Skip to contentSkip to main navigationSkip to footer

Category

Beuthen (Bytom)

Szkic koncepcyjny ukazujący ewolucję ulicy Dworcowej w Bytomiu. Po lewej stronie widoczny bagnisty trakt i dawna warownia, po prawej wielkomiejski bulwar z epoki rewolucji przemysłowej. Tekst na grafice: Tysiącletnia ewolucja ulicy Dworcowej. Od bagien do wielkomiejskiego bulwaru. Zobacz, jak dawny trakt Przedmieścia Gliwickiego stał się reprezentacyjną Bahnhofstraße.

Vom sumpfigen Weg zum großstädtischen Boulevard. Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen

Beuthen • Stadtgeschichte • Bahnhofstraße

Vom sumpfigen Weg zum großstädtischen Boulevard. Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen

Die heutige Dworcowa-Straße entstand erst im 19. Jahrhundert als repräsentative Stadtstraße. Ihre Geschichte reicht jedoch in eine wesentlich ältere Landschaft zurück: in das Feuchtgebiet zwischen dem frühen Beuthen und dem Hügel von Sutuhali, in die Wege der Gleiwitzer Vorstadt, in Kriegsbrände, Vorstadtgärten und Felder, die später der Eisenbahn, Hotels, Banken und Mietshäusern weichen mussten.

Ihre „tausendjährige Geschichte“ beginnt deshalb nicht mit einer fertigen Straße, sondern mit einer alten Verkehrsrichtung, aus der im 19. Jahrhundert die Bahnhofstraße hervorging.

1. Durch die Sümpfe nach Sutuhali

Die älteste Schicht dieser Geschichte betrifft noch keine Straße im heutigen Sinne. Sie betrifft die Landschaft. Das frühe Beuthen entstand auf einer Anhöhe, die von Wasserläufen und feuchten Niederungen umgeben war. Auf dem weiter entfernten Margarethenhügel befand sich eine Burganlage, die mit dem aus alten Überlieferungen bekannten Sutuhali gleichgesetzt wird.

W. Immerwahr vermutete, dass die Befestigung noch vor dem Jahr 1000 entstanden sein könnte. Er beschrieb sie als Sumpfburg auf einem künstlich geformten Hügel. Andere Autoren sahen im Margarethenhügel dagegen eine natürliche Erhebung, deren Hänge und Wälle später von Menschen verändert wurden. Die verschiedenen Deutungen von Sutuhali habe ich ausführlicher im Beitrag „Byl tu?“ und das Rätsel von Sutuhali dargestellt.1

Das Rätsel des Namens Sutuhali

Franz Gramer verband den Ort mit einem alten Kult und einem „heiligen Hain“. Immerwahr lehnte die Deutung als „Heilige Halde“ ab und führte den Namen auf das Wort Schutthügel zurück. Spätere Autoren brachten ihn außerdem mit Schlamm, einem steilen Hang, einem „kahlen Hügel“, dem Namen des hl. Gallus oder mit „aufgeschütteten Halden“ in Verbindung.

Sumpfiger Weg zur frühmittelalterlichen Burg Sutuhali auf dem Margarethenhügel in Beuthen
Künstlerische Vorstellung eines Weges durch feuchtes Gelände zur Burganlage auf dem Margarethenhügel. Künstlerische Visualisierung

Der Zugang zur Burg und ihre Versorgung erforderten eine Verbindung mit der entstehenden Siedlung. Immerwahr betrachtete den durch das sumpfige Gelände zwischen Sutuhali und dem frühen Beuthen führenden Weg als entfernten Vorläufer der späteren Bahnhofstraße und als einen der ältesten Verkehrswege im südöstlichen Oberschlesien.

Der mittelalterliche Weg muss nicht auf seiner gesamten Länge mit der heutigen Dworcowa-Straße übereingestimmt haben. Erhalten blieb jedoch die Verkehrsrichtung: vom alten Landweg über die Bebauung der Gleiwitzer Vorstadt bis zu der im 19. Jahrhundert durch die Felder angelegten Straße.

Auf dem Hügel entstand im 12. Jahrhundert die romanische Margarethenkirche, deren Stiftung mit Herzog Bolesław IV. Kraushaar verbunden wird. Die Betreuung der Kirche wurde später den Breslauer Prämonstratensern übertragen. Nach und nach siedelten sich entlang des Weges Bauern und Gärtner an, und das Gebiet wurde als Gleiwitzer Vorstadt bezeichnet.

In der Teilungsurkunde Beuthens vom 26. Januar 1369 erscheint die Bezeichnung „Gleiwitzer Straße“. Im damaligen Sprachgebrauch bezeichnete das Wort Straße vor allem einen Land- oder Ausfallweg, im Unterschied zu innerstädtischen Gassen. Es handelte sich somit um einen in Richtung Gleiwitz führenden Weg — älter als die spätere Bahnhofstraße, aber in derselben Verkehrsrichtung verlaufend.2

↑ nach oben

2. Brände, Verkleidung und böhmische Dukaten

Die Vorstädte, die zu einem großen Teil aus Holz bestanden und nicht durch die Stadtmauern geschützt waren, waren während des Dreißigjährigen Krieges besonders gefährdet. Für das Jahr 1627 überliefern die Quellen mindestens zwei Berichte über Kampfhandlungen und Brände.

Immerwahr schrieb über die Ereignisse vom 5. März 1627. Nach dem von ihm wiedergegebenen Bericht versuchten Wallensteins Truppen, verstärkt durch kaiserliche Soldaten und eine als polnische Kosaken bezeichnete Formation, die dänischen oder mansfeldischen Einheiten aus Beuthen zu vertreiben. Während der Kämpfe sollen Gebäude in Brand geraten sein.

Franz Gramer beschrieb dagegen Ereignisse aus dem August desselben Jahres. Die von Fahrensbach geführten kaiserlichen Truppen sollen die Bebauung angezündet haben, um den Gegner zum Verlassen der Stadt zu zwingen. Nach dem von Gramer zitierten Dokument verbrannten etwa 30 Häuser und Gehöfte sowie 72 Scheunen mit dem eingelagerten Getreide.3

Wahrscheinlich schildern beide Berichte zwei aufeinanderfolgende Episoden der Kämpfe um die Stadt. Die Vorstadtbebauung wurde dabei selbst zum Mittel der Kriegführung: Man setzte sie in Brand, um dem Gegner Deckung und Vorräte zu nehmen.

Brand der hölzernen Bebauung der Gleiwitzer Vorstadt in Beuthen während des Dreißigjährigen Krieges 1627
Die Vorstadt gehörte während der Kriegshandlungen zu den besonders gefährdeten Teilen Beuthens. Künstlerische Visualisierung

Über die Brände in Beuthen und die Entstehung eines organisierten Feuerlöschwesens habe ich ausführlicher in einem eigenen Beitrag geschrieben: Geschichte der Feuerwehr in Oberschlesien: Beuthen, Kattowitz und Gleiwitz.

Mit dem unruhigen 17. Jahrhundert verband Immerwahr außerdem eine ungewöhnliche Sittengeschichte. Unter Berufung auf Benno Nietsche und dessen Geschichte der Stadt Gleiwitz erwähnte er einen Fall vom November 1638, der die geistlichen und weltlichen Behörden in Gleiwitz beschäftigte. In einem Beuthener Wirtshaus wurde damals eine junge Frau entdeckt, die als Mönch verkleidet war.4

Der Schatz im Eliasohnschen Haus

Nach Immerwahr verbarg einer der wohlhabenderen Bewohner der Gleiwitzer Vorstadt während des Dreißigjährigen Krieges ein beträchtliches Vermögen, darunter zahlreiche böhmische Golddukaten. Die Erde bewahrte das Geheimnis mehr als zwei Jahrhunderte lang: Erst 1876 wurde der Schatz beim Ausheben der Fundamente des Eliasohnschen Hauses Nr. 32 entdeckt.5

↑ nach oben

3. Felder, Pflaster, Gaslicht und Lazarett

Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewahrte die Gleiwitzer Vorstadt ihren ländlichen Charakter. Auf dem Stadtplan von 1828 überwogen Felder, Gärten, Gehöfte und lockere Bebauung. Das Wachstum Beuthens, die Entwicklung der Industrie und die steigende Einwohnerzahl veränderten jedoch allmählich die Anforderungen an diesen Raum.

Franz Gramer beschrieb die Modernisierung der Stadt aus der Perspektive des Alltags. An die Stelle eines unebenen, mitunter gefährlichen Pflasters traten breite Granitplatten vor den Hauseingängen. Neue Wohnungen erhielten hellere Treppenhäuser, höhere Zimmer und einen städtischeren Standard. Noch war dies nicht die Umgestaltung der gesamten späteren Bahnhofstraße, wohl aber die Ankündigung einer neuen Bauweise.

Arbeiter verlegen Granitplatten auf einer Straße im Beuthen des 19. Jahrhunderts
Granitgehwege und Gasbeleuchtung gehörten zu den sichtbarsten Zeichen der städtischen Modernisierung. Künstlerische Visualisierung

Am 19. Januar 1862 wurde in Beuthen die Gasbeleuchtung in Betrieb genommen. Das städtische Netz umfasste 117 Laternen, und das Gaslicht wurde zu einem der deutlichsten Zeichen dafür, dass Beuthen über die Grenzen einer kleinen Stadt hinauswuchs.6

Zu den ersten größeren öffentlichen Bauten in der Gleiwitzer Vorstadt gehörte das Knappschafts-Lazareth, dessen Bau 1849 begonnen wurde. Es diente kranken und verunglückten Bergleuten und wurde Teil der entstehenden Infrastruktur der Industriestadt.7

Die Entwicklung der oberschlesischen Industriemedizin habe ich ausführlicher in meiner mehrteiligen Reihe über historische medizinische Einrichtungen in Piasniki beschrieben.

↑ nach oben

4. Die Entstehung der Bahnhofstraße: 1858–1872

Die moderne Bahnhofstraße war keine einfache Verlängerung des mittelalterlichen Weges. Sie entstand durch die bewusste Umwandlung vorstädtischer Felder in eine neue Verkehrsachse. Die städtebauliche Entwicklung Beuthens lässt diesen Prozess nahezu Jahr für Jahr nachvollziehen.

Neue Trasse durch die Felder Der Verlauf wurde abgesteckt, der später zur Achse der Bahnhofstraße werden sollte.
Die ersten modernen Mietshäuser Es entstanden Gebäude an den heutigen Hausnummern 9 und 18.
Eisenbahn und Weg zum Bahnhof Die Bahnlinie unterbrach den älteren Verlauf; der Abschnitt zum Bahnhof wurde zur Bahnhofstraße.

Noch auf dem Plan von 1828 war das Gebiet der späteren Straße überwiegend landwirtschaftlich geprägt. 1858 wurde ein neuer Weg durch die Felder angelegt. Die ersten modernen Mietshäuser an den heutigen Nummern 9 und 18 entstanden 1869, weitere Gebäude kamen nahezu in jeder Bausaison hinzu.

Zunächst wurde die neue Trasse als Gleiwitzer Straße bezeichnet. Die entscheidende Veränderung erfolgte 1872 mit dem Bau der Eisenbahnlinie. Die Gleise verkürzten und unterbrachen den bisherigen Straßenverlauf, während der Abschnitt vom Boulevard zum Bahnhof als Bahnhofstraße zu funktionieren begann. Der Name setzte sich zusammen mit der neuen Rolle der Straße durch — als repräsentative Verbindung vom Bahnhof zum Stadtzentrum.8

Das Gebiet, das über Jahrhunderte aus Gärten und Gehöften bestanden hatte, wurde in kurzer Zeit zur Verbindung zwischen Bahnhof und Stadtzentrum. Die Eisenbahn brachte nicht nur Reisende. Sie steigerte den Wert der Grundstücke und zog Hoteliers, Banken, Restaurants, Redaktionen und Handel an.

↑ nach oben

5. Eine Straße der Hotels, Banken und Cafés

Großstädtische Bahnhofstraße in Beuthen mit Mietshäusern, Hotels, Geschäften und Passanten um 1900
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde die Bahnhofstraße zu einer der wichtigsten Geschäfts- und Dienstleistungsstraßen Beuthens. Künstlerische Visualisierung

Vom Garten des Stolarczyk zum Hotel Bristol

Franz Gramer erwähnte in der Gleiwitzer Vorstadt den Garten des Stolarczyk, während Immerwahr das Stollarczyk’sche Etablissement als Vorgänger des späteren Kaiserhofs bezeichnete. Die heutige Denkmaldokumentation erlaubt es, die weitere Geschichte dieses Grundstücks zu ergänzen.

An der Stelle des früheren Gasthauses entwickelte sich das Hotel Sanssouci. Die erste Bauphase fiel in das Jahr 1858, als ein Tanz- und Theatersaal entstand; einige Darstellungen datieren die Fertigstellung des eigentlichen Hotelgebäudes auf 1871. Der Entwurf wird mit Ferdinand Hermann verbunden. 1895 gestaltete J. Cyganek die Innenräume um, und 1910 führte die Firma Boswau & Knauer nach einem Entwurf von Ahrens eine umfassende Modernisierung durch. Damals erhielt das Haus den Namen Kaiserhof. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es als Hotel Bristol weitergeführt.9

Dasselbe Grundstück behielt über Jahrzehnte seine gastronomische, kulturelle und hotelbezogene Funktion: vom Garten und Lokal des Stolarczyk über Sanssouci und Kaiserhof bis zum Bristol. Die Umbauten veränderten das Erscheinungsbild des Komplexes, nicht aber seine Bedeutung für das Leben der Straße.

Der zum Hotel gehörende Saal war bereits vor der Errichtung des repräsentativen Stadttheaters ein wichtiger Ort des kulturellen Lebens in Beuthen.

Zwischen Hotels, Banken und Cafés

Zum Straßenbild der Bahnhofstraße gehörte auch das Hotel Lomnitz, das unter anderem durch seine Verbindung mit Wojciech Korfanty während der Abstimmungszeit in Erinnerung blieb. Neben den Hotels bestanden Cafés, Banken, Redaktionen, Musikschulen und Fotoateliers. Die Mieter und Firmenschilder wechselten, doch die Straße verlor ihren großstädtischen Charakter nicht.

Ausgewählte Firmen und Einrichtungen an der Bahnhofstraße

Jahr oder QuellenzeitraumAdresseEinrichtung oder MieterBranche
1904Bahnhofstraße 31Café HohenzollernCafé
1904Bahnhofstraße 40Oberschlesische BankBank
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 1„Ostdeutsche Morgenpost”Redaktion und Verlag
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 10Cieplik’s Konservatorium, Inhaber Paul KrausMusikschule
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 17Bankhaus Jarislowsky & Co.Bankwesen
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 25Günther RudolfKonditorei und Gastronomie
Verzeichnis 1925–1939Bahnhofstraße 32Foto-Atelier Germania, Inhaber Georg MüllerFotografie
Ausgewählte Einträge aus Leo Woerls Reiseführer von 1904 und Georg Lasiks Verzeichnis des Beuthener Gewerbes aus den Jahren 1925–1939.

Die Bahnhofstraße war nicht nur der Weg zum Zug. Sie wurde zum städtischen Salon, in dem der Reisende nach dem Verlassen des Bahnhofs an Hotels, Restaurants, Banken, Geschäften, Fotoateliers und Redaktionen vorbeikam. Dieser großstädtische Charakter entstand nicht über Nacht, sondern als Ergebnis mehrerer Jahrzehnte intensiver Bebauung und eines ständigen Wechsels der Mieter.10

↑ nach oben

6. Von der Bahnhofstraße zur Dworcowa-Straße

Nach 1945 erhielt die Bahnhofstraße den polnischen Namen Dworcowa. Staat, Sprache der Firmenschilder und viele Nutzer der Häuser wechselten, doch die grundlegende Funktion der Straße blieb erkennbar: Sie führte weiterhin vom Bahnhof in das Stadtzentrum.

Mit der Zeit verlor die Straße einen Teil ihrer früheren Bedeutung als Geschäftsstraße, und der Autoverkehr wich der Funktion einer Fußgängerzone. Die jüngste große Sanierung umfasste die Erneuerung der Leitungsnetze, ein neues Steinpflaster, Begrünung, Stadtmobiliar und die Instandsetzung historischer Mietshäuser. Die Stadt präsentiert die Dworcowa-Straße heute erneut als eine der repräsentativsten Straßen Bytoms.11

Die Geschichte der Dworcowa-Straße ist keine einfache Erzählung von einem Weg, der tausend Jahre lang unverändert verlief. Sie ist die Geschichte eines Ortes, dessen Funktion sich immer wieder wandelte: vom feuchten Vorfeld der Burg und einer ländlichen Vorstadt über die Straße zur Eisenbahn bis zum Geschäfts-Boulevard und zur heutigen Fußgängerzone.

↑ nach oben

Die heutige Dworcowa-Straße ist somit die letzte Etappe einer langen Entwicklung: vom alten Weg durch das feuchte Gelände über die Gleiwitzer Vorstadt bis zur repräsentativen Bahnhofstraße.

↑ nach oben
Quellenhinweise
  1. W. Immerwahr, „Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen OS.“, Gleiwitzer–Beuthener–Tarnowitzer Heimatblatt, Dezember 1963, Nr. 12; Nachdruck: November 1975, Nr. 11. Vgl. außerdem die Zusammenstellung der Sutuhali-Hypothesen im entsprechenden Beitrag auf flaczek.com.
  2. F. Gramer, Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Beuthen 1863, Abschnitt über die Gleiwitzer Vorstadt und die Teilungsurkunde der Stadt vom 26. Januar 1369.
  3. W. Immerwahr, a. a. O. — Ereignisse vom 5. März 1627; F. Gramer, a. a. O., S. 139–140 — der Brand im August und die Nachricht über 30 Häuser beziehungsweise Gehöfte sowie 72 mit Getreide gefüllte Scheunen.
  4. W. Immerwahr, a. a. O., nach: Benno Nietsche, Geschichte der Stadt Gleiwitz, Gleiwitz 1886, S. 625.
  5. W. Immerwahr, a. a. O. — Bericht über einen Schatz mit böhmischen Goldmünzen, der 1876 beim Eliasohnschen Haus Nr. 32 entdeckt wurde.
  6. F. Gramer, a. a. O., S. 219 und S. 263–286 — Inbetriebnahme der Gasbeleuchtung am 19. Januar 1862, 117 Laternen sowie die Beschreibung der Erneuerung des Pflasters und der Bebauung.
  7. F. Gramer, a. a. O., S. 211 und 256 — Bau des Knappschaftslazaretts in der Gleiwitzer Vorstadt ab 1849.
  8. „Gleiwitzer- und Bahnhofstraße sowie Boulevard“ , Online-Museum des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit — Stadtplan von 1828, Anlage der neuen Trasse, Mietshäuser aus den Jahren 1869–1871 und der Einfluss des Eisenbahnbaus von 1872 auf die Entstehung der Bahnhofstraße.
  9. Dorota Bajowska, „Hotel Sanssouci, ob. Bristol“ , Narodowy Instytut Dziedzictwa, 2020; auf Grundlage der Denkmalkarte „Hotel Sanssouci/Kaiserhof, ob. Hotel Bristol“, bearb. von M. Łabuz, 1997. Vgl. außerdem A. Gano-Kotula, „Kamienice przy ulicy Dworcowej“, in: J. Drabina (Hrsg.), Bytomskie zabytki, Bytom 2001.
  10. Leo Woerl, a. a. O., 1904 — Café Hohenzollern und Oberschlesische Bank; Georg Lasik, Gewerbe – Handwerk und Handel in Beuthen O/S. / Verzeichnis des Beuthener Gewerbes 1925–1939 — die übrigen Einträge der Tabelle.
  11. Stadt Bytom, Internetseite „Dworcowa“ sowie Materialien zur Sanierung der Straße: Neugestaltung des öffentlichen Raums, Erneuerung der Leitungsnetze, neuer Belag, Begrünung und Sanierung historischer Mietshäuser.
Literatur und Vergleichsmaterialien
  • Gramer Franz, Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Beuthen 1863.
  • Immerwahr W., „Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen OS.“, Gleiwitzer–Beuthener–Tarnowitzer Heimatblatt, Dezember 1963, Nr. 12 — Erstveröffentlichung.
  • Immerwahr W., „Die tausendjährige Geschichte der Bahnhofstraße in Beuthen/OS.“, Gleiwitzer–Beuthener–Tarnowitzer Heimatblatt, November 1975, Nr. 11 — Nachdruck.
  • Nietsche Benno, Geschichte der Stadt Gleiwitz, Gleiwitz 1886.
  • Stodolka Franz, Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Materialien und Nachkriegsdarstellungen.
  • Woerl Leo, Illustrierter Führer durch das Oberschlesische Industriegebiet, 1904.
  • Gano-Kotula Ariana, „Kamienice przy ulicy Dworcowej“, in: Jan Drabina (Hrsg.), Bytomskie zabytki, Towarzystwo Miłośników Bytomia, Bytom 2001.
  • Bajowska Dorota, „Hotel Sanssouci, ob. Bristol“ , Narodowy Instytut Dziedzictwa, 2020.
  • „Gleiwitzer- und Bahnhofstraße sowie Boulevard“ , Online-Museum des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit.
  • Stadt Bytom, Materialien zum Sanierungsprojekt der Dworcowa-Straße .
↑ nach oben
0
0

Read more

Pruski urzędnik przy mapie i dokumentach, za oknem kopalnie, huty i linie kolejowe rozwijającego się powiatu bytomskiego

Landrat gegen das Chaos. Wie die Verwaltung des Kreises Beuthen die industrielle Revolution zu bändigen versuchte (1853–1859)

Oberschlesien • Verwaltung • Industrie • 1853–1860

Landrat gegen das Chaos. Wie der Kreis Beuthen die industrielle Revolution zu bändigen versuchte (1853–1859)

Maschinen kamen schneller als Wohnungen, Vorschriften und Beamte. Menschen zogen der Arbeit hinterher, Dörfer wuchsen um Schächte und Hütten, und die Behörden versuchten beinahe alles zu zählen: Arbeiter, Kinder, Schornsteine, Hunde, Blitzeinschläge, Kranke und Steuerrückstände. Das „Beuthner Kreisblatt“ zeigt die industrielle Revolution von einer Seite, die auf Postkarten unsichtbar bleibt – als alltäglichen Kampf um Ordnung in einem Kreis, der sich schneller veränderte als seine Verwaltung.

Die Geschichte der Großindustrie beginnt gewöhnlich mit Zechen, Hütten, Erfindern und Vermögen. Das amtliche Kreisblatt führt eine Ebene tiefer – in die Gemeinden, Wohnungen und Amtsstuben, in denen man versuchte, die Folgen dieses Wandels zu bewältigen.

Hauptzeitraum: 1853–1859Epilog: 1860Quelle: „Beuthner Kreisblatt“
Inhaltsverzeichnis
  1. Schlamm unter den Rädern des Fortschritts
  2. Der Landrat will alles wissen
  3. Die Steuer am Zechentor
  4. Ein Mensch ohne Papiere
  5. Die Gemeinde schiebt den Kranken zum Nachbarn ab
  6. Cholera schließt das Dorf, Rinderpest die Grenze
  7. Nachtwachen, Erdhütten und Arbeitersiedlungen
  8. Schornstein, Hund, Maus und Halde
  9. Kinder im Schatten der Öfen
  10. „Morgendämmerung“ und ihr Schatten
  11. Epilog: „Glück auf!“ – Wachwechsel
  12. Quellen und Literatur

Schlamm unter den Rädern des Fortschritts

Industrielandschaft Oberschlesiens um die Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Eisenbahnlinie trennt ländliche Felder von Zechen und Hütten.
Der Kreis Beuthen veränderte sich ungleichmäßig: Auf der einen Seite bestand die ländliche Landschaft fort, auf der anderen wuchsen Schächte, Schornsteine und industrielle Infrastruktur.

Die Räder der Fuhrwerke versanken im Schlamm, Transporte von Erz und Kohle verstopften die Straßen, und nach Einbruch der Dunkelheit spendeten nur wenige Laternen Licht. Das Beuthen der 1850er Jahre war noch keine geordnete Industriemetropole, wie man sie von späteren Fotografien und Postkarten kennt. Werke, Schächte und Verkehrsverbindungen entwickelten sich schneller als die städtische Infrastruktur.

Nach einer Schilderung der Verhältnisse von 1855, die Franz Stodolka unter Berufung auf die spätere Darstellung Hugo Solgers wiedergab, fehlte eine wirksame Straßenpolizei, während sich die unbefestigten Wege nach Regen in eine klebrige Masse verwandelten.1 Das erste sichtbare Ergebnis der wirtschaftlichen Beschleunigung war daher nicht immer Ordnung. Häufiger waren es ein Stau von Fuhrwerken, das Rattern der Räder und ein Fußgänger auf der Suche nach einem trockenen Durchgang.

Neue Investitionen lösten ein Problem, konnten aber zugleich das nächste schaffen. Im Jahr 1854 sollen die Erdarbeiten an der Pferdebahn, der Roßbahn, zum Versiegen der Beuthener Liebesquelle geführt haben, die zuvor als wichtige Quelle guten Trinkwassers gegolten hatte.2 Der Transport von Rohstoffen wurde effizienter, doch die Stadt verlor einen Teil ihrer bisherigen sanitären Grundlage.

Der Aufschwung trieb auch die Preise. Chronisten berichteten von Mieten, die in keinem Verhältnis zur damaligen Größe Beuthens standen. Gleichzeitig entstanden höhere und hellere Häuser mit besser beleuchteten Treppenhäusern und tapezierten Zimmern.3 Der Wandel hatte zwei Gesichter: Die einen zogen in moderne Gebäude, die anderen suchten die billigste Ecke oder einen provisorischen Unterschlupf.

Die Stadt und die benachbarten Siedlungen zogen saisonal Maurer, Handwerker und Bauarbeiter aus den Gegenden um Leobschütz, Neustadt O.S., Rybnik und Oppeln an.4 Für die Unternehmer waren sie dringend benötigte Arbeitskräfte. Für die Ämter waren sie Menschen, die einer Gemeinde zugeordnet, in ein Register eingetragen und bei Steuerrückständen, Militärpflicht oder Krankheit wiedergefunden werden mussten.

Stadt und Kreis. Der damalige Kreis Beuthen war erheblich größer als die heutige Stadt Bytom. In seinem Amtsblatt begegnen sich die Angelegenheiten von Beuthen, Schomberg, Roßberg, Zabrze, Kattowitz, Myslowitz, Schwientochlowitz, Tarnowitz und Dutzenden weiterer Orte, die später anderen Verwaltungseinheiten angehörten.

In den folgenden Ausgaben des „Beuthner Kreisblatts“ erschienen neue Schächte, Kessel, Hochöfen, Walzwerke, Anschlussgleise und Straßen. Dampf trieb längst nicht mehr nur Zechen an, sondern auch Mühlen, Ziegeleien, Werkstätten, Brecher und Pumpen. Im Jahr 1858 war auf dem Grundmannschacht der Florentine-Grube in Ober-Lagiewnik eine Wasserhaltungsmaschine mit 260 PS geplant – eine der leistungsstärksten Anlagen, die im untersuchten Jahrgang verzeichnet wurden.5

Die Maschinen bilden jedoch nur den Hintergrund dieser Geschichte. Wichtiger ist, was um sie herum geschah. Landstraßen wurden zu Transportwegen für Kohle und Erz, Eisenbahnen durchschnitten die Felder, und um die Schächte wuchsen Kolonien. Gemeinden, Gutsbezirke – Dominien – und örtliche Polizeibehörden mussten entscheiden, wer einen Kranken behandelt, einen Dieb verfolgt, eine Straße repariert und eine Hebamme unterhält.

Nach dem Tod des Bürgermeisters Joseph Proske im Jahr 1853 wurde der bisherige Stadtkämmerer Adolf Manderle zu seinem Nachfolger gewählt und trat das Amt 1854 an. Über dem weitläufigen Kreis stand der Landrat, Adolph von Tieschowitz, der dieses Amt seit 1840 bekleidete.6 An der Schnittstelle von Stadt, Dorf, Gutsbezirk und Industriebetrieb beginnt die Geschichte des administrativen Ringens mit dem Wandel.

Das „Beuthner Kreisblatt“ ähnelt keiner heutigen Zeitung. Es ist eine Mischung aus Verordnungen, Ausschreibungen, Steckbriefen, Tabellen und Anzeigen. Liest man es Ausgabe für Ausgabe, zeigt sich jedoch ein gleichbleibender Mechanismus: Zuerst kommt das Problem, dann die Beschwerde, die Verordnung, das Formular, die Kontrolle und die Strafandrohung.

Die industrielle Revolution hatte nicht nur Stahlräder, Kolben und Schornsteine. Sie hatte auch Formulare.

↑ nach oben

Der Landrat will alles wissen

Ein Beamter mit einem Dokument steht an einer Straße vor der offenen Landschaft des Kreises Beuthen in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Der weitläufige Kreis musste zuerst mit Blick, Beschreibung und Dokument erfasst werden – erst dann erschien er verwaltbar.

Der Wandel erreichte zunächst eine Zeche, eine Hütte oder eine Arbeitersiedlung. Kurz darauf landete er auf dem Schreibtisch des Landrats.

Der Name Adolph von Tieschowitz kehrt in den untersuchten Jahrgängen nahezu ohne Unterbrechung wieder. Er warnte, ordnete an, rügte, setzte Fristen und drohte Strafen an. Das bedeutet nicht, dass er jede Regelung selbst schuf. Anweisungen kamen aus den Berliner Ministerien, von der Regierung zu Oppeln, den Bergbehörden und den Sanitätsbehörden. Der Landrat war jedoch das örtliche Gesicht dieses Systems – der Mann, der allgemeine Vorschriften in das Handeln von Dutzenden Städten, Dörfern, Kolonien, Gütern und Werken übersetzen musste.

Wer einen Kreis verwalten wollte, musste zunächst wissen, was sich darin befand.

Im Jahr 1853 wurden namentliche Verzeichnisse der Schulzen, Schöffen und Gemeindeschreiber verlangt. In den folgenden Jahren zählte man Wehrpflichtige, Einwohner, Steuerpflichtige, Schulkinder, Hebammen, Ärzte, Krankenhäuser, psychisch Kranke und Personen unter Polizeiaufsicht. Man registrierte Tiere, Häuser, Grundstücke, Maschinen und Betriebe. Selbst Blitzeinschläge erhielten eigene Tabellen.

Im Dezember 1855 sollte die Volkszählung von Haus zu Haus durchgeführt werden. Das Amt wollte nicht nur die Einwohnerzahl kennen, sondern auch die Zusammensetzung der Haushalte, das Gesinde, die Untermieter und vorübergehend anwesende Personen. Zwei Jahre später sollten Daten über Industriebetriebe erhoben werden, unterteilt nach ständigen und nichtständigen Arbeitern sowie beschäftigten Frauen und Kindern.7

Im Januar 1858 erhielten die Polizeiverwaltungen den Auftrag, ein Verzeichnis der Arbeiter-Familienhäuser anzulegen. Anzugeben waren die Zahl der getrennten Wohnungen, der Familien und sämtlicher dort untergebrachten Personen.8 Die Erhebung erfasste auch Menschen, die lediglich einen Schlafplatz mieteten – die sogenannten Schlafburschen – sowie den Zugang der Arbeiter zu Land und Wirtschaftsgebäuden.

Arbeitskräfte strömten schneller herbei, als Wohnungen entstanden. Das Amt versuchte daher nicht nur die Gebäude, sondern auch die tatsächliche Dichte der hinter ihren Türen verborgenen Menschen zu erfassen.

Aus heutiger Sicht mag diese Flut von Verzeichnissen wie eine bürokratische Obsession wirken. Die Register hatten jedoch sehr konkrete Zwecke: Sie dienten der Besteuerung, der Militärpflicht, der Armenfürsorge, der Seuchenbekämpfung, der Schulplanung und der Gewerbeaufsicht. Für den Staat wurde ein Einwohner erst dann wirklich sichtbar, wenn er in der richtigen Rubrik stand.

Tieschowitz handelte innerhalb einer weit verzweigten preußischen Verwaltungskette: Mitunter verfasste er örtliche Anordnungen selbst, ebenso häufig setzte er jedoch Entscheidungen der Regierung, der Ministerien und der Fachbehörden um.

↑ nach oben

Die Steuer am Zechentor

Arbeiter vor Industriegebäuden und ein Beamter, der bei der Lohnauszahlung um die Mitte des 19. Jahrhunderts Aufzeichnungen führt.
Am Tor des Betriebes ließ sich ein Arbeiter leichter finden als unter seiner vorübergehenden Wohnadresse – auch dann, wenn rückständige Steuern einzuziehen waren.

Die Klassensteuer war an eine Person gebunden, doch das Amt kam einem Menschen, der der Arbeit hinterherzog, nicht immer nach. Arbeiter wechselten den Wohnort, nahmen Beschäftigung außerhalb ihrer Heimatgemeinde an und hinterließen Rückstände, die das alte Erhebungssystem nicht wirksam einziehen konnte.

Im Sommer 1855 griff die Verwaltung zu einer Lösung, die den neuen Verhältnissen angepasst war: Die geschuldete Summe konnte unmittelbar vom Lohn abgezogen werden. Der Landrat erinnerte daran, die Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen gewissenhaft zu berücksichtigen, ihm eine Quittung auszustellen und den eingezogenen Betrag dem zuständigen Ortsteuererheber zu übergeben.9

Der vollständige Zusammenhang der Verfügung verband diesen Mechanismus mit Zechen, Hütten und Baustellen – Orten, an denen der Arbeiter am Zahltag leichter zu finden war als unter seiner vorübergehenden Adresse. Das industrielle Lohnsystem und das ländliche Steuersystem trafen sich am selben Tor.

Diese scheinbar kleine Verfügung zeigt, wie sehr sich das Verhältnis des Einwohners zum Amt verändert hatte. Der Steuereinnehmer kannte den Hof eines sesshaften Steuerpflichtigen. Ein Arbeiter hingegen konnte zur Untermiete wohnen, in einer anderen Ortschaft arbeiten und wenige Wochen später in den nächsten Betrieb weiterziehen.

Der Staat verzichtete nicht auf Kontrolle. Er ging ihm einfach hinterher.

Die Adresse war zudem nicht nur mit der Steuer verbunden, sondern auch mit Militärpflicht, Aufenthaltsrecht, Armenhilfe und der Verantwortung für Behandlungskosten. Der Schulze sollte nicht mehr bloß seine Einwohner kennen und die Wege beaufsichtigen. Er führte Schriftstücke, verschickte Anzeigen, rechnete Geld ab und beantwortete Schreiben.

Die Industrie stärkte also nicht nur die Zechen. Sie stärkte auch Unterschrift, Siegel und Quittung.

↑ nach oben

Ein Mensch ohne Papiere

Männer sitzen in einer Amtsstube des 19. Jahrhunderts an einem langen Tisch über Büchern und Formularen.
Hinter einem Menschen ohne Papiere setzte sich rasch eine Maschinerie aus Listen, Registern, Meldungen und amtlichen Weisungen in Bewegung.

Für die Zeche zählten die Hände. Für den Staat zählten die Papiere des Menschen, zu dem diese Hände gehörten.

Bereits 1853 rechneten die Behörden mit dem Zustrom auswärtiger Arbeiter zu großen Bauvorhaben. Meister und Bauleiter wurden daran erinnert, keine Menschen ohne gültige Dokumente und Legitimationskarten zu beschäftigen. Auf den Baustellen sollten Polizei und Gendarmerie Kontrollen durchführen.10

Drei Jahre später wurde das System genauer. In Nr. 4 des „Beuthner Kreisblatts“ vom 25. Januar 1856 erschien eine Regelung zur Kontrolle des Zu- und Abzugs von Arbeitern, die unter anderem in Zechen und Hütten beschäftigt waren. Die Meldung ging an den Ortsschulzen, der spätestens binnen drei Tagen der vorgesetzten Polizeibehörde schriftliche Anzeige zu erstatten hatte.11

Aus dem Dokument • Nr. 4/1856

„binnen längstens drei Tagen“

Der Schulze musste die Polizei spätestens binnen drei Tagen unterrichten.

Im Dokument erschienen auch Abzugs-Atteste – Bescheinigungen über den Wegzug oder die Abmeldung am vorherigen Aufenthaltsort. Die Register erfassten Herkunft, frühere Adresse, steuerliche Angaben und die Umstände des Ausscheidens aus der Arbeit. Die Verantwortung konnte nicht nur den Arbeiter treffen, sondern auch den Vorgesetzten, der einen Menschen ohne die erforderlichen Papiere eingestellt hatte.

Die Logik dieses Systems war einfach. Der Staat wollte wissen, woher jemand kam, wo er arbeitete, ob er seine Steuer bezahlt hatte, ob er militärpflichtig war und wer für ihn aufkam, wenn er erkrankte oder seine Beschäftigung verlor.

1Der Arbeiter zieht zu oder fort
→
2Der Schulze erhält die Meldung
→
3Innerhalb von 3 Tagen meldet er sie der Polizei
→
4Das Amt aktualisiert die Register

Hier stießen widersprüchliche Interessen aufeinander. Der Betrieb brauchte Arbeiter. Die Gemeinde fürchtete einen mittellosen Zuzügler, der nach einem Unfall auf ihre Kosten fallen konnte. Das Militär wollte keinen Wehrpflichtigen verlieren, das Steueramt keinen Steuerzahler, und die Polizei begegnete jedem ohne feste Beschäftigung mit Misstrauen.

Eine besondere Kategorie bildeten Zuwanderer aus dem Königreich Polen und anderen Grenzgebieten. Das Blatt veröffentlichte Weisungen zu Aufenthaltskarten, Pässen, Überläufern und Ausgewiesenen. Der preußische Staat ordnete Menschen nach Zugehörigkeit, Vermögenslage, Nützlichkeit und Grad der Verdächtigkeit.

Der wachsende Kreis brauchte den Arbeiter, fürchtete aber den Menschen ohne Papiere.

↑ nach oben

Die Gemeinde schiebt den Kranken zum Nachbarn ab

Ein kranker Mann liegt am Straßenrand, daneben steht ein Wächter oder Beamter, im Hintergrund sind Dorfbewohner zu sehen.
Gemeinden versuchten, die Verantwortung für Obdachlose und Schwerkranke abzuschieben, indem sie diese an den Rand einer fremden Zuständigkeit brachten.

Im Mai 1855 veröffentlichte der Landrat eine Mahnung, die kaum Raum für amtliche Beschönigungen ließ. Es häuften sich Meldungen, dass obdachlose und schwer erkrankte Menschen erbarmungslos im Freien liegen gelassen oder über die Grenzen der Ortschaft geschleppt wurden, obwohl die örtlichen Behörden von ihrer Lage wussten.12

Aus dem Dokument • Nr. 18/1855, Pos. 102

„auf erbarmungslose Weise hilflos im Freien liegen gelassen“

Erbarmungslos und hilflos im Freien zurückgelassen.

Ein hilfsbedürftiger Mensch konnte körperlich auf das Gebiet der Nachbargemeinde gebracht werden, damit die Pflicht zur Fürsorge jemand anderen traf. Diese Praxis legte eine Schwachstelle des damaligen Systems offen: Hilfe war keine allgemeine Leistung. Die Verantwortung lag bei einer bestimmten Gemeinde, einem Gutsbezirk oder einem Armenverband.

Zunächst musste also festgestellt werden, wohin ein Mensch „gehörte“. Erst danach ließ sich über Behandlung und Kosten sprechen.

In einem sich rasch verändernden Kreis wurde das immer schwieriger. Ein Arbeiter konnte in einem Dorf geboren sein, in einem zweiten wohnen, in einem dritten arbeiten und in einem vierten erkranken. Jede Ortschaft hatte Gründe zu behaupten, jemand anderes müsse die Rechnung bezahlen.

Dasselbe Problem kehrte in der Geburtshilfe wieder. Im November 1856 wies der Landrat darauf hin, dass ländlichen Hebammen ein Einkommen gesichert werden müsse, das ihnen ein Leben allein von ihrem Beruf ermöglichte, ohne schwere Feldarbeit verrichten zu müssen, die – wie es im Text hieß – „das Gefühl in den Fingern abstumpfen und die Hand hart machen“ könne.13

Aus dem Dokument • Nr. 45/1856, Pos. 313

„die das Gefühl in den Fingern abstumpfen und die Hand hart machen“

Schwere Feldarbeit „stumpft das Gefühl in den Fingern ab und macht die Hand hart“.

Das ist ein ungewöhnlich konkretes Argument. Das Amt erkannte, dass die Qualität der Arbeit einer Hebamme von ihren materiellen Bedingungen und der Geschicklichkeit ihrer Hände abhing. Gemeinden und Armenverbände sollten entsprechende Verträge schließen und die Hilfe für die ärmsten Frauen finanzieren.

Parallel dazu entwickelte sich die Fürsorge der Knappschaftskassen: Lazarette, Kesselhäuser, Wasserleitungen und Küchen entstanden.14 Noch immer handelte es sich jedoch nicht um ein einheitliches System sozialer Hilfe, sondern um ein Geflecht aus Gemeindepflichten, Kassen, Verträgen, kirchlichen Initiativen und kurzfristigen Sammlungen. Manchmal half es. Manchmal klärte es vor allem, wer zahlen musste.

↑ nach oben

Cholera schließt das Dorf, Rinderpest die Grenze

Menschen, Waren und Tiere waren in Bewegung. Mit ihnen bewegten sich auch Krankheiten.

Im Sommer 1855 traten im Kreis Choleraerkrankungen auf. Im August wies der Landrat die örtlichen Polizeibehörden an, jeden Krankheitsfall nach dem geltenden Regulativ zu verzeichnen. Außerdem sollten die Polizeiverwaltungen Zimmer für obdachlose Kranke einrichten.15

In den folgenden Bekanntmachungen erschienen Sanitätskommissionen, die Isolierung von Häusern, Desinfektion und die Kontrolle der Bewegungen von Kranken. Frühere Verfügungen nannten Michalkowitz als einen der Seuchenherde. Unabhängig vom örtlichen Verlauf war der Mechanismus eindeutig: Meldung, Register, Isolierung, Desinfektion und Zuweisung der Verantwortung an die örtlichen Behörden.

Das Amt versuchte, die Krankheit zugleich im Haus, in der Tabelle und innerhalb der Ortsgrenzen einzuschließen.

Noch größere Unruhe verursachte die Rinderpest. Anfang Februar 1856 wurde nach Meldungen über Viehseuchen auf polnischem Gebiet die Grenze militärisch besetzt und ein Sanitätskordon errichtet.16 Die Beschränkungen betrafen Tiere, Fleisch, Häute, Futter, Dung und gebrauchtes Stallgerät. Märkte und Jahrmärkte wurden abgesagt.

Die Staatsgrenze wurde zur Sanitätsgrenze. Posten und Kontrollen trafen nicht nur den Großhandel. Ein Bauer konnte sein Tier nicht frei verkaufen, ein Fleischer verlor seinen Lieferanten, und ein Markt leerte sich wegen einer Krankheit jenseits des Kordons.

Die Sperre wurde aufgehoben, sobald die Gefahr nachließ, und bei neuen Warnungen wieder eingeführt. Die Behörden beherrschten nicht die Krankheit selbst, bauten jedoch einen immer wirksameren Reaktionsapparat auf. Für die Einwohner bedeutete das, dass eine gewöhnliche Reise, ein Jahrmarkt oder der Verkauf einer Kuh von einem Tag auf den anderen zur Polizeisache werden konnten.

↑ nach oben

Nachtwachen, Erdhütten und Arbeitersiedlungen

Zwei Männer mit einer Laterne gehen nachts an armen Hütten und provisorischen Gebäuden vor einer Industrielandschaft vorbei.
Um Zechen und Hütten entstanden provisorische Siedlungen, deren Bebauung und Bewohner die Verwaltung auch nachts zu kontrollieren versuchte.

Die Industrie stellte nach Einbruch der Dunkelheit ihre Arbeit nicht ein, und der wachsende Kreis konnte nicht allen Menschen ein Dach über dem Kopf bieten.

Um die Betriebe wuchsen Kolonien und Siedlungsgruppen sehr unterschiedlichen Standards. Neben gemauerten Arbeiterhäusern bestanden überfüllte Stuben, provisorische Hütten und Erdhütten.

Im Juli 1857 erinnerte der Landrat nach dem tödlichen Einsturz eines solchen Baus die örtlichen Polizeibehörden daran, dass Erdhütten und andere als vorübergehende Wohnungen dienende Hütten entweder gar nicht zugelassen oder zuvor fachmännisch auf ihre bauliche Zuverlässigkeit geprüft werden sollten.17 Für das Amt waren sie unerlaubte und gefährliche Bauten. Für ihre Bewohner waren sie mitunter der letzte verfügbare Unterschlupf.

Eine Verfügung konnte ein gefährliches Gebäude beseitigen, beantwortete aber nicht die Frage, wohin die hinausgewiesenen Menschen gehen sollten.

Ein Jahr später begann man, die Arbeiter-Familienhäuser, die Zahl der Wohnungen, Familien, Untermieter und bloßen Schlafstellenmieter genau zu erfassen.8 Die Wohnung eines Arbeiters war keine reine Privatsache mehr. Überbelegung bedeutete das Risiko von Krankheiten, Bränden, Konflikten und Armut.

Gleichzeitig mehrten sich die Verfügungen über Nachtwachen. Im Winter wurde vor Einbrüchen und Diebstählen gewarnt. Es verschwanden Kleidung, Lebensmittel und Geld, aber auch Pulver, Metalle, Werkzeuge, Schienen und Maschinenteile. Die neue Industrie schuf Reichtum – und mit ihm eine gewaltige Zahl von Gegenständen, die sich stehlen und verkaufen ließen.

Die Patrouillen sollten aus kräftigen und zuverlässigen Einwohnern bestehen. Die Gendarmerie kontrollierte sie, und der Landrat kündigte unangemeldete Inspektionen an.18 Die alte gemeinschaftliche Selbstverteidigung wurde allmählich Teil des Polizeiapparats.

Ein besonderes Problem waren Arbeiter unter Polizeiaufsicht, die nachts beschäftigt waren. Formal durften sie nach Einbruch der Dunkelheit ihre Wohnung nicht verlassen, doch Zeche oder Hütte verlangten ihre Anwesenheit in der Nachtschicht. Im Juli 1857 räumte der Landrat ein, dass das Verbot dazu geführt hatte, Berg- und Hüttenleute allein wegen ihrer regulären Nachtschicht anzuklagen und zu bestrafen.19 Deshalb sollte bei den Vorgesetzten geprüft werden, ob sich die betreffende Person tatsächlich im Betrieb aufgehalten hatte.

Der Staat wollte den Menschen nach Einbruch der Dunkelheit kontrollieren. Die Industrie brauchte ihn gerade dann. Der Polizeibefehl musste dem Schichtplan weichen.

↑ nach oben

Schornstein, Hund, Maus und Halde

In preußischen Verfügungen fand neben einer großen Dampfmaschine mühelos auch die Feldmaus Platz. Jede Gefahr sollte ihre eigene Vorschrift erhalten.

Man regelte die Sicherheit fahrbarer Lokomobilen, bestimmte ihren Abstand zu strohgedeckten Gebäuden und verlangte Vorrichtungen gegen Funkenflug. Pulvermagazine sollten fern von Straßen und Häusern stehen, massive Wände, leichte Dächer und möglichst wenige Eisenteile besitzen. Auch der Transport von Sprengstoffen unterlag detaillierten Regeln.20

Nach der Neuordnung der Schornsteinfegerbezirke legte man fest, wie häufig Schornsteine zu reinigen waren. Auch jährliche Überprüfungen der Blitzableiter wurden angeordnet, verbunden mit der Warnung, eine beschädigte Anlage könne gefährlicher sein als gar keine.21

Wenn Feldmäuse die Ernte bedrohten, mussten die Gemeinden ihre Bekämpfung organisieren. Das Fangen von Singvögeln und die Zerstörung ihrer Nester wurden verboten. Bei Tollwutgefahr waren Hunde anzubinden und zu kennzeichnen. Ebenso regelte man die Schließzeiten der Schankwirtschaften, die Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen sowie öffentliche Tanzvergnügungen.22

Im Jahr 1859 erinnerte man an das Verbot, Arbeitern während der Sonn- und Feiertagsgottesdienste den Lohn auszuzahlen.23 Das Blatt verzeichnete auch tödliche Folgen von Übernachtungen in Hüttenkanälen und auf Schlackenhalden. Menschen suchten dort Wärme, doch Gase, glimmende Asche und heißer Schlackenschutt führten zu Vergiftungen, Verbrennungen und Tod.24

Manche dieser Vorschriften wirken heute beinahe grotesk: Der Hund bekam ein Halsband, der Schornstein einen Zeitplan, und die Maus fand ihren Weg in die Verfügung des Landrats. Hinter jeder stand jedoch eine reale Gefahr – Brand, Explosion, Seuche, Vergiftung oder Einsturz.

Der Kreis war nicht nur unter Tage gefährlich. Die Gefahr lauerte im Ofen, im Schornstein, im Wagen, in der Schankstube, im provisorischen Haus, auf der Chaussee und auf der Halde. Das Amt antwortete mit seinem grundlegenden Werkzeug: der Vorschrift.

↑ nach oben

Kinder im Schatten der Öfen

Zwei ärmlich gekleidete Kinder stehen an Kanälen und Gebäuden einer Zinkhütte in einer kühlen Stadtlandschaft.
Der Kreisphysikus Dr. Heer beschrieb Kinder, die in der Nähe von Hüttenkanälen und Schlackenhalden Wärme suchten.

Das dunkelste Bild dieses Wandels stammt nicht aus dem Bericht über ein Grubenunglück. Es findet sich in einem Bericht des Kreisphysikus Dr. Heer, der in der Beilage zu Nr. 9 des „Beuthner Kreisblatts“ vom 26. Februar 1858 erschien.

Heer schrieb über obdachlose und bettelnde Kinder, die in schmutzige Lumpen gehüllt nachts ein „schauerliches und gefährliches Lager“ in der glimmenden Asche der im Text als Zinkhüttenröschen bezeichneten Hüttenkanäle suchten.24

Bericht Dr. Heers • Beilage zu Nr. 9/1858

„Nachts ein schauerliches und gefährliches Lager in der glimmenden Asche…”

Nachts suchten sie „ein schauerliches und gefährliches Lager“ in der glimmenden Asche.

Das war kein allgemeiner moralischer Appell. Der Arzt erwähnte ein zehnjähriges Mädchen, an dessen Sterbelager er erst vor kurzem gestanden hatte. Während es in der Asche einer Zinkhütte schlief, hatten seine Kleider Feuer gefangen. Der Bericht nannte auch Kinder, die in Hüttenkanälen und auf Schlackenhalden starben oder tödliche Verletzungen erlitten.

Ein stärkeres Symbol der Epoche ist kaum denkbar. In derselben Landschaft konnte eine neue Maschine zweihundert Pferdestärken besitzen, während ein Kind keinen sicheren Schlafplatz hatte.

Die Antwort bestand in Aufrufen, Sammlungen und ersten Einrichtungen. Bereits 1854 arbeitete in Beuthen ein Komitee für die Gründung eines städtischen Waisenhauses. Der Stadtverordnete Karl Lukas und Dr. Meiselbach engagierten sich, während der Kaufmann Mannheimer das Vorhaben testamentarisch unterstützte.25 Im Jahr 1857 lief eine Aktion zugunsten eines Waisenhauses für den gesamten Kreis.

Im Mai 1858 wies der Landrat die örtlichen Behörden an, die Einwohner über die Eröffnung einer Einrichtung zu unterrichten, und betonte, selbst die kleinste Gabe werde dankbar angenommen.26 Die Bekanntmachung betraf das von Pfarrer Leopold Markiefka in Bogutschütz gegründete Waisenhaus. Dort lebten dreizehn Waisen unter der Obhut von vier Ordensschwestern; die Einwohner wurden nicht nur um Geld, sondern auch um Kartoffeln, Erbsen und Mehl gebeten.

Eine öffentliche Kinderfürsorge war das noch nicht. Das Schicksal der Kinder hing von Geistlichen, Ordensschwestern, Spendern, Kassen, Komitees und Arbeitgebern ab. Doch das Verständnis des Problems veränderte sich. Ein Waisenkind war nicht mehr ausschließlich Angelegenheit seines Heimatdorfes. Es wurde zur Verantwortung des gesamten Kreises.

Der rasante industrielle Aufschwung verschärfte Probleme, mit denen die alten Formen der Fürsorge nicht fertigwurden, und zwang Staat, Kirche, Unternehmer und Einwohner zur Schaffung neuer Hilfsformen. Nicht weil die Epoche plötzlich milder geworden wäre, sondern weil sich ihre Folgen nicht länger übersehen ließen.

↑ nach oben

„Morgendämmerung“ und ihr Schatten

Józef Szafranek schreibt an einem Schreibtisch, während hinter dem Fenster die Sonne über der Industrielandschaft Beuthens aufgeht.
Im Jahr 1856 bezeichnete Józef Szafranek das damalige industrielle Leben des Kreises erst als „Morgendämmerung“.

In Nr. 36 des „Beuthner Kreisblatts“ vom 5. September 1856 erschien ein Aufruf mit dem Titel Literarische Bitte. Sein Verfasser war der Beuthener Pfarrer Józef Szafranek, der in der damaligen Schreibweise mit Schaffraneck, Pfarrer unterzeichnete.27

Szafranek teilte mit, er arbeite an einer Chronik oder ausführlicheren Geschichte des Ober-Beuthener Kreises. Die Materialien aus den Archiven der Stadt und der St. Marien-Pfarrkirche reichten nicht aus, um die Geschichte der zahlreichen Ortschaften darzustellen. Deshalb bat er um die Zusendung von Dokumenten, Urkunden, Notizen, Nachrichten, Sagen, Traditionen und allem, was als Quelle dienen konnte.

Er wandte sich an Grundherren und Gutsverwaltungen, Wirtschaftsämter, Bergwerksgewerkschaften, Stadt- und Landgemeinden, Polizeiverwaltungen, Gemeindeschreiber, Geistliche, Lehrer und die ältesten Einwohner. Selbst die zuverlässige Darstellung des kleinsten Ereignisses könne dem Historiker helfen, alte Unklarheiten aufzuhellen.

Der eindringlichste Satz galt jedoch der Gegenwart:

„Sein industrielles Leben der Gegenwart ist eigentlich erst die Morgendämmerung.”

Das industrielle Leben des Kreises war nach Szafraneck erst die Morgendämmerung. Die „Mittagshöhe“ und das voll entfaltete Blüteleben sollten erst künftige Generationen erleben.

Die Metapher war treffend. Das Morgenlicht fiel auf Schächte, Schornsteine, Eisenbahnen, Walzwerke und Hütten. Es kündigte Reichtum, neue Städte und technischen Fortschritt an. Doch jedes scharfe Licht wirft einen Schatten.

Im Schatten blieben Menschen ohne Papiere, ohne feste Wohnung und ohne eine Gemeinde, die bereit war, für ihre Behandlung zu zahlen. Kinder schliefen in der glimmenden Asche von Zinkhütten. Kranke wurden über Ortsgrenzen geschleppt. Rückständige Steuern konnten vom Lohn abgezogen werden, und Menschen unter Polizeiaufsicht wurden für ihre Nachtschicht bestraft.

Wo Wohnungen fehlten, entstanden Erdhütten. Wo die Kriminalität zunahm, wurden Patrouillen organisiert. Wo eine Seuche ausbrach, schloss man Haus, Markt oder Grenze.

Tieschowitz besiegte das Chaos nicht. Er konnte weder die Wanderungsbewegungen stoppen noch die Armut beseitigen oder jede Seuche voraussehen. Gemeinsam mit dem Staatsapparat schuf er jedoch Instrumente, mit denen ein Problem benannt, gezählt, in eine Tabelle eingetragen, einer Vorschrift unterworfen und manchmal auch gemildert werden konnte.

Darin liegt der besondere Wert des „Beuthner Kreisblatts“. Das Blatt zeigt die industrielle Revolution nicht aus der Perspektive eines Denkmals oder einer späteren Legende. Es zeigt sie Woche für Woche, als niemand ihren Ausgang kannte. In einer Ausgabe entsteht eine Maschine, in einer anderen sucht der Landrat ein Zimmer für einen obdachlosen Kranken, in der nächsten schließt er einen Viehmarkt, verlangt ein Arbeiterregister oder veröffentlicht den Bericht über ein Kind, das in der Asche einer Zinkhütte schlief.

Die heutige Lektüre des Blatts ist in gewisser Weise eine Antwort auf Szafranecks Aufruf. Aus verstreuten Anzeigen, Tabellen und Verordnungen setzen wir die Geschichte des Kreises erneut zusammen – nicht nur die Geschichte seiner großen Werke, sondern auch die Geschichte der Menschen, die in ihrem Schatten lebten.

↑ nach oben

Epilog: „Glück auf!“ – Wachwechsel

Zwei Beamte sitzen sich an einem Schreibtisch gegenüber und übergeben ein Dokument in einer Amtsstube des 19. Jahrhunderts.
Der Wachwechsel im Beuthener Landratsamt war symbolisch: Ein neuer Mann übernahm das Amt, nicht aber ein Ende des administrativen Kampfes mit dem Chaos.

Noch im Februar 1860 unterzeichnete Adolph von Tieschowitz Schriftstücke als Landrat. Wenige Wochen später endete seine zwanzigjährige Amtszeit.

In Nr. 12 des „Beuthner Kreisblatts“ vom 23. März veröffentlichte er seinen Abschied von den Einwohnern des Kreises. Er wechselte auf den Posten des Direktors der Landschaft für die oberschlesischen Fürstentümer – einer ständischen Kreditanstalt der Grundbesitzer – und schloss seinen Aufruf mit dem bergmännischen Gruß:28

Glück auf!

Im Sommer wurden im Beuthener Rathaus königliche Ehrengeschenke für den früheren Landrat öffentlich ausgestellt. Die kommissarische Leitung des Kreises übernahm Hugo Solger, der seit 1858 als Regierungsassessor im Beuthener Landratsamt tätig gewesen war. Im Oktober 1860 wurde er endgültig zum Landrat ernannt. Auch er beendete seinen Aufruf mit den Worten „Glück auf!“. 28

Tieschowitz verabschiedet sichNach zwanzig Jahren beendet er seinen Aufruf mit „Glück auf!“.
Ehrengeschenke im RathausDie Einwohner können die königlichen Geschenke für den ehemaligen Landrat besichtigen.
Solger übernimmt das AmtDer neue Landrat übernimmt das Amt und denselben bergmännischen Gruß.

Der Mann wechselte, die Aufgabe blieb ähnlich. Der Jahrgang 1860 zeigt jedoch, dass das Amt zunehmend vom Reagieren auf einzelne Krisen zum Aufbau dauerhafter Lösungen überging.

Gemeindeschreiber und örtliche Beamte wurden zu Schulungen über die Form der Schriftstücke und den Aktenlauf nach Beuthen gerufen. Das Landratsamt empfahl zudem den Kauf des auf Polnisch erschienenen „Poradnik dla Sołtysów i Włościan górno-szlązkich“ – eines Ratgebers für Schulzen und oberschlesische Landbewohner – des Lehrers Reszka aus Kokottek. Das Werk sollte polnischsprachigen Mitgliedern der örtlichen Verwaltung die Anwendung preußischer Vorschriften erleichtern.29

Die Entwicklung Lipines führte zur Bildung eines eigenen Polizeibezirks. Zugleich verschärfte man die Kontrolle von Zuwanderern aus dem Königreich Polen: Es wurden kostenpflichtige, drei Jahre gültige Aufenthaltskarten eingeführt, Passkontrollen durchgeführt und Abschiebungen von Personen ohne die erforderlichen Dokumente angekündigt. Die Arbeitererfassung von 1856 wurde Bestandteil eines dauerhaften Überwachungssystems.30

Gleichzeitig liefen große Bestandsaufnahmen. Das Amt wollte wissen, wie viele alte Bauernwirtschaften seit 1816 in kleine Stellen und Parzellen – Kleinstellen – zerfallen waren. Verzeichnisse von Fabriken, Zechen, Aktiengesellschaften und Maschinen wurden angelegt. Die eine Tabelle beschrieb die Zersplitterung der alten bäuerlichen Welt, die andere das Wachstum der neuen Industriewelt.31

Die sozialen Probleme verschwanden nicht. Im November berief Solger Bürger Beuthens ein, um einen gesellschaftlichen Hilfsverein für Arme zu gründen. Die Initiative sollte unzureichende kommunale Mittel durch private Wohltätigkeit und Selbstorganisation der Einwohner ergänzen.32

Im März verabschiedete sich Tieschowitz mit den Worten „Glück auf!“ vom Kreis. Im Herbst verwendete Solger denselben Gruß bei seinem Amtsantritt. Es war ein symbolischer Wachwechsel. Die Verwaltung versuchte nicht länger nur einzelne Brände zu löschen. Sie schuf ein Netz aus Registern, Weisungen, Kontrollen und spezialisierten Einrichtungen.

Das Chaos wurde nicht besiegt.

Es wurde jedoch benannt, in Rubriken aufgeteilt und Beamten anvertraut, die es messen, beschreiben und beaufsichtigen sollten.

Glück auf!

↑ nach oben
Quellen und Literatur

Hauptquelle

  1. „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgänge 1853–1860, ausgewählte Ausgaben und Beilagen, Digitalisate in den Beständen der Schlesischen Digitalen Bibliothek, Sign. 352680 III. Im Untersuchungszeitraum lautete der Titel „Beuthner Kreisblatt“; die Form „Beuthener Kreisblatt“ wurde erst 1872 eingeführt.

Wichtigste im Artikel verwendete Ausgaben

  1. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 18 vom 4. Mai 1855, Pos. 102 – Zurücklassen Schwerkranker ohne Hilfe und Verschleppen über Ortsgrenzen.
  2. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 32 vom 4. August 1855, Pos. 181 – Abzug rückständiger Steuern vom Arbeitslohn.
  3. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 33–34 vom August 1855, darunter Nr. 34, Pos. 203 – Registrierung von Cholerafällen und Räume für obdachlose Kranke.
  4. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 4 vom 25. Januar 1856, Pos. 15 – Erfassung des Zu- und Abzugs von Arbeitern und Pflichten der Schulzen.
  5. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 36 vom 5. September 1856, Beilage – Józef Szafranek, Literarische Bitte, datiert auf den 28. August 1856.
  6. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 45 vom 7. November 1856, Pos. 313 – Einkommen ländlicher Hebammen und Folgen schwerer Feldarbeit.
  7. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 30 vom 24. Juli 1857, Pos. 195 – Nachtschichten von Arbeitern unter Polizeiaufsicht.
  8. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 31 vom 31. Juli 1857, Pos. 207 – Erdhütten und andere provisorische Wohnbauten.
  9. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 3 vom 15. Januar 1858, Pos. 22 – Verzeichnisse der Arbeiter-Familienhäuser.
  10. Beilage zu „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 9 vom 26. Februar 1858 – Bericht des Kreisphysikus Dr. Heer über obdachlose Kinder in Zinkhüttenröschen und auf Schlackenhalden.
  11. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 22 vom 28. Mai 1858 – Spendenaufruf für eine neu eröffnete Fürsorgeeinrichtung.
  12. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 12 vom 23. März 1860, Bekanntmachung Nr. 93 – Abschied Adolph von Tieschowitz.
  13. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 41 vom 12. Oktober 1860, Bekanntmachung Nr. 305 – Aufruf Hugo Solgers nach seiner Ernennung zum Landrat.

Darstellungen und Vergleichsquellen

  1. Gramer, Franz: Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Beuthen O.S. 1863.
  2. Solger, Hugo: Der Kreis Beuthen in Oberschlesien mit besonderer Berücksichtigung der durch Bergbau und Hüttenbetrieb in ihm hervorgerufenen eigenthümlichen Arbeiter- und Gemeinde-Verhältnisse. Mit Benutzung amtlicher Quellen geschildert, Breslau: Wilhelm Gottlieb Korn, 1860.
  3. Stodolka, Franz: Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Nachkriegsausarbeitung.
  4. Wecker, Luise: Darstellung der Geschichte von Roßberg, 1971.
Quellennachweise

  1. F. Stodolka, Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Schilderung der Verhältnisse in Beuthen 1855, nach der späteren Darstellung Hugo Solgers.↩︎

  2. F. Gramer, Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, S. 213.↩︎

  3. Ebd., Teil II, S. 264.↩︎

  4. Ebd., S. 235.↩︎

  5. „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgang 1858, Konzessionsanzeige über eine Wasserhaltungsmaschine von 260 PS auf dem Grundmannschacht der Florentine-Grube in Ober-Lagiewnik.↩︎

  6. F. Gramer, Chronik der Stadt Beuthen in Oberschlesien, S. 213 und 222 – Joseph Proske und Adolf Manderle; „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 12 vom 23. März 1860, Pos. 93 – Abschied von Tieschowitz nach zwanzigjähriger Amtszeit.↩︎

  7. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 47 vom 23. November 1855, Pos. 271 – Volkszählung von Haus zu Haus; Jahrgang 1857 – Zusammenstellungen der Betriebe und Beschäftigten, unterschieden nach ständigen und nichtständigen Arbeitern sowie Frauen und Kindern.↩︎

  8. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 3 vom 15. Januar 1858, Pos. 22.↩︎

  9. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 32 vom 4. August 1855, Pos. 181; Verfügung über Steuerabzüge vom Arbeitslohn, Quittierung und Weitergabe an den Ortsteuererheber.↩︎

  10. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 17 von 1853 – Kontrolle auswärtiger Arbeiter auf Baustellen, ihrer Legitimationspapiere und ihrer Beschäftigung durch Meister und Bauleiter.↩︎

  11. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 4 vom 25. Januar 1856, Pos. 15.↩︎

  12. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 18 vom 4. Mai 1855, Pos. 102.↩︎

  13. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 45 vom 7. November 1856, Pos. 313.↩︎

  14. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 49–51 von 1855 – Ausschreibungen für Knappschaftslazarette in Zabrze und Myslowitz; Jahrgang 1858 – Kesselhaus, Wasserleitung und Dampfküche des Knappschaftslazaretts in Zabrze.↩︎

  15. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 32–34 vom August 1855; Nr. 34 vom 22. August, Pos. 203 – Registrierung von Cholerafällen und Einrichtung von Räumen für obdachlose Kranke; frühere Bekanntmachungen nannten Michalkowitz als einen Seuchenherd.↩︎

  16. L. Wecker, Darstellung der Geschichte Roßbergs, Hinweis auf den militärischen Grenzkordon vom Februar 1856; vgl. auch „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 38 und 42 von 1855 – Beschränkungen im Zusammenhang mit der Rinderpest.↩︎

  17. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 31 vom 31. Juli 1857, Pos. 207.↩︎

  18. „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgang 1857 – Verfügungen über gemeindliche Nachtwachen und die Kontrolle ihrer Durchführung durch die Gendarmerie.↩︎

  19. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 30 vom 24. Juli 1857, Pos. 195.↩︎

  20. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 35 von 1855 – Sicherheitsvorschriften für fahrbare Lokomobilen; Jahrgänge 1853–1859 – Verfügungen über Lagerung und Transport von Sprengstoffen.↩︎

  21. „Beuthner Kreisblatt“, Dezember 1857 – Einteilung des Kreises in Schornsteinfegerbezirke und Häufigkeit der Schornsteinreinigung; Nr. 21 von 1858 – jährliche Kontrolle der Blitzableiter auf öffentlichen Gebäuden.↩︎

  22. „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgänge 1858–1859 – Verfügungen über die Bekämpfung von Feldmäusen, den Schutz von Singvögeln, Kennzeichnung und Anbinden von Hunden bei Tollwutgefahr sowie die Ordnung in Schankwirtschaften und bei Tanzvergnügungen.↩︎

  23. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 43 von 1859, Pos. 311 – Verbot der Lohnauszahlung während der Sonn- und Feiertagsgottesdienste.↩︎

  24. Beilage zu „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 9 vom 26. Februar 1858, Bericht des königlichen Kreisphysikus Dr. Heer vom 17. Februar 1858; die Quelle nennt Kinder, die in der glimmenden Asche der Zinkhüttenröschen und auf Schlackenhalden übernachteten.↩︎

  25. F. Stodolka, Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Hinweis auf das Komitee für ein städtisches Waisenhaus und Mannheimers Vermächtnis; „Beuthner Kreisblatt“, Jahrgang 1857 – Aufrufe und Berichte über die Sammlung für ein Waisenhaus des Kreises.↩︎

  26. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 22 vom 28. Mai 1858, Bekanntmachung vor Pos. 144 – Spendenaufruf für eine neu eröffnete Einrichtung; der vollständige Zusammenhang des Jahrgangs verweist auf das Waisenhaus Pfarrer Leopold Markiefkas in Bogutschütz mit dreizehn Kindern und vier Ordensschwestern.↩︎

  27. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 36 vom 5. September 1856, Beilage, S. 242–243; Literarische Bitte, datiert: Beuthen O/S., 28. August 1856, unterzeichnet: „Schaffraneck, Pfarrer“.↩︎

  28. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 12 vom 23. März 1860, Pos. 93 – Abschied von Tieschowitz; Nr. 30 vom 27. Juli 1860 – Ausstellung königlicher Ehrengeschenke; Nr. 41 vom 12. Oktober 1860, Pos. 305 – Aufruf Hugo Solgers nach seiner endgültigen Ernennung zum Landrat. Solger war seit 1858 Regierungsassessor im Beuthener Landratsamt.↩︎

  29. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 18 und 21 von 1860 – Schulungen für Gemeindeschreiber und Beamte; Nr. 41 von 1860 – Empfehlung des polnischsprachigen Poradnik dla Sołtysów i Włościan górno-szlązkich des Lehrers Reszka aus Kokottek.↩︎

  30. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 26 von 1860 – Bildung des Polizeibezirks Lipine; Nr. 30 und 49 von 1860 – Aufenthaltskarten, Passkontrolle und Ausweisung von Zuwanderern ohne Dokumente.↩︎

  31. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 29 von 1860 – Verzeichnis der seit 1816 in Kleinstellen zersplitterten Wirtschaften; Nr. 33 von 1860 – Bestandsaufnahme der Aktiengesellschaften, Fabriken und Zechen.↩︎

  32. „Beuthner Kreisblatt“ Nr. 47 von 1860 – Aufruf zur Gründung eines gesellschaftlichen Vereins zur Unterstützung der Armen in Beuthen.↩︎

0
0

Read more

Ratusz w Szombierkach przed 1945 rokiem – Ratusz w cieniu kopalni

Das Rathaus im Schatten der Zeche

Reihe: Gemeinde, Amt, Macht

Das Rathaus im Schatten der Zeche

Wie Schomberg vor 1945 verwaltet wurde – eine selbständige Gemeinde zwischen Bevölkerung, Schaffgotsch-Konzern, Nationalsozialismus und Krieg

Schomberg / Szombierki Gemeindeverwaltung Zeche und Selbstverwaltung 1919–1945

Im Schomberger Rathaus wurde keine Kohle gefördert, doch fast jede größere Entscheidung der Verwaltung begann unter Tage. Die Grubenbaue bestimmten mit, wo gebaut werden durfte. Der Schaffgotsch-Konzern verfügte über Betriebe, Wohnungen und Grundstücke, ohne die sich selbst ein gewöhnliches kommunales Problem nur schwer lösen ließ.

Vor 1945 war Schomberg noch kein Stadtteil von Beuthen. Der Ort bildete eine große Industriegemeinde mit eigenem Rathaus, eigener Leitung und einem umfangreichen Verwaltungsapparat. Das Amt führte Gemeindekasse, Steuerwesen, Standesamt, Sozialfürsorge, Gemeindebetriebe und die technische Versorgung des Ortes.

Es handelt sich daher nicht nur um eine Geschichte wechselnder deutscher Amtsträger. Es ist die Geschichte eines Ortes, seiner Institutionen und seiner Probleme, die mit dem politischen Umbruch von 1945 nicht einfach verschwanden.

Historische Ansicht des Rathauses im industriell geprägten Schomberg
Das Rathaus war das Zentrum der Verwaltung einer selbständigen Gemeinde, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gruben und Betrieben des Schaffgotsch-Konzerns lag.

Bevor Schomberg zum Stadtteil wurde

Aus heutiger Sicht wird die Geschichte Schombergs leicht der Geschichte Beuthens untergeordnet. Während eines großen Teils der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Ort jedoch eine eigenständige Gemeinde mit eigenen Behörden, eigenem Haushalt und eigener Verwaltung.

Eine ausführlichere Darstellung des alten Dorfes, seiner Bewohner und seines Wandels zum Industrieort bietet der Artikel „Szombierki, jakich już nie ma. Dawna wieś, kopalnia i koniec starego świata“ (Artikel auf Polnisch).

Bis 1945 lag die Gemeinde innerhalb der Grenzen Deutschlands. Die Amtssprache war Deutsch, und die leitenden Ämter trugen Bezeichnungen wie Gemeindevorsteher, Gemeindeschulze oder Bürgermeister. Verwaltet wurde jedoch eine konkrete oberschlesische Gemeinschaft mit vielschichtigen sprachlichen, regionalen und nationalen Identitäten.

In den Registern wurden Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle verzeichnet. Aus der Gemeindekasse finanzierte man Schulen, Straßen, Beleuchtung und Sozialfürsorge. Im Rathaus wurden Steuerfragen, Genehmigungen und Beschwerden bearbeitet – unabhängig davon, welche Sprache die Einwohner zu Hause verwendeten.

Schomberg war dabei in einem heute nur schwer vorstellbaren Maß vom Bergbau geprägt. Die Zeche war nicht nur einer von vielen Arbeitgebern. Sie beeinflusste Raumentwicklung, Bebauung, Beschäftigung und den Alltag der meisten Familien.

Kurze Chronologie der Gemeindeleitung anzeigen
bis 1918

Anton Schigulski – Gemeindevorsteher.

1918 – 29. Januar 1919

Übergangsverwaltung; die Namen sind bislang unbekannt.

1919–1929/1930

Gerhard Enger – Amts- und Gemeindevorsteher.

1930 – etwa 1933/1934

Dr. Hans Kuhna – Bürgermeister.

1934

Morczinek – als Gemeindeschulze belegt.

März 1937

Walter Hauptmann – als Bürgermeister belegt.

15. Oktober 1937 – 14. November 1939

Paul Gloger – Amtsvorsteher und Bürgermeister.

21. November 1939 – Mitte September 1941

Joseph Lison – Bürgermeister oder Leiter der Gemeinde.

Herbst 1941 – 19. Februar 1942

Die Person an der Spitze der Gemeinde ist nicht geklärt.

20. Februar 1942 – 15. Januar 1945

Reinhold Mandrella – Bürgermeister; Josef Bursig als Stellvertreter.

Selbstverwaltung unter Tage

Gerhard Enger übernahm am 29. Januar 1919 die Leitung von Amt und Gemeinde. Schomberg kam damals aus Krieg, Revolution und dem Zerfall der alten kaiserlichen Ordnung. Bald folgten die oberschlesischen Aufstände, die Volksabstimmung, Wirtschaftskrise und Inflation.

Eine nach dem Krieg entstandene Quelle berichtet, Enger habe zuvor das Standesamt in Klausberg geleitet. Wann und wie lange er diese Funktion ausübte, wird dort allerdings nicht angegeben.

Wichtiger als die Einzelheiten seiner Biografie ist, womit sich die Gemeinde befasste. Schulräume wurden renoviert, in der Knabenschule eine Zentralheizung eingebaut, der Schulhof geordnet, die Beleuchtung in Richtung Beuthen modernisiert und Arbeiten an der Abwasserreinigung durchgeführt.

Das waren keine Vorhaben, die nach einem monumentalen Denkmal verlangten. Gerade aus solchen Entscheidungen bestand jedoch die Verwaltung eines Ortes, der rund um die Zeche rasch wuchs.

Die Geschichte des Betriebes, der Raum, Beschäftigung und Sozialstruktur des Ortes prägte, schildert ein eigener Artikel: „Hohenzollerngrube / KWK Szombierki — Żelazny gigant, który wchłonął Szombierki“ (Artikel auf Polnisch).

1929 wurde Enger einstimmig erneut zum Gemeindevorsteher gewählt. Die Wahl bedurfte noch der Bestätigung durch die Aufsichtsbehörde – ein Hinweis darauf, dass die örtliche Selbstverwaltung nicht völlig unabhängig von Landkreis und Staat war.

Auf einer Aufnahme der Freiwilligen Feuerwehr steht Enger neben dem Gemeindesekretär Dull, dem Gemeindeelektriker Glenz und weiteren Vertretern der örtlichen Gemeinschaft. Ein älteres Bild derselben Organisation zeigt Anton Schigulski, den 1918 verstorbenen Gemeindevorsteher.

1930 übernahm Dr. Hans Kuhna das Amt. Der Jurist hatte zuvor für die Verwaltung der Schaffgotsch-Gruben gearbeitet. Diese Erfahrung passte zu den örtlichen Verhältnissen. Größere Investitionen erforderten nicht nur Geld, sondern auch Vereinbarungen mit dem Eigentümer von Flächen, Gebäuden und unterirdischen Grubenbauen.

Noch deutlicher zeigte sich die Abhängigkeit vom Konzern während der Amtszeit Paul Glogers. Bergschäden begrenzten die Baumöglichkeiten, und die Gemeinde konnte ihre Entwicklung nur innerhalb des durch den Bergbau gesetzten Rahmens planen.

Ein gutes Beispiel war die Lage von 25 Familien, die in baufälligen Baracken lebten. Die Gemeinde verfügte weder über ausreichende Mittel noch über genügend Wohnungen, um das Problem allein zu lösen. Nach Glogers späterer Darstellung verhandelte er mit der Direktion von Schaffgotsch; die Familien sollten daraufhin Wohnungen in einer Nachbargemeinde erhalten.

Die Gemeinde konnte die Einwohner vertreten und verhandeln, besaß aber keine vollständige Kontrolle über Bebauung, Wohnraum und die räumliche Entwicklung des Ortes.

Genau darin bestand das Leben des Rathauses im Schatten der Zeche.

Als die Partei ins Rathaus einzog

Die 1930er Jahre brachten einen tieferen Wandel als den bloßen Austausch eines Gemeindeleiters. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die kommunale Selbstverwaltung schrittweise Staat und NSDAP untergeordnet.

Aus späteren Erinnerungen geht hervor, dass Hans Kuhna der Partei nicht angehörte. Sein Konflikt mit einem der NSDAP verbundenen Kirchenrendanten soll als Vorwand für seine Entfernung aus dem Amt gedient haben. Eine Absetzungsurkunde wurde bislang nicht gefunden; fest steht jedoch, dass Kuhna Schomberg vor 1934 nicht mehr leitete.

1934 stand Morczinek an der Spitze der Gemeinde. Die Presse bezeichnete ihn als Gemeindeschulze und Parteigenossen. Er befasste sich weiterhin mit gewöhnlichen Verwaltungsfragen: Steuern, Kreisumlagen, der Zusammensetzung der Gemeindevertretung und den Regeln für Gaststätten.

Zugleich war er im Bund Deutscher Osten tätig, einer nationalpolitischen und propagandistischen Organisation. Amtliche Funktion und ideologische Aktivität begannen ineinanderzugreifen.

Im März 1937 amtierte Walter Hauptmann als Bürgermeister von Schomberg. Seine spätere Laufbahn führte durch den Apparat der NSDAP, propagandistische Tätigkeit und das Amt des Kreisleiters in Beuthen. Das Schomberger Rathaus wurde zu einer Station seines politischen Aufstiegs.

Familienanzeige, in der Walter Hauptmann 1937 als Bürgermeister von Schomberg genannt wird
Anzeige zur Geburt von Dietlind Ingwalde Hauptmann, veröffentlicht in „Der Oberschlesische Wanderer“, 109. Jahrgang, Nr. 79 von 1937. Walter Hauptmann wird darin als Bürgermeister von Schomberg genannt.

Das Rathaus hörte deshalb nicht auf, sich mit Schulen, Steuern, Sozialfürsorge und Infrastruktur zu befassen. Verändert hatte sich jedoch der politische Rahmen der Entscheidungen. Die Verwaltung wurde in die Diktatur eingegliedert, und ein Amtsträger konnte zugleich Leiter einer lokalen Institution und Funktionär des Parteiapparates sein.

Auch Paul Gloger, der Schomberg ab Oktober 1937 leitete, gehörte der NSDAP an. Die erhaltenen Berichte zeigen ihn vor allem bei Finanz-, Investitions- und Wohnungsfragen; sein Amt arbeitete jedoch bereits innerhalb des nationalsozialistischen Staates.

Der Krieg erreicht das Rathaus

Im September 1939 traten neben die gewöhnlichen kommunalen Aufgaben die unmittelbaren Folgen des Krieges: Beschussgefahr, Truppenbewegungen, Unruhe unter den Einwohnern und die Notwendigkeit, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

Gloger erinnerte sich an eine nächtliche Fahrt mit dem Polizeikommandanten in ein gefährdetes Gebiet und an den Versuch, Einwohner zu beruhigen, die sich auf das Verlassen des Ortes vorbereiteten. Wenige Wochen später wurde er nach Klausberg versetzt.

Vom 21. November 1939 an leitete Joseph Lison Schomberg. Eine Nachkriegsquelle bezeichnet ihn als Kriegsgeschäftsführer des Studentenbundes. Er blieb bis Mitte September 1941 im Amt.

Nach seinem Ausscheiden folgt eine mehrmonatige Lücke. Es ist nicht geklärt, wer die Gemeinde bis Februar 1942 formal leitete. Eine größere Rolle könnte Josef Pius Bursig gespielt haben; in den bislang gefundenen Unterlagen wird er jedoch nicht als kommissarischer Bürgermeister bezeichnet.

Bursig betrieb in Schomberg eine Bäckerei. 1926 wurde er Gemeinderat, drei Jahre später Gemeindeschöffe und 1942 erscheint er bereits als stellvertretender Bürgermeister. Er war weder Jurist des Konzerns noch ein von außen entsandter Funktionär. Über viele Jahre durchlief er mehrere Stufen der örtlichen Selbstverwaltung.

Am 20. Februar 1942 überreichte Bursig Reinhold Mandrella die Ernennungsurkunde. Der neue Bürgermeister leitete die Gemeinde bis zum 15. Januar 1945.

Über seine konkreten Entscheidungen ist wenig bekannt. Das Amt führte jedoch weiterhin Register, erhob Steuern, betreute Einwohner und verwaltete Sozialfürsorge sowie Infrastruktur. Der Krieg hob die alltägliche Verwaltung nicht auf. Er vergrößerte vielmehr die Zahl der Vorschriften und Weisungen von oben.

Ein gutes Beispiel für diese Kontinuität ist Günter Sandler. Im Januar 1940 begann er im Schomberger Rathaus seine Ausbildung zum künftigen Verwaltungsbeamten. Er beendete sie im Juli 1942, als Mandrella bereits an der Spitze der Gemeinde stand.

In dieser Zeit wechselten die Leiter der Gemeinde, während der Krieg immer weitere Länder erfasste. Der angehende Beamte lernte dennoch weiterhin Aktenführung und Verwaltungsverfahren.

In den bislang zusammengetragenen Materialien wurde kein Dokument gefunden, das im Januar 1945 eine geordnete Übergabe des Amtes zeigt. Die bekannte Überlieferung schildert vielmehr den Zerfall der Verwaltung unter den Bedingungen der heranrückenden Front.

Fortsetzung der Geschichte Schomberg 1945: Die Tragödie der Einwohner und das Ende einer Epoche Der Einmarsch der Roten Armee, zivile Opfer, der Brand des Schlosses, die Deportation von Bergleuten, das Schicksal der Frauen und die kurze verwaltungsgeschichtliche Episode des Namens „Chruszczów“. Artikel auf Polnisch.

Die Menschen hinter den Schaltern

Verwaltungsgeschichte wird leicht zu einer Liste von Bürgermeistern. Ein Amt funktionierte jedoch nicht allein durch den Mann im repräsentativen Dienstzimmer.

Den besten Beleg liefert eine Aufnahme des Personals der Gemeindeverwaltung Schomberg, die wahrscheinlich zwischen 1937 und 1939 entstand. Vor der Kamera stehen fast dreißig Menschen, die gemeinsam den alltäglichen Verwaltungsapparat der Gemeinde bildeten.

Personal der Gemeindeverwaltung Schomberg mit Bürgermeister Paul Gloger, 1937 bis 1939
Das Personal der Gemeindeverwaltung Schomberg mit Paul Gloger, wahrscheinlich zwischen 1937 und 1939. Veröffentlicht wurde die Aufnahme im Oktober 1977.
Finanzen Gemeindekasse, Steuern, Verwaltungsvollstreckung und Rechnungsprüfung.
Angelegenheiten der Einwohner Standesamt, Hauptamt, Registratur und Fernsprechvermittlung.
Sozialfürsorge Sozialamt, Fürsorgerinnen und Unterstützung von Arbeiterfamilien.
Kommunalwirtschaft Gemeindebetriebe, Wirtschaftsamt und örtliche Dienstleistungen.
Infrastruktur Elektrizität, Rohrnetz, Schulgebäude und technische Anlagen.
Leitung Der Gemeindeleiter entschied, doch das Fachpersonal hielt die Abläufe aufrecht.

Josef Müller bekleidete als Gemeindeoberinspektor eine hohe Stellung in der Verwaltung. Ein Nachruf schilderte ihn als einen den Einwohnern gut bekannten und um die Gemeinde verdienten Beamten, nannte jedoch keine konkreten Leistungen.

Helene Nowak, geborene Heiduk, arbeitete in der Gemeindeverwaltung und verfügte über umfassende Kenntnisse der Schomberger Sozialarbeit. Sehr wahrscheinlich ist sie mit Helene Heiduck auf der Personalaufnahme identisch.

Josef Glenz arbeitete als Elektromeister. Wahrscheinlich handelt es sich um dieselbe Person, die auf der älteren Feuerwehrfotografie als Gemeindeelektriker Glenz bezeichnet wird. Damit wäre er ein Beispiel für die Kontinuität des technischen Personals trotz wechselnder Leitung.

Ein Teil der Verwaltungsmitarbeiter engagierte sich auch in örtlichen Organisationen. Auf Feuerwehrfotografien erscheinen neben den Gemeindeleitern der Sekretär Dull und der Elektriker Glenz. Die Gemeinde unterstützte außerdem lokale Vereine, darunter den Turn- und Spielverein Schomberg 06.

Personenverzeichnis zur Aufnahme anzeigen

Die Funktionen folgen der im Oktober 1977 veröffentlichten Bildlegende. Die Datierung auf 1937–1939 ergibt sich aus der Anwesenheit Paul Glogers.

  • Günter SchyskaGemeindekasse.
  • Rudolf GriskoWirtschaftsamt.
  • Walter SwobodaFunktion nicht angegeben.
  • Johannes „Hans“ BulkaStandesamt.
  • Paul GlogerBürgermeister.
  • Konrad KochanowskiHauptamt.
  • Rudolf MeierSozialamt.
  • Josef GlenzElektromeister.
  • Fräulein BoenischWirtschaftsamt.
  • Fräulein StrauchFunktion nicht angegeben.
  • Helene ImmischVorzimmer des Bürgermeisters.
  • Nicht identifizierte PersonZweite Reihe.
  • Liesel ImmischSozialamt.
  • Martha SchneiderRegistratur und Fernsprechvermittlung.
  • Klara KnappeFürsorgerin.
  • Helene HeiduckWahrscheinlich die spätere Helene Nowak.
  • Josef RollikRohrmeister.
  • Agnes TeichmannWirtschaftsbetriebe.
  • August GratzaSteuern.
  • Georg DrabantSozialamt.
  • Reinhold BregullaFunktion nicht angegeben.
  • Karl MüllerWirtschaftsamt.
  • Anton WoschSchulhausmeister.
  • August MrutzekVollziehungsbeamter.
  • Nicht identifizierte PersonDritte Reihe.
  • Eberhard DornRechnungsprüfungsamt.
  • TobisGemeindekasse; Vorname nicht ermittelt.

Was nach 1945 blieb

Im Januar 1945 endete die Geschichte der deutschen Verwaltung Schombergs. Nicht beendet waren damit die Geschichte des Ortes und seine alltäglichen Bedürfnisse.

Die polnische Verwaltung nahm ihre Tätigkeit in einem Ort auf, der über Rathaus, Schulen, Straßen, kommunale Netze und eine über Jahrzehnte gewachsene Bebauung verfügte. Zugleich musste sie sich mit denselben materiellen Problemen auseinandersetzen: Bergschäden, Wohnungsnot und der Versorgung einer großen Industriebevölkerung.

Das bedeutete keine einfache personelle oder rechtliche Kontinuität. Staat, Amtssprache und politisches System hatten sich verändert. Die Kontinuität betraf vor allem den Ort selbst: Geburten und Sterbefälle mussten weiterhin registriert, Schulen unterhalten, Straßen repariert, Licht und Wasser bereitgestellt und Familien unterstützt werden.

Deshalb ist die Geschichte des Rathauses vor 1945 nicht nur die Geschichte von Amtsträgern, die längst verschwunden sind. Sie erklärt, wie Schomberg funktionierte, bevor der Ort Teil des Nachkriegs-Beuthen wurde.

Systeme, Namen und Amtssiegel wechselten. Die Kasse musste dennoch stimmen. Kinder mussten registriert, Familien unterstützt, Schulen unterhalten und durch Bergschäden beschädigte Gebäude repariert werden. Gerade in dieser alltäglichen Arbeit liegt die eigentliche Geschichte des Schomberger Rathauses.

Bibliografie und Quellen

Zeitgenössische Presse und amtliche Quellen

  • „Katolik“, 1929, 62. Jahrgang, Nr. 113.
  • „Katolik Codzienny“, 1926, 29. Jahrgang, Nr. 10; 1929, 32. Jahrgang, Nr. 218.
  • „Der Oberschlesische Wanderer“, 1934, 107. Jahrgang, Nr. 253.
  • „Der Oberschlesische Wanderer“, 1935, 108. Jahrgang, Nr. 250.
  • „Der Oberschlesische Wanderer“, 1937, 109. Jahrgang, Nr. 79.
  • „Amtsblatt der Regierung zu Oppeln für 1932“, Band 117, Nr. 30 und 49.
  • „Kattowitzer Zeitung“, 1940, 72. Jahrgang, Nr. 62 und 212.
  • „Gau-Anordnungsblatt“ der Gauleitung Oberschlesien, 12. Dezember 1941.

Heimatblätter und Erinnerungsberichte

  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Mai 1967, Nr. 5, Adolf Derschat, „Bürgermeister Carl Czichy aus Klausberg“.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Februar 1978, Nr. 2, „Der Schomberger Bürgermeister Gerhard Enger“.
  • Siegfried Kowollik, „Der Schomberger Bürgermeister Dr. Hans Kuhna“, „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Juni 1979, Nr. 6.
  • Leonhardt Maniura, „Schomberg und der Zweite Weltkrieg“, „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Juni 1989, Nr. 6.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Juni 1991, Nr. 6 – Fotografien der Freiwilligen Feuerwehr Schomberg.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Oktober 1977, Nr. 10 – Fotografie des Personals der Gemeindeverwaltung.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, September 1979, Nr. 9 – Nachruf auf Helene Nowak, geb. Heiduk.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Februar 1981, Nr. 2 – Nachruf auf Josef Müller.
  • „Gleiwitzer-Beuthener-Tarnowitzer Heimatblatt“, Juni 1978, Nr. 6 – „Zum Gedenken an Günter Sandler, Schomberg“.

Darstellungen und Hilfsmaterialien

  • „Pod rządami gauleiterów: elity i instancje władzy w rejencji katowickiej w latach 1939–1945“.
  • „Górny Śląsk podczas II wojny światowej: między utopią niemieckiej wspólnoty narodowej a rzeczywistością okupacji na terenach wcielonych do Trzeciej Rzeszy“.
  • Genealogische Unterlagen und Familienwissen Bursig / Flaczek.
0
0

Read more

Stylizowana wizualizacja ośmiobocznej kapliczki w Szombierkach pośród brzóz

Achtseitiger Bildstock in Schomberg. Geschichte, Legenden und das Rätsel seines Verschwindens

Achtseitiger Bildstock in Schomberg inmitten von Birken — historische Visualisierung
Historische Visualisierung des achtseitigen Bildstocks in Schomberg, erstellt auf der Grundlage von vier originalen Archivfotografien. (Eigene Bearbeitung basierend auf fotopolska.eu).

Wenn man heute die viel befahrene Straße vom Zentrum Beuthens (Bytom) nach Schomberg (Szombierki) passiert, denkt man selten darüber nach, was sich hier vor Jahrhunderten befand. Doch noch vor relativ kurzer Zeit stand in der Nähe dieser Straße, auf einer kleinen Birkengruppe, ein rätselhaftes Objekt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten lokale Geschichtsliebhaber in der Presse erbitterte Debatten über diesen scheinbar gewöhnlichen Bildstock. Er barg in sich Geschichten von einer tödlichen Epidemie, Volksmagie und einem sagenumwobenen russischen General. Er überstand beide Weltkriege, um schließlich 1966 aus der Landschaft zu verschwinden, als er in die Lehmgrube der örtlichen Ziegelei abrutschte.

Quellenhinweis

Die Überlieferungen über die Entstehung dieses Bildstocks sind späten Datums und teilweise legendär. Daher trenne ich im Folgenden das, was aus historischen Quellen und späteren Berichten hervorgeht, von dem, was zur lokalen Sage gehört.

Der achtseitige Wächter der Straße auf der Birkengruppe

Wie aus Berichten hervorgeht, die 1924 in der historischen Beilage „Aus dem Beuthener Lande“ sowie in späteren Ausarbeitungen von Józef Larisch veröffentlicht wurden, befand sich das Objekt auf der linken Seite der Chaussee, die von Beuthen nach Schomberg führte (nahe der Kreuzung mit der heutigen Kamienna-Straße). Es handelte sich um einen massiven, gemauerten und grau verputzten Bildstock in Form eines Turms, der auf einem achteckigen Grundriss errichtet wurde. Den Beschreibungen zufolge war er etwa 1,6 Meter breit und rund 3,5 Meter hoch, gekrönt von einem kleinen, spitzbogigen Dach.

Etwa einen halben Meter unterhalb des Daches befanden sich acht kleine Nischen. Ursprünglich war in jeder von ihnen ein auf Blech gemaltes religiöses Bild angebracht. Doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Zahn der Zeit nur einige Darstellungen verschont: Maria mit dem Kinde, den hl. Joseph sowie Christus mit dem Lamm. Der Rest war fast völlig verblasst, und aus einer Nische soll das Blech komplett verschwunden sein. Woher stammte dieses Bauwerk auf dem Schomberger Feld? Auf diese Frage gab es jahrelang keine eindeutige Antwort.

Theorie I: Opfer des „hitzigen Fiebers“ von 1737

Herbstliche Landschaft, die die Epidemie von 1737 symbolisiert — illustrative Visualisierung
Visualisierung: Im Jahr 1737 verwüstete das „hitzige Fieber“ die Gegend. Die Sage besagt, dass die Kranken im Fieberwahn auf die Felder liefen, wo sie nach ihrem Tod an den Orten begraben wurden, an denen sie niederfielen.

Eine der Interpretationen, abgeleitet aus der alten Chronik von Franz Gramer und späteren regionalen Schriften, brachte den Bildstock mit der Epidemie von 1737 in Verbindung. In der Quelle selbst taucht der Begriff hitziges Fieber auf; erst spätere Ausarbeitungen versuchten, dies mit Typhus gleichzusetzen. Der Überlieferung nach starben innerhalb von vier Monaten etwa 300 Menschen.

Die lokale Sage, die von alten Chronisten zitiert wurde, zeichnete ein sehr suggestives Bild jener Tage. Es wurde erzählt, dass die Kranken, verzehrt von hohem Fieber und Wahnvorstellungen, aus ihren Betten sprangen, aus den Häusern rannten und vor sich hin liefen – den Erzählungen zufolge sogar bis zu einer Achtelmeile weit. Wenn sie tot vor Erschöpfung auf den Feldern oder an den Wegen zusammenbrachen, sollen sie genau dort begraben worden sein, wo sie ihren letzten Atemzug taten. Die Angehörigen der Opfer stifteten später an solchen Orten Bildstöcke oder andere Gedenkzeichen.

Gramer selbst stand dieser Geschichte vorsichtig gegenüber, da die Form der Schomberger Säule auf einen älteren Ursprung als das 18. Jahrhundert hindeuten könnte. Weder die damaligen Gemeindebehörden noch die Gutsverwaltung konnten das Rätsel lösen – zumindest den Berichten vom Beginn des 20. Jahrhunderts zufolge wurden damals keine Dokumente vorgelegt, die den Ursprung des Objekts geklärt hätten.

Theorie II: Blitzschlag, sieben Kinder und schlesische Magie

Gewitter über der Baumgruppe in Schomberg — Visualisierung der Legende vom Blitzeinschlag
Visualisierung: Eine alte schlesische Sage erzählte, dass ein Blitz in die Baumgruppe einschlug, unter der Kinder Schutz gesucht hatten. Man versuchte die Opfer zu retten, indem man sie in der Erde vergrub, damit diese die zerstörerische Kraft „herausziehe“.

Eine völlig andere Geschichte bewahrte die lokale Tradition, die später von Józef Larisch notiert wurde. Dieser Sage nach suchte nach dem Dritten Schlesischen Krieg, also nach 1763, ein außergewöhnlich heftiges Gewitter die Gegend heim. Auf dem Weg vom Schwarzwald (Czarny Las) und Schomberg befand sich damals eine Gruppe von Kindern, die zur Marienkirche in Beuthen zum Religionsunterricht unterwegs war. Auf der Suche nach Schutz liefen sie auf eine nahe gelegene Anhöhe unter eine Baumgruppe.

Ein heftiger Blitzeinschlag soll sieben von ihnen getötet haben. Dies gehört eindeutig in den Bereich der Volkssage, aber gerade deshalb ist diese Überlieferung so faszinierend. Die Erwachsenen versuchten angeblich, die Opfer zu retten, indem sie sie in der Erde vergruben, damit diese den „Blitz herausziehe“, also dem Körper die zerstörerische elektrische Kraft entziehe. Als diese alte Maßnahme wirkungslos blieb, sollen die Kinder auf dem Hügel begraben und über ihrem Grab der Bildstock errichtet worden sein.

Die Legende erklärte auch die Auswahl der Bilder in den acht Nischen. In sieben von ihnen sollten sich die Bildnisse der Schutzheiligen befinden, die den Vornamen der verstorbenen Kinder entsprachen: Maria, Margarethe, Thekla, Antonius, Ignatius, Joseph und Petrus. Die achte Nische soll der Gute Hirte eingenommen haben.

Theorie III: Ein angeblicher russischer General und eine Glocke mit dem Datum 1700

Alte Glocke mit dem Datum 1700 vor dem Hintergrund eines Gutshofes — illustrative Visualisierung
Visualisierung: Nach einem Bericht von 1924 blieb von einem abgerissenen Sakralbau eine Glocke mit dem Datum 1700 erhalten. Sie soll als Arbeitsglocke auf das Schomberger Gut gekommen sein.

Im Jahr 1924 erschien in der Beilage „Aus dem Beuthener Lande“ eine weitere, weitaus fantasievollere Version. Josef Henne behauptete, dass der kleine, achtseitige Bildstock keine eigenständige Kapelle war, sondern der erhaltene Überrest eines größeren Sakralbaus aus dem 17. Jahrhundert. Dieser Erzählung zufolge wurde dort ein russischer General namens Schombierski begraben, der angeblich auf diesen Feldern während der Kämpfe mit den Tataren gefallen war. Von seinem Nachnamen soll sich der Name der Siedlung abgeleitet haben.

Dies ist ein klassisches Beispiel für Volksetymologie. Der Name Schomberg ist viel früher belegt und wird meist mit der alten Form Schoenenberg/Schönberg in Verbindung gebracht, sodass die Legende über den General den Ursprung des Ortes nicht erklärt.

Dennoch enthält Hennes Bericht ein faszinierendes materielles Detail. Der Autor behauptete, dass aus dem abgerissenen Bauwerk eine Glocke erhalten blieb, die auf das nahe gelegene Gut (Dominium Schomberg) gebracht wurde. Sie soll die große Jahreszahl 1700 und die Worte „Jesus Maria“ getragen haben. Wenn dieser Bericht zutrifft, wurde sie später nicht mehr sakral genutzt, sondern als gewöhnliche Arbeitsglocke, um die Menschen zur Arbeit auf dem Gutshof zu rufen.

Theorie IV: Napoleonische Soldaten, ein ertrunkenes Gespann und versteckte Taler

Ein äußerst wertvolles Zeugnis dafür, wie sich die lokale Erinnerung in der Zwischenkriegszeit entwickelte und veränderte, ist ein Ausschnitt aus der deutschsprachigen Presse mit dem Titel „Ein hundertjähriger Bildstock zwischen Schomberg und der Hohenzollerngrube“. Verfasst wurde er von einem Maschinisten namens Strzala (Masch.-Wärter Strzala), einem Mitarbeiter der Hohenzollerngrube (Szombierki). Sein Ziel war es, die Bergleute zu sensibilisieren, damit sie auf dem Weg zur Schicht nicht achtlos an diesem legendenumwobenen Ort vorbeigehen.

Der Autor der damaligen Publikation zitiert Varianten von Sagen, die den freien Umgang der Einwohner mit der Gestaltung der lokalen Geschichte zeigen:

  • Das Grab der Soldaten von 1813: Der Autor beruft sich auf die Gramer-Chronik, verändert deren Sinn jedoch völlig. Gramer schrieb über die Opfer der Epidemie von 1737, während wir in Strzalas Artikel erfahren, dass nach der Schlacht an der Katzbach etwa 300 verwundete Franzosen, Russen und Preußen nach Beuthen kamen, an Typhus starben und der Bildstock angeblich auf ihrem mit Kalk zugeschütteten Massengrab stand.
  • Der Schatz der Familie Cygan: Um diesen napoleonischen historischen Faden glaubwürdiger zu machen, erinnert der Ausschnitt an ein Ereignis aus dem Jahr 1924, als bei Schachtarbeiten auf dem Grundstück der Familie Cygan in Schomberg ein Topf mit silbernen Talern aus dem Jahr 1812 ausgegraben wurde, die vor den französischen Truppen versteckt worden waren.
  • Ein ertrunkenes Gespann: Ein völlig neues Motiv taucht auf — einer der Sagen zufolge befand sich an der Stelle des Bildstocks einst ein Tümpel, in dem ein ganzes Pferdegespann mitsamt den Menschen ertrank („ein Gespann mit Mann und Maus umgekommen ist“).
  • Verzerrte Varianten anderer Mythen: Der Autor merkt an, dass das Objekt ein Dankeszeichen nach der Choleraepidemie im 19. Jahrhundert gewesen sein könnte. Er ruft auch die Legende von den vom Blitz getroffenen Kindern ins Gedächtnis, mit dem Unterschied, dass sie in seiner Erzählung nicht zum Religionsunterricht unterwegs waren, sondern dort einfach Gänse hüteten (beim Gänsehüten).

Dieser historische Presseanhang ist ein perfektes Beispiel dafür, wie harte Fakten fließend mit der Volksfantasie verschmolzen und erstaunliche, völlig von den Quellen losgelöste mythische Geschichten schufen, die in der lokalen Gemeinschaft kursierten.

Der Bildstock aus den Sagen und die echte St.-Josephs-Kapelle

Wenn man sich in die verworrene Vergangenheit der Schomberger Denkmäler vertieft, ist Wachsamkeit geboten. Der geheimnisvolle Bildstock am Straßenrand wird manchmal mit einem anderen, für diesen Ort zentralen Objekt verwechselt — der gemauerten Kapelle des hl. Joseph und der Jungfrau Maria, in der jahrelang die berühmte „Beuthener Madonna“ aufbewahrt wurde. Wenn Sie an den historischen und dokumentierten Schicksalen dieses zweiten, viel größeren Objekts interessiert sind — dessen Stifter und langjähriger Glöckner übrigens mein Ururgroßvater, der Gemeindevorsteher Simon Flatzek, war —, lade ich Sie ein, die separaten Artikel zu lesen:

Quellen und Bibliografie

  • Gramer Franz, Chronik der Stadt Beuthen in Ober-Schlesien, Beuthen 1863, S. 194–195.
  • Graba Joseph, Oberschlesische Heimat, Jahrgang VI, 1910, S. 22–23 (Erwähnungen basierend auf der Gramer-Chronik).
  • Henne Josef, Die Kapelle an der Schomberger Chaussee, in: „Aus dem Beuthener Lande”, Nr. 19, Beuthen, 21. Mai 1924.
  • Larisch Józef, Szombierki. Zarys rozwoju dzielnicy, Bytom 1989, S. 153–155.
  • Strzala, Ein hundertjähriger Bildstock zwischen Schomberg und der Hohenzollerngrube, in: „Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt”, Nr. 7/8 (Juli/August), 1975, S. 52.
1
0

Read more