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Operation „Weihnachtsgans“. Wie ein Direktor und Flieger Weihnachten bei den Schaffgotsch-Werken rettete

Schaffgotsch 1934 – akcja zakupu 5500 świątecznych gęsi dla pracowników

Oberschlesien · 1934 · Geschichte mit einem Augenzwinkern

Operation „Weihnachtsgans“. 5500 Vögel, Orient-Express und ein doppelter Kognak

Wie die Schaffgotsch-Werke auf die Jagd nach einem Weihnachtsgeschenk für ihre Belegschaft gingen – und wie aus einer einfachen Idee rasch eine logistische Komödie wurde.

Herbst 1934. In der Leitung der Schaffgotsch-Werke entsteht eine Idee: Zu Weihnachten müssen 5500 lebende Gänse beschafft werden.

Fünftausendfünfhundert.
Lebend.

Auf dem Papier sah alles ausgezeichnet aus. Dann erfuhr Gutsinspektor Mende aus Bobrek von den Einzelheiten.
Humoristische Schwarzweiß-Illustration eines Mannes mit einer lebenden Weihnachtsgans in Oberschlesien im Jahr 1934
Illustration: eine Weihnachtsgans im oberschlesischen Alltag der 1930er Jahre.

Der Flieger mit der Vorliebe für Vögel

Urheber dieser kühnen Idee war Dr. Hans Verres, einer der führenden Männer der mächtigen Schaffgotsch-Werke.

Die Werkszeitung erklärte seine Initiative auf eine Weise, die man auch nach mehr als neunzig Jahren kaum verbessern muss. Verres sei Flieger gewesen und habe deshalb offenbar „Vorliebe für die Vögel“ gehabt.

Der Scherz war für die damaligen Leser sofort verständlich. Verres gehörte tatsächlich zu den wichtigen Persönlichkeiten des oberschlesischen Flugsports. 1934 führte er die Fliegeruntergruppe Oberschlesien, und die regionale Presse lobte die Organisation des Flugwesens unter seiner Leitung. Als sichtbaren Erfolg nannte man den dritten Platz beim Deutschlandflug.

Zum Geburtstag schenkten ihm die Gleiwitzer Flieger sogar eine in der dortigen Staatlichen Hütte gegossene Hindenburg-Büste.

Kurz gesagt: Als der Flieger Verres auf die Idee kam, einige Tausend Gänse zu kaufen, bekam der Autor der „Schaffgotsch Werks-Zeitung“ den passenden Witz praktisch frei Haus geliefert.

Generaldirektor Dr. Berve genehmigte den Plan. Also: ans Werk!

Karikatur eines Direktors der Schaffgotsch-Werke, der 1934 den Plan zur Beschaffung von 5500 lebenden Gänsen präsentiert
Illustration: der Plan war einfach – 5500 Gänse. Die Einzelheiten sollten später kommen.

Mende nimmt den Bleistift – und plötzlich wird es ungemütlich

Für die Expedition wurden Fachleute abgestellt. Da war Gutsinspektor Mende, da war Einkaufschef Dr. Schwenzer, und am Steuer saß Fonfara. Mit dem Wagen ging es über Rosenberg, Kreuzburg, Oppeln und Deschowitz.

Die Aufgabe war einfach: 5500 Gänse finden.

Mende machte allerdings den ersten Fehler.

Er fing an zu rechnen.

Nach Mendes Berechnung würden 5500 Gänse täglich ungefähr 55 Zentner Hafer und 165 Zentner Möhren benötigen.

In heutigen Einheiten heißt das: 2,75 Tonnen Hafer + 8,25 Tonnen Möhren = rund 11 Tonnen Futter pro Tag.

Für zwanzig Tage wären das ungefähr 220 Tonnen Gänsefutter.

In diesem Augenblick begann das Weihnachtsgeschenk eher wie die Versorgungsaktion für eine mittelgroße Armee auszusehen.

Mende versuchte deshalb, Fahrer Fonfara davon zu überzeugen, vielleicht doch lieber umzudrehen. Der Einkaufschef beruhigte ihn. Ein großes Gut müsse mit so einer Kleinigkeit doch fertigwerden. Hier etwas Hafer, dort ein paar Möhren …

Da fiel Mende noch ein weiteres Detail ein:

Er hatte nicht einmal einen Platz für diese 5500 Gänse.

„Dann bauen wir eben etwas an?“

Der mitreisende Vertreter der Landwirtschaftlichen Warenzentrale Oppeln schlug eine Lösung vor, wie sie einem tüchtigen Organisator würdig war:

Dann muss eben angebaut werden.

Mende war ungefähr so begeistert, wie man es von einem Mann erwarten darf, dem gerade erklärt wurde, dass er wegen einiger Weihnachtsgänse sein Gut erweitern solle.

Sein Gut war erst nach längerer Zeit dabei, einen kleinen Gewinn abzuwerfen, und nun sollten plötzlich zusätzliche Kosten entstehen, weil irgendjemand ganz oben 5500 lebende Gänse für eine hervorragende Weihnachtsidee hielt.

Sparsamkeit! Vernunft! Eiserner Fleiß! … und ein paar Tausend Gänse.

Der Orient-Express kommt

Mende sah seine Felder in Bobrek bereits vor sich.

Darauf: 5500 friedlich umherlaufende Gänse.

Und dann fährt ein Zug vorbei.

Nicht irgendeiner.

Der Orient-Express.

Mende sah die Szene schon vor seinem inneren Auge: Der Zug fährt vorbei, die Gänse geraten kollektiv in Panik und alle 5500 heben ab. Das Weihnachtsgeschenk verlässt gerade Bobrek …

Stellen wir uns das vor: Bobrek, 1934. Unten Gruben und Schlote. Auf den Gleisen der Orient-Express. Und darüber eine riesige Wolke flüchtender Gänse!

Humoristische Vision des Inspektors Mende: Tausende Gänse fliehen über Bobrek, aufgeschreckt vom Orient-Express
Illustration: Mendes schlimmster Traum – der Orient-Express löst über Bobrek eine große Gänsewanderung aus.

Dr. Schwenzer verschreibt ein Heilmittel

Gutsinspektor Mende war, wie der Bericht erkennen lässt, inzwischen völlig niedergeschlagen. Da trat Einkaufschef Dr. Schwenzer auf den Plan.

Er brachte seinen Kollegen mit … Kognak wieder auf die Beine – und zwar einem doppelten!

Die Methode muss überzeugend gewirkt haben, denn kurz darauf beschloss Schwenzer, vorsorglich dasselbe Heilmittel selbst einzunehmen.

Die Kommission konnte weiterfahren.

Gänse gab es allerdings immer noch keine.

Wo sind all die Gänse hin?

Sie fuhren von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, doch überall sah es ähnlich aus: keine Gänse.

Schließlich fand man die Ursache der Katastrophe.

Etwa einen Monat zuvor waren Händler aus der Gegend von Trebbin in Brandenburg durch die Region gezogen. Sie kauften Geflügel auf, das später für die Feinschmecker in Leipzig, Dresden und Berlin bestimmt war.

Laut Werksbericht hatten sie bereits ungefähr 100.000 Gänse aufgekauft.

Zum Glück hatten die Bauern noch eine „stille Reserve“

Die Lage schien aussichtslos – bis die Bauern eine sehr wichtige Nachricht hörten.

Die neue Schaffgotsch-Gänseaufkäufer-Kommission war bereit, mehr zu zahlen als die vorherigen Händler.

Und plötzlich geschah ein Wunder!

Die Gänse tauchten wieder auf.

Hier und da stellte sich heraus, dass die Bauern doch noch über eine gewisse „stille Reserve“ verfügten.

Natürlich ging es nicht ums Geld. Keineswegs. Wie der Autor ironisch bemerkte, wollten die Bauern lediglich den „armen Kumpels“ einen Weihnachtsbraten gönnen.

Dass Schaffgotsch besser zahlte, war vermutlich nur ein glücklicher Zufall.

20.000! Jetzt sind es zu viele!

Plötzlich drehte sich die Lage um 180 Grad.

Ein Bauer versprach so viele. Der nächste noch mehr. Ein dritter entdeckte gleich die nächste „stille Reserve“.

Die Kommission notierte die Zusagen, hielt aber an einer vernünftigen Regel fest:

„Erst Ware, und dann das Geld!“

In Deschowitz wurden schließlich alle Zusagen zusammengezählt.

Bedarf: 5500 Gänse
Zugesagte Lieferungen: 20.000 Gänse

Und nun begann Mende, der sich eben noch Sorgen gemacht hatte, dass es zu wenige Gänse gäbe, sich Sorgen zu machen, dass es zu viele sein könnten.

„Zwanzigtausend Gänse! Was sollen wir mit so vielen Gänsen machen?!“

Der Mann hatte es wirklich nicht leicht.

Schwenzer dagegen bewahrte die Ruhe. Sinngemäß meinte er: Nur keine Aufregung – gut wäre es schon, wenn von den zwanzigtausend am Ende fünftausend kämen.

Und wie sich herausstellte, hatte er recht.

20.000 auf dem Papier. 2000 in Wirklichkeit

Die Kommission kehrte nach Hause zurück.

Ein Tag verging. Ein zweiter. Ein dritter. Ein vierter. Ein fünfter.

Von den zugesagten 20.000 blieben in der Realität ungefähr 2000 Gänse.

Mende atmete auf.

Man musste keine gigantischen Futtermengen beschaffen. Das Gut musste nicht erweitert werden. Und vor allem würde keine Armee von zwanzigtausend Vögeln auf einmal über die Felder von Bobrek marschieren.

Es gab nur ein kleines Problem:

Bis zu den benötigten 5500 fehlte immer noch eine ganze Menge.

Und wenn man einfach tote kauft?

Mende machte einen Vorschlag, wie ihn ein praktischer Mann eben macht.

Warum musste die Gans eigentlich lebendig sein?

Man konnte doch bereits geschlachtete Gänse kaufen. Auf dem Weihnachtstisch wäre das Ergebnis schließlich ungefähr dasselbe.

Der Vorschlag kam nicht durch.

Der Einkaufschef wollte nichts davon wissen, dass ein Schaffgotsch-Arbeiter irgendeine verdächtige „krepierte Gans“ bekam, bei der niemand wusste, wann und unter welchen Umständen sie ihr Leben beendet hatte.

Die Gans sollte beim Arbeiter lebend ankommen.
Punkt.

Die zweite Offensive beginnt

Diesmal wurde die Suche ausgeweitet.

„Späher“ wurden unter anderem nach Beuthen, Ratibor, Leobschütz und Falkenberg geschickt.

Die Anweisung war im Grunde einfach:

Alles, was nach Gans aussieht, mitnehmen.

Nun half die Landwirtschaftliche Warenzentrale in Oppeln.

Ein Lastwagen wurde zu einem großen fahrenden Käfig umgebaut. Und die Tour begann: von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt.

Wo eine Gans auftauchte, erschien die Kommission. Wo die Kommission erschien, tauchte Bargeld auf. Und wo Bargeld auftauchte, erschienen – durch einen bemerkenswerten Zufall – immer häufiger auch Gänse.

Der Autor der Werkszeitung fasste es ohne Illusionen zusammen: Den Widerstand der Gänsebesitzer brach am zuverlässigsten die „klingende Münze“.

Humoristische Illustration eines zum Gänsekäfig umgebauten Lastwagens während der Einkaufsaktion der Schaffgotsch-Werke im Jahr 1934
Illustration: fahrender Käfig, Bargeld und die zweite Offensive der Gänseeinkaufskommission.

Und was ist mit Schomberg?

Die ganze Geschichte betraf die Belegschaften des großen Schaffgotsch-Konzerns, zu dem schließlich auch die Hohenzollerngrube in Schomberg (heute Szombierki) gehörte.

Gerade hier sieht man gut, dass die Zahl 5500 nicht einfach aus der Luft gegriffen war.

Die Schaffgotsch-Werke konnten Betriebsfeiern für ihre Belegschaften durchaus im großen Stil organisieren. In einem erhaltenen Vorkriegsbericht über eine Barbarafeier auf der Hohenzollerngrube ist von mehr als 3000 Beschäftigten die Rede. Das Zechenhaus reichte nicht aus. Auch Waschkaue, Maschinenhallen und weitere Betriebsräume wurden zum Feiern genutzt.

Maschinen wurden mit Tannengrün verkleidet, lange Tischreihen aufgestellt. Darauf gab es Bier, Wurst, Semmeln und etwas Rauchbares.

Für einen Tag wurde sogar die normale Betriebsordnung aufgehoben und eine besondere Ordnung für die Barbarafeier bekanntgegeben. Generaldirektor Berve und Dr. Verres gingen durch die einzelnen Räume und begrüßten die Belegschaft.

Bei diesem Maßstab klang der Gedanke „Zu Weihnachten kaufen wir 5500 Gänse“ anfangs vielleicht wirklich gar nicht so bedrohlich.

(Bis jemand das Futter ausrechnete.)

Die Geschichte ist komisch – die Zeit war es nicht unbedingt

Hinter der humorvollen Geschichte stand natürlich ein deutlich nüchternerer Hintergrund.

Im selben Jahr 1934 erschien Dr. Verres auf der Hohenzollerngrube in Schomberg während eines Besuchs von Baldur von Schirach. Bei dieser Gelegenheit sprach er unter anderem über die Lohnverhältnisse in Oberschlesien und äußerte die Hoffnung auf baldige Besserung.

Ob gerade deshalb einige Monate später die Idee mit den Weihnachtsgänsen entstand, wissen wir nicht.

Eines lässt sich aber sagen: Eine lebende Gans vor Weihnachten war ein wesentlich konkreteres Geschenk als die nächste Hoffnung auf bald bessere Löhne.

„Und wenn meine Gans zu mager ist?“

Leider verrät uns der Bericht das wichtigste Ergebnis der ganzen Aktion nicht. Wir wissen nicht, ob am Ende tatsächlich alle 5500 Gänse zusammenkamen.

Wir wissen jedoch, dass die Werkskommission weiterhin an den Erfolg glaubte und hoffte, dass jeder Schaffgotsch-Arbeiter seine Weihnachtsgans erhalten würde.

Ein Problem blieb allerdings noch.

Was passiert, wenn ein Bergmann eine zu magere Gans bekommt?

Was, wenn er reklamieren kommt?

Was, wenn er die Verantwortlichen für den Einkauf persönlich aufsuchen möchte?

Dr. Schwenzer und Inspektor Mende hatten offenbar ebenfalls darüber nachgedacht. Deshalb beantragten sie für die Weihnachtszeit vorsorglich:

14 Tage Erholungsurlaub.

Und – wie die Kommission selbst schrieb – hegten sie die stille Hoffnung, dass ihnen der Urlaub „angesichts der Gefährlichkeit der Situation“ auch tatsächlich bewilligt würde.

Nach 5500 Gänsen, Hunderten Kilometern, 4400 Zentnern möglichem Futter, der Vision vom Orient-Express, zwanzigtausend Zusagen, zweitausend realen Vögeln und mindestens einem doppelten Kognak …

kann man es ihnen kaum verdenken.

Kandidaten für den Kochtopf

Der Originalbericht trug den Titel „Auf der Jagd nach Weihnachtsgänsen“.

Eines der Fotos war mit „In Erwartung der Kumpels“ überschrieben.

Die beste Bildunterschrift hob sich die Redaktion jedoch bis zum Schluss auf. Eine Gruppe von Menschen mit den Vögeln wurde betitelt:

„Abmarsch der Kochtopfaspiranten“

Mehr als neunzig Jahre sind vergangen. Wir wissen nicht, wie viele der geplanten 5500 Gänse vor Weihnachten tatsächlich in den Haushalten der Schaffgotsch-Beschäftigten ankamen.

Eines ist jedoch sicher: Die Weihnachtsgänse-Einkaufskommission hat uns eine der absurdesten und zugleich unterhaltsamsten Geschichten aus dem industriellen Oberschlesien hinterlassen.

Und Inspektor Mende?
Wir hoffen nur, dass er seinen Urlaub bekam.
Und dass in diesen vierzehn Tagen niemand in seiner Nähe von Gänsen sprach.

Quellen und verwendete Materialien
  • Schaffgotsch Werks-Zeitung, 1934, Jg. 2, Nr. 26: „Auf der Jagd nach Weihnachtsgänsen“ – Hauptquelle der gesamten Geschichte.
  • Oberschlesische Volksstimme, 1934, Jg. 60, Nr. 284 – Besuch auf der Hohenzollerngrube und die Äußerung von Dr. Verres zu den Lohnverhältnissen in Oberschlesien.
  • Der Oberschlesische Wanderer, 1934, Jg. 107, Nr. 183 – Tätigkeit von Dr. Verres im oberschlesischen Flugsport und Erwähnung des Deutschlandflugs.
  • Oberschlesische Volksstimme, 1934, Nr. 216, 253 und 311 – Materialien zur fliegerischen Tätigkeit von Dr. Verres.
  • Ostdeutsche Morgenpost, 1934, Nr. 214 und 229 – Tätigkeit des Flugsportmilieus und seine Verbindungen zur oberschlesischen Industrie.
  • Gleiwitzer – Beuthener – Tarnowitzer Heimatblatt, November 1963 – rückblickender Bericht über eine der Vorkriegs-Barbarafeiern auf der Hohenzollerngrube in Schomberg.
  • Unser Oberschlesien, 1958 und 1968 – spätere biografische Materialien zu Dr. Hans Verres.
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