
Schomberg · Domäne · 1749–1936
Kühe auf Kohle. Das unbekannte Leben der Domäne Schomberg
Wenn wir an das alte Schomberg denken, lässt sich der Kohle kaum entkommen. Die Hohenzollerngrube, Schächte, Rauch, Eisenbahn, Halden und Tausende Menschen, deren Leben vom Rhythmus der Schicht bestimmt wurde, haben beinahe alles überdeckt, was hier zuvor gewesen war.
Und doch konnte man im Jahr 1912 aus der Industrielandschaft geradewegs in einen Stall treten, in dem Dutzende sorgfältig ausgewählter Kühe standen. Die Milch wurde gewogen, gefiltert und untersucht, Maschinen reinigten die Flaschen, die Kühlanlage erreichte eine Leistung von rund 350 Litern pro Stunde, und nach Beuthen gelangten Kindermilch, Kefir und Joghurt.
Das ist keine spätere Legende. Erhalten geblieben ist eine ausführliche Beschreibung mit dem Titel „Die Gutsmolkerei Schomberg im Jahre 1912. Ein moderner Milchwirtschaftsbetrieb im oberschlesischen Industriegebiet“.
Und genau diese Bezeichnung ist der Schlüssel zur ganzen Geschichte. Die Kühe weideten nicht irgendwo abseits, weit entfernt von der Industrie. Das zu den Schaffgotsch’schen Werken gehörende Gut Schomberg lag etwa zwei Kilometer vom damaligen Beuthen entfernt und war — wie F. Meyers schrieb — ringsum von Hütten und Bergwerken umgeben.
Die Kohle hat die Landwirtschaft hier nicht zerstört. Paradoxerweise half sie ihr sogar, sich weiterzuentwickeln.

1. Bevor die Kohle die Landschaft übernahm
Unsere Geschichte ließe sich viel früher beginnen, doch es hat keinen Sinn, die gesamte Geschichte des Dorfes noch einmal zu erzählen. Ein Blick in den Kataster von 1749 genügt.
Die vier dort genannten Halbbauern besaßen jeweils zwei Kühe, die acht Gärtner jeweils eine. In diesen zwölf Wirtschaften standen damit insgesamt 16 Kühe. Hinter dem Tor der Domäne waren es 25.
Auch die Aussaaten und Heuvorräte des Gutshofes waren deutlich größer. Mitte des 18. Jahrhunderts ließ sich der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Bauern und dem Besitzer des Gutes beinahe in Kühen, Scheffeln Getreide und Fuhren Heu zählen.
Diese Welt habe ich ausführlicher im Artikel „Bevor die Kohle kam. Das bäuerliche Schomberg und der Kataster von 1749“ beschrieben. Hier interessiert uns, was später geschah.
Denn man könnte meinen, mit dem Einzug der Großindustrie hätten die Kühe verschwinden müssen. Es geschah etwas wesentlich Interessanteres.
2. Bergwerk und Kuhstall in einer Domäne
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bestanden nebeneinander die Gemeinde Schomberg und der eigenständige Gutsbezirk Schomberg. Gerade im Gutsbezirk lag die Hohenzollerngrube.
Über die Geschichte des Bergwerks, das die landwirtschaftlich geprägte Siedlung in eine der charakteristischen Industrielandschaften der Region verwandelte, habe ich gesondert im Beitrag „Hohenzollerngrube / KWK Szombierki – der eiserne Gigant, der Schomberg verschlang“ geschrieben.
Hier betrachten wir diese Veränderung von der anderen Seite.
F. Meyers bemerkte 1912 etwas scheinbar Paradoxes. Die Entwicklung der Hütten und Bergwerke führte zu einem raschen Bevölkerungswachstum. Und die wachsende Bevölkerung brauchte nicht nur Kohle und Wohnungen. Sie brauchte auch Lebensmittel.
Darunter Milch.
Die Industrie schuf der Domäne somit einen riesigen Absatzmarkt. Der alte Gutshof wurde vom Bergbau nicht einfach hinweggefegt. Er begann sich zu modernisieren und für die Bedürfnisse eines großen industriellen Ballungsraumes zu produzieren.
3. Das Jahr 1912: Hunderte Kühe
Das Ausmaß überrascht.
Nach Meyers hielt man auf Gut Schomberg bereits seit einigen Jahren 200 Kühe und auf dem Vorwerk Schwarzwald weitere 40. Nach der Einrichtung eines Musterstalls im Herbst 1911 wurde der Gesamtbestand nochmals um etwa 50 Tiere erhöht.
Der Autor nennt keine einzige Gesamtsumme, doch eine einfache Zusammenstellung seiner Angaben führt zu ungefähr 290 Kühen im gesamten beschriebenen Wirtschaftssystem.
Es handelte sich nicht um Tiere, die wahllos zusammengekauft worden waren. Die Kühe wurden unter anderem aus angesehenen Zuchtgebieten Ostpreußens und Ostfrieslands bezogen. Entscheidend waren Gesundheit und Milchleistung.
Leistungsschwache Tiere wurden ausgesondert. Gab eine Kuh zu wenig Milch und ließ sich der Leistungsrückgang nicht mit einer Trächtigkeit erklären, konnte sie aus dem Bestand ausscheiden. Kälber wurden grundsätzlich nicht aufgezogen: Nach den ersten Tagen, in denen sie Kolostrum erhielten, verkaufte man sie an Fleischer.
Kranke Tiere kamen in einen gesonderten Stall. Ihre Milch durfte nicht für Menschen verwendet werden — sie wurde als Schweinefutter genutzt.
Das war kein alter Gutshof mehr, der nur aus Gewohnheit funktionierte. Die Produktion wurde wie ein Unternehmen geführt.

4. Der Stall als Labor
Am erstaunlichsten ist das Ausmaß der Kontrolle.
Die Ställe sollten geräumig, hell und gut belüftet sein. Tröge und Böden wurden aus Materialien gefertigt, die sich leicht abwaschen ließen, und die Innenräume viermal jährlich gekalkt. Die Tiere wurden täglich gestriegelt, bei Bedarf gewaschen und zweimal im Jahr geschoren.
Im Musterstall waren die Anforderungen noch strenger. Man verwendete frische Einstreu, wusch die Tiere und achtete sogar darauf, dass die Kuhschwänze die Standplätze nicht verschmutzten. Vor dem Melken wurden die Euter gereinigt. Die Melkerinnen wuschen Hände und Arme, arbeiteten in hellen Schürzen und Kopfbedeckungen, und die ersten Milchstrahlen wurden verworfen.
Die Kühe wurden dreimal täglich gemolken und fünfmal gefüttert.
Hinzu kam die zahlenmäßige Kontrolle. Der Bestand gehörte einem Viehkontrollverband für die Provinz Sachsen an. Ein besonderer Beamter führte die Unterlagen, nahm Probemelkungen vor, und einmal im Monat wurde der Fettgehalt der Milch jeder einzelnen Kuh nach der Gerber-Methode bestimmt. Auch der Verschmutzungsgrad der Milch wurde geprüft.
Der Musterstall mit 50 Kühen stand unter Aufsicht des königlichen Kreistierarztes. Er sollte besonders hochwertige Milch liefern, die unter anderem für Säuglinge, Kinder, Kranke und Rekonvaleszenten bestimmt war.
Einige hundert Meter weiter fuhren Bergleute unter Tage. Hier notierte jemand die Leistung einer einzelnen Kuh und bestimmte den Fettgehalt ihrer Milch.
Zwei Welten? In Wirklichkeit ein einziger wirtschaftlicher Organismus.
5. Vom Stall direkt in die Flasche
Nach dem Melken begann der zweite Teil des Prozesses.
Die Milch wurde erneut gefiltert, unter anderem durch speziell vorbereitete Watte. Der Verfasser der Beschreibung betonte die schnelle Kühlung anstelle einer Erwärmung — nach den damaligen Vorstellungen sollte dies die Vermehrung von Mikroorganismen hemmen, ohne die Eigenschaften frischer Milch zu beeinträchtigen.
Die Kühlanlage arbeitete mit einem Kohlensäuresystem und wurde von einem Elektromotor mit 22 PS angetrieben. Die Leistung des Kühlers wurde mit etwa 350 Litern pro Stunde angegeben.
Und es gab Maschinen.
Die Flaschen wurden innen und außen maschinell gereinigt. Eine weitere Maschine füllte gleichzeitig 40 Flaschen, die anschließend mit sterilisierten Scheiben verschlossen wurden.
Das ist nicht mehr das Bild von Milch, die aus einem Eimer in eine Kanne gegossen wird. Die Gutsmolkerei Schomberg arbeitete wie ein moderner Lebensmittelbetrieb.
In der Beschreibung von 1912 erscheinen etwa 2500 Liter Milch, die in den Schomberger Ställen gewonnen wurden. Der erhaltene Text nennt an dieser Stelle die Zeiteinheit nicht eindeutig, weshalb aus dieser Zahl keine präzise Tagesstatistik gemacht werden sollte. Bekannt ist dagegen, dass Schomberg zusätzlich etwa 1000 Liter aus Gütern außerhalb des eigentlichen Industriebezirks bezog.

6. Kefir, Joghurt und Milcheis
Die Molkerei beschränkte sich nicht auf gewöhnliche Milch.
Im Jahr 1912 bot sie Kindermilch, Flaschenmilch und Milch aus größeren Behältern sowie Kefir und Joghurt an. Im Sommer wurde sogar Milcheis hergestellt.
Die Preisliste sah folgendermaßen aus:
Kindermilch, 1 Liter — 35 Pfennig
Kindermilch, 1/2 Liter — 18 Pfennig
Flaschenmilch, 1 Liter — 23 Pfennig
Bottichmilch, 1 Liter — 20 Pfennig
Kefir, 1 Liter — 40 Pfennig
Yoghurt, 1 Liter — 50 Pfennig
Joghurt war damals in Schomberg noch ein vergleichsweise neues Produkt. Meyers schrieb, die Molkerei stelle ihn seit etwa einem Jahr her und verwende dazu einen als „Maya“ bezeichneten Ferment.
Im Text findet sich auch die für jene Zeit typische Begeisterung für die gesundheitlichen Eigenschaften von Kefir und Joghurt. Diese Passagen sollte man als Zeugnis des damaligen Wissens und der damaligen Lebensmittelwerbung lesen, nicht als heutige medizinische Empfehlung.
Für einen Bewohner des industriellen Schomberg war das Angebot dennoch ausgesprochen modern: gewöhnliche Milch, Kindermilch, Kefir, Joghurt — und im Sommer sogar Eis.
7. Schomberger Milch fährt nach Beuthen
Der beste Kunde war das nahe Beuthen.
Im Sommer verkaufte die Gutsverwaltung Schomberg Milch im Beuthener Stadtgarten. Dort stand ein besonderes Milchhäuschen — eine kleine Verkaufsstelle, an der man frische Milch trinken konnte.
In Schomberg selbst wurde Milch ebenfalls bei der Molkerei und auf dem Vorwerk verkauft. Und das Vertriebsnetz verschwand nicht mit dem Ende der wilhelminischen Epoche.
Das Telefonbuch von 1936 führt bereits ausdrücklich die „Gutsverwaltung u. Molkerei Schomberg-Bobrek“ der Gräfl. Schaffgotsch’sche Werke GmbH auf. Die Molkerei besaß damals mindestens zwei eigene Verkaufsstellen in Beuthen: Kattowitzer Straße 3 und Ostlandstraße 30b.
Das ist ein guter Moment, sich an den alltäglichen Handel des alten Schomberg zu erinnern. Geschäfte, Bäckereien, Fleischer, Milchhändler und Gastwirtschaften erscheinen ausführlicher im Artikel „Schomberg 1927. Von der Bergbauschicht bis zum Abend bei Schyska“.
Die Schomberger Gutsmolkerei arbeitete jedoch in einer anderen Größenordnung. Sie war Teil der Wirtschaft des großen Schaffgotsch’schen Unternehmens und bediente einen Markt, der weit über den Ort selbst hinausreichte.
8. Milch statt Schnaps
Im Jahr 1912 entstand bei der Molkerei noch ein weiteres interessantes Projekt.
Der Milchgarten sollte etwa 4300 Quadratmeter groß werden. Geplant war er als Volksgarten — als Garten für die Einwohner, mit Plätzen für Kinder, Bänken und Tischen.
Es ging nicht nur um Erholung.
Der Autor schrieb ausdrücklich vom Arbeiterwohl. Der leichte Zugang zu frischer Milch sollte Arbeiter und ihre Familien zu deren Verzehr anregen. Im Text findet sich sogar der Vergleich, dass man für den Preis eines Liters Branntwein die zwei- bis dreifache Menge Milch kaufen konnte.
Die Botschaft ist eindeutig: statt Schenke — Milchgarten.
Das klingt gerade in Schomberg besonders hintergründig, denn Alkohol besaß dort eine wesentlich ältere und weniger harmlose Geschichte. Über den früheren Propinationszwang, Bier und Schnaps habe ich ausführlicher im Artikel „Von der Propination zur Biermetropole. Die Geschichte des Bieres in Schomberg und Beuthen“ geschrieben.
Im Jahr 1912 versuchte die Verwaltung der Domäne zumindest symbolisch, diese Richtung umzukehren. Kindergesichter an einer Milchtheke — schrieb Meyers — böten einen erfreulicheren Anblick als die Menge vor einer gut gehenden Schenke.

9. Von der Höhensonne zu firmeneigenen Verkaufsstellen
Die Geschichte endet nicht im Jahr 1912.
1931 erschien anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Turn- und Spielverein 06 Schomberg eine Festschrift mit Anzeigen örtlicher Firmen. Ein Original dieser Veröffentlichung gelangte Jahre später zu Siegfried Kowollik, der die Anzeigen im „Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt“ beschrieb.
Die Molkerei Schomberg warb damals unter anderem mit Vollmilch, die mit „Höhensonne“ gegen Rachitis bestrahlt wurde, mit gesunder Rohmilch und Flaschenmilch. Die Anzeige hob die ständige Kontrolle durch ein hygienisches Institut, die Filtration durch Watte und die intensive Kühlung hervor.
Besonders wichtig ist, dass der Rinderbestand in ein staatliches Programm zur Bekämpfung der Tuberkulose einbezogen gewesen sein sollte.
Die Molkerei erinnerte außerdem an frühere Erfolge: den ersten Preis auf der IV. Milchwirtschaftlichen Ausstellung in Kiel im Jahr 1912 sowie eine Auszeichnung während der 6. Grünen Woche in Berlin.
Das zeigt Kontinuität. Der Betrieb, den Meyers 1912 als modernes Experiment mitten im Industriegebiet beschrieben hatte, baute zwei Jahrzehnte später seine Marke weiterhin auf Hygiene, Qualität und Modernität auf.
Und das Telefonbuch von 1936 bestätigt, dass die „Gutsverwaltung u. Molkerei Schomberg-Bobrek“ weiterhin innerhalb des Schaffgotsch’schen Unternehmens tätig war.

10. Kühe auf Kohle
Mitte des 18. Jahrhunderts standen hinter dem Tor der Domäne 25 Kühe.
Anderthalb Jahrhunderte später arbeitete dasselbe Schomberger Gut mitten in einem der am stärksten industrialisierten Gebiete Europas. Im Gutsbezirk lag die große Hohenzollerngrube, und zugleich hielt Gut Schomberg Hunderte Kühe und betrieb eine moderne Molkerei.
Das ist keine Geschichte von einem idyllischen Dorf, das wie durch ein Wunder dem Ansturm der Industrie widerstand.
Sie ist interessanter.
Die Landwirtschaft selbst wurde industrialisiert. Kühe wurden nach Leistung ausgewählt, die Milch kontrolliert, gekühlt und gefiltert, Maschinen übernahmen die Flaschen, die Produkte gingen nach Beuthen, und die Werbung rühmte Hygiene, Auszeichnungen und die Bekämpfung von Rinderkrankheiten.
Kohle und Milch waren also keine zwei getrennten Welten. Beide gehörten zur selben Wirtschaft der Schaffgotsch und dienten den Bedürfnissen desselben, rasant wachsenden Industriegebiets.
Darum sind die „Kühe auf Kohle“ nicht bloß ein scherzhafter Titel.
Eigentlich ist das die kürzeste Beschreibung der Domäne Schomberg zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Und wer sehen möchte, was die Schaffgotsch’sche Wirtschaft noch alles organisieren konnte, wenn es um Lebensmittel für Tausende Beschäftigte ging, sollte auch einen Blick auf die „Operation Weihnachtsgans“ werfen — die Geschichte der Suche nach 5500 Gänsen im Jahr 1934.
Bibliografie und Quellen
- F. Meyers, „Die Gutsmolkerei Schomberg im Jahre 1912. Ein moderner Milchwirtschaftsbetrieb im oberschlesischen Industriegebiet“, Nachdruck im „Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt“, April 1982 (4), S. 30–33 sowie Mai 1982 (5), S. 26–28. Der Text beschreibt den Stand von 1912; der Ort der ursprünglichen Veröffentlichung konnte bislang nicht ermittelt werden.
- Franzke, „Einige Daten aus Schombergs Vergangenheit“, „Aus dem Beuthener Lande“, Jg. 2, Nr. 3, S. 12, Beuthen O/S., 21. Januar 1925; Nachdruck im „Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt“, September 1976.
- Siegfried Kowollik, „Erinnerungen an Schomberg. 4. Teil. Geschäftsanzeigen im Jahre 1931“, „Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt“, Mai 1980 (5), S. 35–36.
- „Spis abonentów sieci telefonicznych Dyrekcji Okręgu Poczt i Telegrafów w Katowicach oraz central niemieckiego Górnego Śląska: Beuthen, Gleiwitz i Hindenburg na 1936 r.“ — Eintrag „Gutsverwaltung u. Molkerei Schomberg-Bobrek“ sowie Verzeichnis der Verkaufsstellen in Beuthen.
- Franz Stodolka, „Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen“ — Angaben zum Gutsbezirk Schomberg und zur Lage der Hohenzollerngrube auf dem Gutsbezirk.
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