierzehn Tagen niemand in seiner Nähe von Gänsen sprach.

Quellen und verwendete Materialien
  • Schaffgotsch Werks-Zeitung, 1934, Jg. 2, Nr. 26: „Auf der Jagd nach Weihnachtsgänsen“ – Hauptquelle der gesamten Geschichte.
  • Oberschlesische Volksstimme, 1934, Jg. 60, Nr. 284 – Besuch auf der Hohenzollerngrube und die Äußerung von Dr. Verres zu den Lohnverhältnissen in Oberschlesien.
  • Der Oberschlesische Wanderer, 1934, Jg. 107, Nr. 183 – Tätigkeit von Dr. Verres im oberschlesischen Flugsport und Erwähnung des Deutschlandflugs.
  • Oberschlesische Volksstimme, 1934, Nr. 216, 253 und 311 – Materialien zur fliegerischen Tätigkeit von Dr. Verres.
  • Ostdeutsche Morgenpost, 1934, Nr. 214 und 229 – Tätigkeit des Flugsportmilieus und seine Verbindungen zur oberschlesischen Industrie.
  • Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt, November 1963 – rückblickender Bericht über eine der Vorkriegs-Barbarafeiern auf der Hohenzollerngrube in Schomberg.
  • Unser Oberschlesien, 1958 und 1968 – spätere biografische Materialien zu Dr. Hans Verres.
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Karykatura śląskiego znachora trzymającego ognistą kulę, obok płonącej beczki Oksowki na tle dawnej, drewnianej chaty.

Volksmedizin, dunkle Flüche und drastische Orthopädie

Alltagsgeschichte · Oberschlesien

Volksmedizin, dunkle Flüche und drastische Orthopädie

Das heißt, dörfliche „Spezialisten“ im alten Schlesien: Schäfer, die aus dem Urin diagnostizieren, ein Chiropraktiker mit Leiter, Wiener Kurgäste in Annaberg und ein feuriges Fass, das nachts bei Zernik sein Unwesen treibt.

Wunderheiler Volksmedizin Schutzmagie Schlesische Legenden

Bevor moderne Arztpraxen in der oberschlesischen Provinz Einzug hielten, kümmerten sich herausragende Spezialisten um die Gesundheit und das Leben der Bewohner, die sich ebenso sehr auf ihre Kenntnisse der menschlichen Anatomie verließen wie auf das fortgeschrittene Aufheben von Flüchen. In alten historisch-ethnografischen Aufzeichnungen tauchen diese lokalen medizinischen Autoritäten meist als Schäfer oder – was fast wie der Titel eines Chefarztes klingt – als Schafmeister auf. Genau diese „weisen Leute“ direkt von der Weide hielten statt Universitätsdiplomen Stöcke, große Kessel und das absolute Monopol auf das geheime dörfliche Wissen in den Händen.

Sie waren nicht nur gewöhnliche Betrüger. In einer Welt ohne leichten Zugang zu einem Arzt, Krankenhaus und einer Apotheke handelten sie meist in bester Absicht und kombinierten Erfahrung, Beobachtung, Tradition und Magie. Nur können ihre Methoden aus heutiger Perspektive durchaus Schwindelgefühle auslösen.

Hier ist ein Katalog der wichtigsten lokalen Wunderheiler und ihrer zuverlässigen — wenn auch manchmal erschreckenden — Heilmethoden.

01

Ruda

Alchemist mit dem Kupferkessel

Spezialistenkarte Lokaler Schäfer und Hersteller eines Universalmittels.
Diagnostik
Eingehende und sehr geheimnisvolle Analyse des Urins des Patienten.
Ausrüstung
Ein großer Kupferkessel, Kräuter, Wurzeln und eine streng gehütete Rezeptur.
Spezialisierung
Ein einziges mächtiges Panazee für fast jedes Leiden.
Karikatur eines schlesischen Wunderheilers aus Ruda, der konzentriert ein Fläschchen mit Flüssigkeit vor einem großen, rauchenden Kupferkessel betrachtet.
Urinanalyse und ein großer Kupferkessel – der Heiler aus Ruda während eines komplizierten diagnostischen Prozesses.

Der „weise Mann“ aus Ruda braute seine Medizin in einem riesigen Kupferkessel und mischte geheime Kräuter und Wurzeln zusammen. Das Präparat sollte fast gegen alles helfen, was unter den damaligen ländlichen Bedingungen ein unbestreitbarer Vorteil war: Der Patient musste nicht einmal genau wissen, was ihm fehlte. [1]

Das Aroma des Suds muss so stark gewesen sein, dass es wahrscheinlich auch den Schnupfen in den Nachbardörfern heilte.
02

Ligota Zabrska · Ellguth-Zabrze

Extreme Orthopädie und schwere Artillerie

Spezialistenkarte Ehemaliger Straßenarbeiter, dörflicher „Chiropraktiker“ für Verrenkungen und Brüche.
Medizinische Ausrüstung
Eine Holzleiter, Seile und eine sehr begrenzte emotionale Betäubung.
Verfahren
Der Patient wurde an die Leiter gebunden, woraufhin die kranken Gliedmaßen und Gelenke gedehnt wurden.
Geheimwaffe
Brunhilde, die Tochter des Heilers, die Berichten zufolge etwa 125 Kilogramm wog.
Eine kräftige Frau namens Brunhilde dehnt einen an eine Holzleiter gefesselten Patienten, während der Dorfheiler etwas in ein Notizbuch schreibt.
Leiter, Seile und die mächtige Brunhilde – die drei Säulen der alten schlesischen Orthopädie, die man in keinem akademischen Lehrbuch findet.

Wenn die Kraft des Heilers selbst nicht ausreichte, um die widerspenstigen Knochen einzurenken, trat seine Tochter Brunhilde in Aktion. Ihre Teilnahme war das ultimative Argument im Kampf gegen Verrenkungen. Sobald sie in das Strecken eingriff, musste jedes Gelenk an seinen Platz zurückkehren — oder mit einem Knacken in eine Richtung gleiten, die von keiner modernen Anatomie vorhergesehen wurde. [1]

Leiter, Seile und Brunhilde: drei Säulen der Orthopädie, die wir heute in keinem akademischen Lehrbuch finden.
03

Chałupki · Annaberg, Kreis Ratibor

Luxusklinik für VIPs

Spezialistenkarte Schäfer-Doktor, spezialisiert auf innere Krankheiten.
Praxis
Räumlichkeiten im ehemaligen Schloss der Rothschilds.
Kundschaft
Wohlhabende Kurgäste aus Schlesien, Wien und sogar dem Elsass.
Infrastruktur
Zimmer, die bei örtlichen Bauern für die Dauer der Kur gemietet wurden.
Karikatur eines schockierten, reichen Aristokraten in eleganter Kleidung, der eine verdächtige Kur von einem Dorfheiler in einer schmutzigen Scheune auf einem Heuhaufen erhält.
Ein VIP-Spa aus dem 19. Jahrhundert. Wenn elegante Salons gegen eine Scheune und professionelle Medizin gegen einen Löffel geheimnisvoller Schmiere getauscht werden.

Der Ruhm des Heilers aus Annaberg war so groß, dass wohlhabende Patienten von weit her in die schlesische Provinz reisten, nur um einen Termin zu bekommen. Ein Teil von ihnen übernachtete in Bauernstuben, wodurch um die Praxis des Heilers herum etwas entstand, was wir heute als ausgebaute Beherbergungsinfrastruktur für den Medizintourismus bezeichnen würden. [1]

Wien hatte seine Medizinprofessoren. Annaberg hatte einen Schäfer im Schloss — und offensichtlich ein ziemlich effektives Empfehlungsmarketing.
04

Jemielnica · Himmelwitz

Wunderheiler mit apothekarischem Flair

Spezialistenkarte Schäfer, Diagnostiker und Meister im Aufbau von Stimmung während des Besuchs.
Diagnostik
Natürlich der Urin des Patienten — ein Grundpfeiler des damaligen Heiler-Repertoires.
Das Theater des Besuchs
Einsame „Meditation“ im Nebenzimmer über einem riesigen, geheimnisvollen Buch.
Finale
Ein professionell aussehendes Rezept und die Überweisung des Patienten an die örtliche Apotheke.
Ein verwirrter älterer Mann mit einem großen Schnurrbart kratzt sich am Kopf, spielt Arzt und liest ein riesiges medizinisches Buch auf dem Kopf stehend.
Eine Aura des Geheimnisvollen ist das A und O. Egal, dass das Buch auf dem Kopf steht, wichtig ist, dass der Patient Respekt vor dem Wissen hat.

Der Heiler aus Himmelwitz verstand perfekt, dass der Patient nicht nur durch das Medikament, sondern auch durch die Atmosphäre geheilt wird. Nach der Untersuchung verschwand er im Nebenzimmer, wo er sich über ein großes medizinisches Buch beugte. Stille, Konzentration und das unzugängliche gedruckte Wissen bauten eine Aura des Eingeweihten um ihn herum auf.

Das Interessanteste passierte jedoch am Ende. Anstatt zu zaubern oder eigene Mixturen zuzubereiten, kam der Heiler aus dem Zimmer und schrieb ein Rezept aus, mit dem er den Kranken in die Apotheke schickte. [1]

Zuerst Mystik, dann Pharmazie. Aus der Sicht des Patienten: Voller Service und keinerlei Dissonanz.
05

Żerniki · Zernik und Umgebung

Imker „Wróż“ und das magische Heimarsonal

In der Gegend von Zernik verschwamm die Grenze zwischen Medizin und purer Magie fast vollständig. Die Hauptfigur war ein alter Imker, der „Wróż“ (Wahrsager) — eine alte slawische Bezeichnung für einen Heiler — oder einfach der „weise Bauer“ genannt wurde. [1]

Pflanzenmedizin

Die ätzende Meerzwiebel und die häusliche Apotheke

In schlesischen Häusern wurde die Meerzwiebel — Scilla maritima — gezüchtet. Ihr ätzender Saft verursachte Blasen auf der Haut. Die zerdrückten Blätter wurden auf Geschwüre, Prellungen und schmerzende Finger, in der Quelle als „Fingerwurm“ bezeichnet, gelegt. [2]

Wenn es gnadenlos brannte, bedeutete das, dass das Medikament gerade seine Arbeit aufnahm.
Schutzmagie

Abwehr von Flüchen, Schuppen und der Donnerkeil

Vier-Panel-Comic mit humorvollen Karikaturen, die schlesische medizinische Rituale aus dem 19. Jahrhundert darstellen: Abwehr von Flüchen, Kropfbehandlung mit einem Stein, Abschneiden des Weichselzopfs und Spucken durch das Hemd.
Das magische Heimarsonal in der Praxis: vom nächtlichen Gesang bis zum Kampf gegen den Weichselzopf mit einer großen Schere.
Behandlung der Augen — „Schuppe“. Das Leiden wurde besprochen, also „beschworen“. Das Ritual musste unter freiem Himmel und unbedingt vor Sonnenaufgang stattfinden. [1]
Behandlung des Kropfes. Der Hals wurde mit einem „pieronowy kamień“ (Donnerstein) — Donnerkeil — gerieben. Als solche Steine galten prähistorische Belemniten, die als versteinerte Blitzeinschläge interpretiert wurden und denen eine schützende Kraft zugeschrieben wurde. [1]
Weichselzopf — Weichselzopf. Die verfilzten Haare durften nur am Karfreitag vor Sonnenaufgang abgeschnitten werden. Das Brechen dieser Regel sollte mit Blindheit oder Wahnsinn bestraft werden. [1]
Böser Blick — (Urok). Wenn Übelkeit dem Blick einer älteren, schielenden Frau zugeschrieben wurde, musste man an einen abgelegenen Ort gehen, sich das Gesicht mit der Innenseite des getragenen Hemdes abwischen und dreimal spucken. [2]
Dunkle Legenden

Die feurige „Oksowka“ in der Sandschlucht

Ein verängstigter Bauer auf einem Pferdewagen flieht nachts vor einem riesigen, brennenden Fass mit einem bedrohlichen Gesicht, das ihn auf einem Feldweg verfolgt.
Die feurige Oksowka. Schwer, eine ruhige Rekonvaleszenz zu haben, wenn man unterwegs von einem brennenden Fass verfolgt wird.

Wenn die Kur nicht die erwartete Wirkung zeigte, blieb immer noch eine übernatürliche Erklärung. In der Gegend erzählte man sich von der schrecklichen „Oksowka“ — einer Erscheinung in Form eines feurigen, funkensprühenden Fasses, das nachts hinter den Bauernwagen in der nahegelegenen Sandschlucht herrollen sollte. Der Name selbst ist das regionalisierte Wort Oxhoft, das ein riesiges Fass bedeutet, und volkstümliche Überlieferungen lokalisierten diesen bösen Geist genau bei den Kiesgruben am Fuße der Anhöhe, die als „gora“ (Berg) bezeichnet wurde, südlich von Zernik. [2]

Heiler in bester Absicht

Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts ist es leicht, über die Leiter, die Meerzwiebel, die Donnerkeile oder die vor dem Morgengrauen durchgeführten Rituale zu lachen. Man muss jedoch bedenken, dass die schlesischen „weisen Leute“ in einer Welt handelten, in der professionelle medizinische Hilfe oft teuer, weit entfernt oder einfach unerreichbar war.

Ihre Praktiken vereinten Krümel realen Wissens, die Erfahrung von Generationen, Religiosität, lokale Folklore und das Bedürfnis, die Kontrolle über die Krankheit zurückzugewinnen. Einige Methoden mochten helfen, andere blieben wirkungslos, und einige — besonders die Orthopädie mit Leiter und Brunhilde — konnten dem Patienten völlig neue Probleme bereiten.

Trotzdem waren sie nicht nur Karikaturen des alten Dorflebens. Sie waren die Antwort auf ein echtes Bedürfnis: Jemand musste kommen, sich den Kranken ansehen, sein Leiden benennen und versprechen, dass man etwas dagegen tun könnte.

Bibliographie und Archivquellen

Die Grundlage des Artikels bilden zwei historisch-ethnografische Aufzeichnungen von Emanuel Czmok.

1

Czmok, Emanuel. [Historisch-ethnografische Aufzeichnung zur Volksmedizin und Tätigkeit dörflicher Heiler]. Der Oberschlesier, Januar 1927, Nr. 1.

Hauptinformationsquelle über die Praktiken der schlesischen Wunderheiler aus Ruda, Ellguth-Zabrze mit der assistierenden Brunhilde, Annaberg, Himmelwitz und über den Imker aus Zernik. Aus dem Text stammen auch die Beschreibungen der Kropfbehandlung mit dem Donnerkeil und dem Glauben bezüglich des Abschneidens des Weichselzopfs.

2

Czmok, Emanuel. „Zur Volkskunde unserer Gegend“. Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt, Oktober 1961, Nr. 10, S. 35.

Posthum veröffentlichte Feldnotizen des Forschers. Informationsquelle über die medizinische Verwendung der Meerzwiebel, Rituale zur Abwehr von Flüchen mittels eines Hemdes sowie die lokale Legende vom feurigen Fass „Oksowka“, das in der Umgebung von Zernik sein Unwesen treibt.

Geschichte der Volksmedizin · Altes Oberschlesien · Populärwissenschaftliches Material
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